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Zeitkratzer feat. Lou Reed - Metal machine music

Zeitkratzer feat. Lou Reed- Metal machine music

Asphodel / A!ive
VÖ: 31.08.2007

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Metalschläfer

Auf der einen Seite abgewatscht als einer der schlimmsten Fehlgriffe der Popmusik, auf der anderen Seite krampfhaft hochgelobt als künstlerisch wertvolle Avantgarde: "Metal machine music" von Lou Reed - eine ebenso niemals enden wollende wie auch spannende Hitzdiskussion in der Historie des Rock'n'roll. Jene Diskussionsthematik macht langweilige Abende wieder munter und versorgt nervgetötete Stunden mit Frischluft. Das Ergebnis ist aber leider niemals wirklich zufriedenstellend: Schwarz oder Weiß, Böse oder Gut. Dazwischen klafft ein breites Loch voll von harmoniesüchtigen Diskussionsverweigerern ("Ist doch alles Geschmackssache!") und schnurzpiepegalen Hobbyhörern ("Ist doch nur Musik!"). Mehrere Nenner, die trotz ihrer Unterschiedlichkeit eine gewisse Gemeinsamkeit im Denken klarer kristallisieren könnten, sind selten Ziel einer Suche. Dass vielleicht die Grundvoraussetzungen von starken Geduldsfäden und Tiefgangsforschung gar nicht stimmig sind, dass möglicherweise die Herangehensweise nie darauf abgestimmt war, mit "Metal machine music" in Freundschaft zu leben, sondern der Kriegsfuß im Vorhinein schon offen gelegt war – ja, solche selbstreflektierten (auch selbstkritischen) Denkvorgänge wünscht man sich des öfteren. Persönlich unterstellen kann man das wahrlich Niemandem. So holt man sich Krieg ins Haus oder zerstört langjährige Freundschaften mit fehlinterpretierten Vorwürfen an den Intellekt des Gegenübers.

Trotz einer großen Kontrafront, die "Metal machine music" bis heute gegenübersteht, wusste das Machwerk Musikergenossen durchaus zu gefallen. Sonic Youth, Merzbow, David Bowie, TV On The Radio und viele andere nutzten Samples von "Metal machine music", um ihre Wertschätzung des musikalischen Protests von Reed zu demonstrieren. Im Jahr 2002 fand sich das neumusikalische, zehnköpfige Berliner Ensemble Zeitkratzer zusammen, um die 1975 erschienene Doppel-LP komplett neu aufzunehmen und sie mit Violinen, Trompeten, Tuba, Piano, Pecussions und Cello neu zu instrumentieren. Keine bombastische Aneinanderreihung von sinfonischen Klanggebilden. Der Minimalismus und der strukturfreie Raum, den Reed seinerzeit anstrebte, waren immer noch oberstes Gebot. Reed selbst war von der Idee der Neuinterpretation so begeistert, dass er seine Mitarbeit zusicherte.

Fünf Jahre nach der Uraufführung in Berlin ist das Ergebnis nun für alle zugänglich gemacht worden, bei dem Reed im letzten Part für gerade mal drei Minuten die elektrische Gitarre schwingt. Sein Auftritt: Ein eher enttäuschendes Unterfangen, das dem Schluss die Geradlinigkeit raubt. Die schweißnasse, von Drogen aufgeputschte Kreativität, sein Hass gegenüber Arbeitgeber RCA und dem aufgesetzten Knebelvertrag, der Reed damals zu "Metal machine music" inspirierte, treten bei der auch auf DVD anschaulich gemachten Neuaufführung in den Hintergrund. Doch die darüber hinausgehenden Wünsche des früheren Kopfes von The Velvet Underground, nämlich Freiheit und ihre Ausdrucksmöglichkeiten, vermitteln auch Zeitkratzer punktgenau. "Metal machine music" wird dadurch nicht zugänglicher, sondern ergreift mit seinen neuen Möglichkeiten starke Partei für sein 32 Jahre altes Vorbild.

Ein Vorbild, das mit seinen reduziert eingesetzten Mitteln und pixeligem Klang weniger ist als eine Offenbarung. Auch kein musikalisches Glanzstück, das Freudensschreie oder Freundentränen hervorruft. Eine viel simplere Reaktion befiel gar den Rezenenten, der ausnahmsweise nun die persönliche Anrede sucht, um Allgemeingültiges von Persönlichem zu unterscheiden: Ich schlief dabei ein und schlummerte munter vor mich hin. Es sei dazu gesagt: bei vollem Bewusstsein, die Musik im Hinterkopf und das undurchdringliche Konstrukt vor Augen. Damit soll in keinster Weise demonstriert werden, dass ich jedem noch so massiven Getöse von rückkoppelnden Gitarren und einer nicht enden wollenden Sinfonie an Feedbackgeräuschen, Trompeten gespielt ohne Noten und mit Sardinendosen verprügelter Percussions mit gelangweiltem Schlaf trotzen kann. Sondern eine weit tiefgehendere Einsicht, die mich selbst überraschte, offen gelegt werden. Sie verdeutlicht nur noch einmal, wie nahe die Neuinterpretation am klassischen Minimalismus, der bewussten ständigen Wiederholung von lärmenden Klangfragmenten eines La Monte Young oder Terry Riley oder der ambivalenten Notation eines John Cage steht. Bilder, Assoziationen, Eingebungen – all das was ich beim Rezipieren von Musik als normal erachte, setzte von Sekunde zu Sekunde aus. Keine Kette an Assoziationen gestaltete sich als standhaft, sondern erschien im unberechenbaren, strukturlosen Klangfirmament als beliebig und damit sinnfrei. Übrig blieb der reine, bloße Klang, der mehr Feinheit in sich trägt als sekundenschnelle Analysen aufweisen können. Der Geist: emotionsleer. Keine Kühle, keine Wärme. Ein vertrautes Etwas. Ein Gefühl von "bei sich selbst sein", ohne sich mit der alltäglichen Abhängikeit von Emotionen rumzuschlagen. Müdigkeit, Schlaf, Ende. Der Ursprung von Freiheit. Zeitkratzer kratzen daran.

(Markus Wollmann)

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Highlights

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Tracklist

  1. Part 1
  2. Part 2
  3. Part 3

Gesamtspielzeit: 50:46 min.

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