Apparat - Walls

Apparat- Walls

Shitkatapult / Al!ve
VÖ: 25.05.2007

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Süßer die Glöckchen nie klingen

"Beee-llooo, beee-llo e im-po-sibile". So ähnlich schnarrte es irgendwann tief in den Achtzigern die italienische – so sagt man wohl – Rockröhre Gianna Nannini in allen Samstagabendshows des deutschen Unterhaltungsfernsehens in die Mikrofone, ehe sie von irgendeinem Frank Elstner wieder hinter die Kulissen geschoben wurde. Wer das ohne Schweißperlen auf der Stirn ertrug, hatte Nerven wie Drahtseile. Sascha Ring alias Apparat muss über das Nervenkostüm eines nordsibirischen Auftragskillers verfügen, denn der Mitbetreiber des Berliner Labels Shitkatapult arbeitet mit der italienischen Lederjackenträgerin gar an einer Rockoper. Bemerkenswert ist hieran nicht allein, dass Ring sich dafür ausgerechnet Nannini ausgesucht hat, der er gerne soundmäßig in die Jetztzeit hinüberhelfen möchte, sondern dass es um Gitarrenmusik geht – denn als Apparat hat Ring eigentlich mit Technotracks für den Club angefangen.

Deren Funktionalität ist ihm allerdings schon seit einiger Zeit zu langweilig geworden. Ring versucht sich daher an der Hochzeit von Elektronik und Popsongs und legte 2006 zusammen mit der Berliner Techno-DJane Ellen Allien das hervorragende Album "Orchestra of bubbles" vor. Bereits während der Aufnahmen dazu entstanden über siebzig Songentwürfe für ein neues eigenes Album, die Ring anschließend für die dreizehn Songs von "Walls" ausarbeitete. Geholfen hat ihm vor allem der Gastsänger Raz Ohara, der insgesamt vier Stücke mit einer ganz eigenen Mischung aus Funk und Zerbrechlichkeit ausstattet. Dreimal versucht sich Ring auch selbst mit Falsettstimme als Sänger und gewinnt dabei mit "Arcadia" sogar den Preis für den besten Song des Albums. Über dem pochenden "Bumm-bumm, bummbumm" der Bassdrum webt Ring ein wie mit einem Stift geklopftes "tika-datiktak, tak" ein, so als habe er mit ein paar Laptopkumpels im Schlafzimmer gejammt. Synthesizer, Akustikgitarre und Stimme drüber, fertig ist ein Stück wunderbaren Elektronikpops.

Funkiger ist "Hailin from the edge", das auf einem stoischen Basslauf über die Meere segelt und von Ohara interpretiert wird als Mischung aus einem weniger kapriziösen Prince und einem Ertrinkenden, der nach Luft ringt. Für das entrückte "Birds" hat offenbar ein Buntspecht die Sounds beigesteuert, zu denen Ring noch ein paar Glöckchen dazugibt. Das sehr tanzbar daherrollende "Fractales pt. 1" mit seinen Klöppelsounds oder "Headup" hingegen greifen die barocke Synthiestreicheropulenz von M83, Ulrich Schnauss oder Nathan Fake auf. Was "Walls" dabei immer zusammenhält ist neben dem Sinn für intelligente Beats und gut klingende Sounds eine Stimmung, die zwischen bittersüßer Melancholie und kitschiger Sonnenaufgangseuphorie schwankt. Das unterscheidet Apparat auch wesentlich vom Ansatz eines Thom Yorke, der mit düsterer Miene und den Weltuntergang beschwörend stets von der Klippe zu springen droht, auf der Apparat einfach die schöne Aussicht genießt. Hin und wieder übertreibt es Sascha Ring auch ein wenig mit der Streicherseligkeit und dem Willen zum Pop, weshalb die Zusammenarbeit mit Ellen Allien den entscheidenden Tick besser bleibt. Aber wenn er so weiter macht, krempelt er sogar das Reibeisen Gianna Nannini noch zu einer neuen Nico um – die glücklich machenden Glöckchen dazu hat er ja schon.

(Harald Jakobs)

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Highlights

  • Hailin from the edge
  • Fractales pt. 1
  • Arcadia

Tracklist

  1. Not a number
  2. Hailin from the edge
  3. Useless information
  4. Limelight
  5. Holdon
  6. Fractales pt. 1
  7. Fractales pt. 2
  8. Birds
  9. Arcadia
  10. You don't know me
  11. Headup
  12. Over and over
  13. Like porcelain

Gesamtspielzeit: 60:01 min.

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