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Neil Young - Chrome dreams II

Neil Young- Chrome dreams II

Reprise / Warner
VÖ: 19.10.2007

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Gute Besserung

Harte Zeiten. Ein bisschen Balsam für die Seele wäre eigentlich hochverdient. Denn der ottonormale Neil-Young-Fan hat es wirklich nicht leicht. Und das nicht erst seit gestern. Gebrannte Kinder erinnern sich an die Achtziger, als Young plötzlich vom hochgelobten Label Reprise zu Geffen wechselte, wirres Zeug über Atomenergie plärrte, grauselige Coveralben aufnahm, sich mit zwei linken Händen an elektronischer Musik versuchte und in einem unbeirrbaren Synthiebrei sang- und klanglos unterging. "Freedom" setzte anno 1989 dem Kasperletheater endlich ein Ende. Geffen blöd, Reprise toll. Neil Young war wieder wer. Sogar ein ganz Großer. Eine kreative Phase lautstarker Ruhe hielt lange genug an, um diesen Schatten etwas Vergessenheit anzueignen.

Doch wie das manchmal im Leben so ist, kehrt das Grauen ungefragt zurück und schlägt noch einmal besonders hart zu. Hasserfüllte Hetztiraden, 08/15-Patriotismus und mediokres Beiwerk - "Are you passionate?" genannt -, und die Kacke war wieder am dampfen. Die gebrannten Kinder von einst zeichneten sich inzwischen durch einen gewissen Grad an Abgehärtetheit aus und überstanden auch ohne weitere Zwischenfälle den langweiligen, großkonzeptionellen Blödsinn "Greendale" und die überfeingeschliffene Rentnernostalgie "Prarie wind". In bestem Wissen, dass der Meister wieder klar in der Birne werden würde. "Living with war" folgte als lärmender, pazifistischer Hoffnungsschimmer. Mit dem nun erscheinenden "Chrome dreams II" hoffen Youngs Anhänger auf die langersehnte Rückkehr zu früherer Größe. Nicht ohne Grund, denn der Titel spielt auf das 1977 eingespielte Album "Chrome dreams" an, das einem alles zerstörenden Brand in Youngs damaligem Zweitwohnsitz in Malibu zum Opfer fiel. Einzelne Songs (u.a. "Pocahontas") wurden neu eingespielt auf andere Alben gepackt, doch der Kult um das mysteriöse "Chrome dreams" hält sich bis heute.

Mysteriös ist der nun offizielle Nachfolger zu keiner Zeit. "Chrome dreams II" weist jegliche Anzeichen eines inneren Politikums von sich. Aufatmen ist angesagt, angesichts der spürbaren Leichtigkeit, mit der diese Aufnahmen auf Tonträger gebannt wurden. Mit Sand in den Augen erwacht der zarte Country des einleitenden "Beautiful bluebird" zum Leben. Verschleierte Natursymbolismen drängen nicht auf handfeste Aussagen, erzeugen auch in ihrer Fremdartigkeit ein Gefühl von Verständnis und Kopnicken. Neils brüchige Stimme, in der wie immer ein Hauch von Feminität mitschwingt, ist der erhoffte Balsam auf der geschundenen Fanseele. Die Percussions schlurfen und vermeiden es den lieblichen Fluß des Songs zu stören. Als feiner Geist gesegnet, streut die Steel Guitar wohl temperierte Fetzen ihrer Kunst ein und vermittelt einen fragilen Hauch von Improvisation. "Boxcar" schließt sich diesem wunderschönen Einstand an, gibt sich aber rhythmisch abgehakter und mit seinem hallenden Banjo weitläufiger. Zum Folk tendierend, dem Country Einhalt gebietend.

