Sigur Rós - Hvarf/Heim

Sigur Rós- Hvarf/Heim

EMI
VÖ: 02.11.2007

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Kein schöner Land

Die Top 5 der ärgerlichsten und hartnäckigsten Sigur-Rós-Klischees aller Zeiten.

Platz 5: Sigur Rós' Musik ist wie der Soundtrack zu einem Film, der erst noch gedreht werden muss. Wird gerne von Rezensenten behauptet, die sich in ihren Texten vornehmlich an sphärischen, instrumentalen Platten abarbeiten müssen. Hat sich jetzt aber erledigt, weil Sigur Rós gemeinsam mit dem kanadischen Regisseur Dean DeBlois (of "Lilo & Stitch"-fame) ihren ersten abendfüllenden Film "Heima" gedreht haben. Es ist eine Dokumentation über die Band und ihr Zuhause. Über Islands häufig als absonderlich beschriebenen Charakter und die Auswirkungen, die das auf die Menschen dort hat. "Hvarf/Heim" rundet das Ganze als begleitende Doppel-EP ab: CD1 sammelt fünf ältere, teils unveröffentlichte Songs in neu arrangierten Versionen. CD2 enthält sechs rein akustische Aufnahmen bekannter Hits und Gassenhauer. Ein Soundtrack im herkömmlichen Sinn ist "Hvarf/Heim" trotzdem nicht.

Platz 4: Sigur Rós machen Musik für Selbstmörder und alle, die es werden wollen. Wird gerne von emotional verwirrten Pearl-Jam-Fans wegen der unmittelbar und unzweideutig berührenden Songs der Isländer behauptet. Sollte aber nicht weiter stören, wenn man einmal erlebt hat, wie Sigur Rós insbesondere mit ihren Liveshows regelmäßig Endorphin-Spiegel putzen. "Hvarf/Heim" ist da insofern hilfreich, dass es einige der älteren Rätsel-Lieder enthält, die man auf den Konzerten bisher nie richtig zuordnen konnte - "Hafsól" etwa ist der zum Ende hin ekstatisch planierte Zehn-Minuten-Fels, bei dem Georg Holm seinen Bass zunächst abenteuerlich mit einem Drumstick bedient. Und "Hljómalind" dieser verblüffend kompakte, schlank gehaltene Rocksong, der lange unter dem viel sagenden Arbeitstitel "Rokklagið" lief.

Platz 3: Zur Musik von Sigur Rós sagen sich Hase und Igel, Elfen, Kobolde und sonstiges Feenwesen recht freundlich gute Nacht. Wird gerne von Besitzern der "Herr der Ringe"-Director's-Cut-DVD-Box behauptet. Ist aber kaum nachvollziehbar, weil es eigentlich etwas ausgesprochen Menschliches und Aktuelles ist, was bisher alle Sigur-Rós-Alben angetrieben hat: die Suche nach Aus- und Umwegen, eine alternative Idee von Leben und Schönheit und Popmusik. Auf der 2002er Platte "( )", an die auf "Hvarf/Heim" mit grenzwertig larmoyanten Unplugged-Versionen der mittlerweile betitelten Tracks eins ("Vaka") und drei ("Samskeyti") gedacht wird, wurde die Inhaltsseite gesungener Worte für überflüssig erklärt. Zur Realitätsflucht in etwaige Parallelwelten taugten Sigur Rós aber auch mit ihrer Fantasiesprache Hopelandish nicht. Sie stehen weiter einfach so im Leben, unerklärlich oder -verständlich, wie der Monolith aus Stanley Kubricks "2001".

Platz 2: Sigur Rós machen immer das gleiche. Wird gerne von Menschen behauptet, die sonst auch gerne behaupten, Post-Rock habe ein Problem. Zieht aber mit Blick auf "Hvarf/Heim" nur bedingt, weil nicht nur die akustischen, kaum reduzierten Neueinspielungen auf CD2 eine bisher ungehörte Seite der Band zeigen, die im besten Fall näher an den wesentlichen Kern ihrer Songs heranführt, im schlimmsten aber auch eine Schwülstigkeit offen legen kann, die bisher unter ganzen Schichttorten aus Geigenbogengitarren versteckt blieb. Auch die drei unveröffentlichten Stücke auf der ersten CD malen Sigur Rós mit neuen Klangfarben aus: Das bereits erwähnte "Hafsól" gipfelt in einem "A day in the life"-auf-Speed-Finale, und "Í gær" spielt ein aufgeräumtes Percussion-Intro durch, bevor es in einem ekstatischen Schlussteil überquillt, der selbst für Sigur-Rós-Verhältnisse noch besonders bombastisch erscheint.

Platz 1: Sigur Rós sind typisch isländisch. Wird gerne von Menschen behauptet, die Kampfgeist und Willensstärke für kennzeichnende Tugenden der deutschen Fußballnationalmannschaft halten. Stimmt auch bis zu einem gewissen Punkt, weil Heimat, Ursprung und Identität schon immer entscheidende Fixsterne für die Musik von Sigur Rós gewesen sind. Solche Themen aber beschäftigen die Menschen in Island genauso wie in Timbuktu, Irak oder auf der Reeperbahn - es ist also durchaus etwas Universelles dran an dieser Band, und es wäre sicherlich nicht schwer, an allen genannten Orten jemanden zu finden, der sich von der gründlich ausgearbeiteten Neufassung des mehr als zehn Jahre alten "Von" hinreißen ließe. Deshalb ein Geheimnis, das "Hvarf/Heim" freimütig verrät: Es gibt keine Grenzen für Sigur Rós, weder in Köpfen noch auf Landkarten. Ein Klischee, das man gerne gelten lässt.

(Daniel Gerhardt)

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Highlights

  • Hljómalind
  • Von
  • Hafsól

Tracklist

  • CD 1
    1. Salka
    2. Hljómalind
    3. Í gær
    4. Von
    5. Hafsól
  • CD 2
    1. Samskeyti
    2. Starálfur
    3. Vaka
    4. Ágætis byrjun
    5. Heysátan
    6. Von

Gesamtspielzeit: 72:24 min.

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