Ani DiFranco - Canon

Ani DiFranco- Canon

Righteous Babe / Rough Trade
VÖ: 06.10.2007

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 9/10

Strange little girl

Von Paradoxien sprechen gewitzte Geister meist dann, wenn irgendwas auf den ersten Blick nicht ganz soviel Sinn ergibt, oder sich sogar selbst widerspricht. Beispielsweise Meister Schäuble und die Seinen, die zum Schutz der Freiheit erstmal vermehrt überwachen wollen. Oder die Produkte im Supermarkt, die umso mehr gekauft werden, je teurer sie sind. Müssen ja schließlich dann auch wertvoller sein. Oder eben diese wuselige Folksängerin, die in ihrem klapprigen VW auf und ab tourt, um die Verlogenheit des nordamerikanischen Traums anzuprangern, damit aber soviel Anklang findet, dass sie ihn mit ihrem eigenen Erfolg wieder bestätigt.

Seit 17 Jahren und auf insgesamt 19 Alben fingerpickt Ani DiFranco nämlich nun schon gegen all die düsteren Seiten des Alltags unter dem Sternenbanner an, streng dem Do-it-yourself verpflichtet, und mit ihrem eigenen Label Righteous Babe den großen Majors widerstehend. Nach drei Livealben und der kleinen Raritätensammlung "Swing set" aus dem Jahr 2000 war die nun erschienene Best Of "Canon" also eigentlich längst überfällig. Auch, weil die "kleine Folksängerin", wie sie sich selbst nennt, seit kurzem ein plärrendes Töchterchen namens Petah Lucia in ihrem Hause hütet. Zeit also für ein Resumée, für das die Doppel-CD mit 36 Songs reichlich Material bietet.

Angefangen mit einer aufpolierten Version von "Fire door" vom Debütalbum und dem leichtfüßigen "God's country" widmet sich die erste CD der chronologischen Sammlung von Stücken aus den ungestümen Neunzigern. Die ersten vier Alben werden zwar unter den Teppich gekehrt, aber bei der Menge an Stücken in DiFrancos Back-Katalog ist das einfach nötig. Im Zentrum der Platte steht das persönliche, 1995 erschienene "Not a pretty girl", mit dem damals der Durchbruch gelang. Qualitativ stechen aber mehr die Liveversionen des barschen "Untouchable face" und des tieftraurigen "Joyful girl", sowie die lyrisch eingängigeren "Fuel" und "Little plastic castle" vom gleichnamigen Album hervor.

CD Nummer zwei beginnt mit "Hello Birmingham", einem Lied über den Mord an einem Arzt einer Abtreibungsklinik, und der trüben Ballade "Grey", und leitet damit DiFrancos zweite, gereiftere Phase ein. Ihre Songs bewegen sich weniger im punkigen Folk, sondern mehr in typischen Singer/Songwriter-Bahnen. Jazzelemente und andere Stile schleichen sich ein, "Here for now" beispielsweise lässt eine muntere karibische Trompete erklingen. "Rain check" und "Swim" vom Akustikalbum "Educated guest" aus 2004 begeistern dagegen mit leiser Schrille. Dennoch finden sich bevorzugt konventionelle Ani-Lieder auf der CD - das weithin unterbewertete, funkige Album "Evolve" ist beispielsweise kaum vertreten.

An die Enden der beiden CDs wurden noch insgesamt fünf neu eingespielte Versionen bereits veröffentlichter Songs platziert, wobei nur "Your next bold move" dem Orginal durch verschleierte Zweitstimme auffallend neues hinzufeigt. Meist dröhnen nur die Gitarren lauter. Auch das Booklet bietet zwar Liedertexte zum Schmöckern, verzichtet jedoch auf Hintergrundinfos und eine persönliche Note. Aber macht nicht sowieso gerade das Unperfekte manchmal auf gewisse - paradoxe - Weise die Perfektion aus? Manchmal sicher, auch wenn "Canon" nicht mehr als ein schöner, grundsolider Rückblick bleibt.

(Tobias Wallusch)

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Highlights

  • Untouchable face
  • Little plastic castle
  • Grey

Tracklist

  • CD 1
    1. Fire door
    2. God's country
    3. You had time
    4. Buildings and bridges
    5. Coming up
    6. Cradle & all
    7. Shy
    8. 32 flavors
    9. Dilate
    10. Distracted
    11. Gravel
    12. Untouchable face
    13. Joyful girl
    14. Little plastic castle
    15. Fuel
    16. As is
    17. Napoleon
    18. Shameless
  • CD 2
    1. Hello Birmingham
    2. This box contains
    3. Grey
    4. Prison prism
    5. Marrow
    6. Here for now
    7. Subdivision
    8. Rain check
    9. Swim
    10. Paradigm
    11. Manhole
    12. Studying stones
    13. Hypnotized
    14. 78% H2O
    15. Millenium Theater
    16. Your next bold move
    17. Both hands
    18. Overlap

Gesamtspielzeit: 140:52 min.

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