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R.E.M. - Reveal

R.E.M.- Reveal

Warner
VÖ: 14.05.2001

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 9/10

Der Sonne entgegen

Die einzige Konstante in der Geschichte von R.E.M. war es stets, daß keine Konstante existiert. Nachdem die drei mysteriösen, von "Rapid eye movement" abgeleiteten Buchstaben Anfang der Achtziger mit Alben wie "Murmur" oder "Reckoning" zunächst für lockeren Indie-Pop mit hoher Zielsicherheit standen, folgte im Jahr 1991 das große Erdbeben. "Losing my religion" hieß es und brachte der Band nicht nur den ganz großen Durchbruch, sondern dank der beiden Meisterwerke "Out of time" und "Automatic for the people" auch eine Art Unantastbarkeit ein. Die zottligen Haare bei Michael Stipe waren inzwischen einer nachdenklichen Glatze gewichen, und R.E.M. haben sich aus den jungen Wilden der Achtziger zu den Grüblern der Neunziger gewandelt, denen kein Weg zu weit und kein Umbruch zu gewagt schien. Danach war nichts mehr, wie es war, und kein Album klang mehr wie das vorige.

Doch bereits zum Auftakt von "Reveal" zeigen sich R.E.M. rätselhaft: "Grounded, 5 a.m. / The nitelite is comforting you / But gravity is holding you" krächzt Michael Stipe mit zitternder Stimme. Am Boden zerstört? Von wegen. Am Boden liegen sie auf "Reveal" tatsächlich, auf dem einer frisch gemähten Sommerwiese jedoch - mit einer Sonnenbrille im Haar und einem Blümchen im Mundwinkel - und lassen die Augen träumerisch gen Himmel schweifen. Stipe zieht unter den Lidern die Vorhänge beiseite und sagt den grauen Schleiern lebewohl: "The weather's fine, the sky is blue [...] Allow yourself to drift and fly away". Die Zweifel lösen sich in Wohlgefallen auf und laden zu einem schwelgerischen Traum ein, der erst eine knappe Stunde später enden soll und einen auf dem Rücken der Sonnenstrahlen durch die Lüfte trägt.

Der Weg führt zurück in die Vergangenheit. Vorbei an den Gitarrenwänden von "Monster", durch den introvertierten Dschungel von "New adventures in Hi-Fi" - zurück zu "Automatic for the people" und "Out of time", zurück zu den sanften Folksongs. Nach Hits wird man auf "Reveal" vergeblich Ausschau halten, und dafür bei der Suche nach einem geschlossenen Gesamtwerk fündig werden. "Reveal" markiert das erste Album seit langem, auf dem R.E.M. keinen Ausflug in neue Welten wagen. Weise ist nicht, wer beim Versuch scheitert, das Rad neu zu erfinden, sondern wer ihm neue Möglichkeiten zu entlocken weiß. Und darin erweisen sich R.E.M. auf "Reveal" als gereifte Meister: "She just wants to be" erzeugt mit den einfachsten Mitteln eine zart wiegende Atmosphäre, bevor sich R.E.M. auf "Disappear" in einen wahren Rausch der Sinne spielen: "Before I learned to see / The vanishing point appears". Als Zweifler sind sie verschwunden, als Seher an die Bildfläche zurückgekehrt.

Störend wirken die vielen Selbstzitate nur manchmal, sobald sich wie in "All the way to Reno (You're gonna be a star)" oder "Beat a drum" die unbeschwerten Träume in konturlose Träumereien verwandeln. Wenn jedoch die erste Single "Imitation of life" mit "Shiny happy people", "Losing my religion" und "Near wild heaven" gleich drei Klassiker unter einen Hut bringt, um dem Hörer ein Lächeln auf den Mund und einen Wurm ins Ohr zu zaubern, hinterläßt dies ein genauso angenehmes Gefühl der Nostalgie wie all die anderen Momente, die den Hörer um fast zehn Jahre in die Vergangenheit versetzen.

Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen. Die Reise "Reveal" findet nur im Kopf statt, und so braucht das Wahrgenommene eine gewisse Zeit, um seine Spuren im Gedächtnis zu hinterlassen. Frei von allen Zwängen spielen sich R.E.M. in einen subtilen, aber um so nachhaltigeren Taumel und legen nach "Up" mit "Reveal" ein weiteres, sanft optimistisches Album vor, das mit der Sonne um die Wette strahlt und das Tor zum blauen Sommerhimmel sperrangelweit aufstößt. So haben sich schließlich doch noch zwei Konstanten in die scheinbar nie enden wollende Rastlosigkeit von R.E.M. eingefunden: Seelenruhe und unsterbliche Schönheit.

(Armin Linder)

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Highlights

  • She just wants to be
  • Disappear
  • Imitation of life
  • I'll take the rain

Tracklist

  1. The lifting
  2. I've been high
  3. All the way to Reno (You're gonna be a star)
  4. She just wants to be
  5. Disappear
  6. Saturn return
  7. Beat a drum
  8. Imitation of life
  9. Summer turns to high
  10. Chorus and the ring
  11. I'll take the rain
  12. Beachball

Gesamtspielzeit: 53:36 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

jo

Postings: 3195

Registriert seit 13.06.2013

2020-04-05 22:03:59 Uhr
Sehe ich auch so :).

The MACHINA of God

User und Moderator

Postings: 26514

Registriert seit 07.06.2013

2020-04-05 22:03:31 Uhr
Ja, das stimmt.

Felix H

Mitglied der Plattentests.de-Chefredaktion

Postings: 7441

Registriert seit 26.02.2016

2020-04-05 22:02:20 Uhr
Das ist klar, sie hatten bessere Closer. Aber als Ausklang zu diesem Album passt er total gut.

The MACHINA of God

User und Moderator

Postings: 26514

Registriert seit 07.06.2013

2020-04-05 21:57:10 Uhr
Ist halt so ein unspektakulärer, entspannter Ausklang. Nachdem die Band natürlich davor mit Meisterwerken wie "Find The River", "Electrolite" oder zuletzt "Falls To Climb" die Alben beendet hat, ist der Song schon etwas unterwältigend.

jo

Postings: 3195

Registriert seit 13.06.2013

2020-04-05 21:51:55 Uhr
Sehe ich ähnlich, er passt super zum Album. Ich würde ihn jedenfalls nicht zu ihren schwächsten Liedern generell zählen, ich höre ihn nur nicht so gerne wie manch andere auf dem Album.
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