Die wesentliche Neuerung liegt im Mut zur Variation. Die nicht vorhandene Stilvielfalt und bewusste Monotonie der letzten Machwerke ist mit "Chrome dreams II" gebrochen. Dabei stehen die Übergänge wie eine Eins und fürchten sich kaum vor der nächsten Hürde. So folgt auf die durchaus hörenswerte, aber im Chorus mit strapazierendem Eighties-Piano und unpassenden Bläsern verzerrte 18-Minuten-Gitarren-Kraft "Ordinary people" mit "Shining light" die wohl süßlichste Ballade, die Neil Young je geschrieben hat, und erinnert nicht selten an Sangesbrüder wie Andy Williams oder Nat King Cole. Psychedelische Auswüchse und hippieske Backing Vocals versehen die drahtige Kratzbürste "Spirit road" mit leuchtenden Strähnen, bevor sich im nächsten Track der "Dirty old man" breitbeinig an bitterbösen Riffs versucht und jeglichen Narzissmus mit etwas zu viel Schaum vorm Mund niedertritt. Das Prunkstück, das 13-minütige elektrifizierte Epizentrum "No hidden path" erinnert an "Down by the river". Ekstase aus dem Handgelenk, ohne die bereits bekannten Verkrampfungen. "Chrome dreams II" ist mehr Bauch als Kopf. Kein ausgewiesenes Meisterwerk, aber ein belebter Freigeist, der sich nicht durch die eigenen konzeptuellen Vorgaben ausbremst, sondern durch seine Töne mehr Substanz gewinnt, als die vielen unnötigen Worte vergangener Tage. Young wird es wohl am besten wissen: "The world is full of answers / Some are right, some are wrong / The one that I believe in is a wish in a song."

(Markus Wollmann)

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Highlights

  • Beautiful bluebird
  • No hidden path
  • The way

Tracklist

  1. Beautiful bluebird
  2. Boxcar
  3. Ordinary people
  4. Shining light
  5. The believer
  6. Spirit road
  7. Dirty old man
  8. Ever after
  9. No hidden path
  10. The way

Gesamtspielzeit: 66:19 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
Sick
2007-11-21 20:26:15 Uhr
"die Aufnahme von Ordinary People stammt ja wohl auch aus der Zeit "

Soviel ich weiß stammt der Song zwar aus dieser Zeit, wurde auch schon Live gespielt.
Die Studioaufnahme ist wohl neueren Datums.


"Shining Light und The Way kommen mir beide so bekannt vor, als ob Neil Young da irgendwo abgekupfert hat."

Nö, wüßte ich nicht. Ist natürlich sehr eingängig das Ganze.
bee
2007-11-21 15:38:58 Uhr
die Bläser sind nat. ganz besonders toll - genauso wie auch auf der This Note's For You - die Aufnahme von Ordinary People stammt ja wohl auch aus der Zeit (?)
Darny
2007-11-21 13:14:40 Uhr
An sich finde ich sie ja auch nicht so schlimm die Bläser. Nur wiederholen sie sich so oft und spielen eben immer diesselbe Melodie.

Die Gesangs-Melodien von Shining Light und The Way kommen mir beide so bekannt vor, als ob Neil Young da irgendwo abgekupfert hat...ich weiß aber nicht genau wo. Geht es euch auch so?
Sick
2007-11-21 12:22:42 Uhr
"Die Bläser bei Ordinary People machen für mich den Song kaputt. "

Interessant.
Ich finde sie frischen den Sound auf. Sie unterstützen die Gitarre, machen das ganze interessant und "anders".
Darny
2007-11-21 11:25:08 Uhr
Ja, schönes Album 7/10.
Kein Meisterwerk, aber auch kein Ausfall.
Die Bläser bei Ordinary People machen für mich den Song kaputt. Nach der ersten Strophe dachte ich "hm, ganz nett...", nach der zweiten "ok, nochmal dieselben Bläser"...nach der dritten hat's angefangen zu nerven...der Horror ist, dass man aber noch 7 mal Bläser vor sich hat. Und die schöne Gitarrenarbeit geht dabei vollkommen unter.
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