Tool - Lateralus

Tool- Lateralus

Volcano / Zomba
VÖ: 14.05.2001

Unsere Bewertung: 9/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Sezierte Psychosen

Mit den Worten "Wear the grudge like a crown of negativity", einem düsterem Mantra gleich, begrüßt uns Maynard James Keenan in der unwirklichen Unwirtlichkeit von "Lateralus". Hin- und hergeworfen von leidenschaftlichen Beschwörungen und schwebenden Überlagerungen irrt Keenan durch ein finsteres Dickicht. "Terrified of being wrong / Ultimatum prison cell." Riff um Riff nagt an musikgewordener Paranoia, wird von tribalistischem Getrommel angefeuert, um schließlich in einer Explosion zu münden, die alles ist, nur keine Befreiung.

Saß bei "Ænima" Professor Freud noch mit in Aufnahmestudio, hat er nun an seinen Kollegen von der Pathologie weitergegeben. Mit scharfen Messern und anderem spitzem Werkzeug bewaffnet skelettieren die Herren Adam Jones (Gitarre), Danny Carey (Schlagzeug) und Justin Chancellor (Baß) das, was man bei anderen Bands Songs nennen würde, und zeigen dadurch einmal mehr, wofür die vier Buchstaben in Tool stehen: vertrackte Verwerfungen, zerstoßene Strukturen, halsbrecherische Breaks und handgemeißelten Rock. Auf all dies hat man fünf lange Jahre warten müssen, all dies ist wieder da. Aber Tool wären nicht die psychotischsten unter den Metallern, wenn sie nicht auch mit ihrem dritten Studioalbum die Schraube ein weiteres Mal anziehen würden.

Erwischte uns Keenan letztes Jahr eiskalt, als er zur Stimme von Billy Howerdels A Perfect Circle wurde und ihnen symbolträchtige Verzweiflung schenkte, legt er sich nun wieder mit allen Neurosen ins Bett seiner Hauptband. Wer bereits den Vorgänger für das höchste Ausmaß an vertracktem Anspruch hielt, wird nun eines besseren belehrt. Auch wenn "Schism", trotz aller verschrobenen Bemühungen, nicht aus der Haut kann und einfach ein verdammter Hit ist, knabbern hier lauter Merkwürdigkeiten am Ohr. "I know the pieces fit, 'cause I watched them fall away." Keenan erzählt von schwelenden Sehnsüchten und zerrissenen Seelen. Der Weg ist das Ziel: "Finding beauty in the dissonance."

Nach scheinbarer Schönheit strebt auch "Parabol". "We barely remember what came before this precious moment / Choosing to be here right now." Im Tool-Kontext fast als sanft zu bezeichnende Gitarren umschweben einen Sänger, der droht, vom leisesten Lüftchen zerrissen zu werden. Und mit ungekannter Wucht prügeln plötzlich die Leidenschaften auf ihn ein. Gitarren-Gewitter so schwer wie der Himalaja platzen ins Nichts. Schwer donnert es auf seine Seele, düster dräuen die Gefühle der dunklen Seite, und wieder blitzen die Messer. Doch im Auge des Sturm ist Keenan sicher. "This body holding me / Feeling eternal / All this pain is an illusion." Wo diese Liebe hinfällt, wachst kein Gras mehr. Prügelt sich "Ticks & leeches" im ersten Augenblick mit schier unglaublicher Rhythmik in die Gehörgänge ein wie de Niro in "Taxi driver", bricht plötzlich eine schwarze Sonne durch die Wolken. Doch Tool kennen keine Gnade. "You've turned my blood cold and bitter / Beat my compassion black and blue." Und im Lexikon findet man neben dem Eintrag "Killer" die finale Explosion. "I hope you'll choke."

Mit überraschender Roheit legt "Lateralus" den Hebel dort an, wo es weh tut. Statt jedoch auf sinnbefreite Aggression zu setzen, zeigen uns Tool das kalte Grinsen des Theoretikers. Selbst nach unzähligen Hördurchgängen ist sein Ziel genauso obskur wie die unzähligen Verästelungen der Songs. Die kleinste Unaufmerksamkeit wird bestraft. Wie ein Skalpell gleitet kalter Stahl durch die erhitzten Gemüter und zieht kunstvolle Kurven. Wenn Strukturen zerfasern, dient dies der empirischen Beweisführung. In "Lateralus" schreitet man mit diesem Bewußtsein an die Grenzen des Seins. Das epische "Reflection" geht bereits einen Schritt weiter. Bisweilen einen Hauch zu manieristisch greifen hier Psychedelia und Artrock nach einem nur eingebildeten Himmel. "So let the light touch you / So that the words spill through / And let the past break through / Bringing out our hope and reason." So stößt man unvermutet auf eine selbstgesteckte Grenze. Diese trägt einen bekannten Namen: "Ænima". War dieses Album 1996 die Blaupause, ist "Lateralus" seine manchmal allzu akademische Umsetzung. Dank der Übersongs "Schism" und "Parabola" aber wird dieser Umstand zum Detail. Wie würden es Sonic Youth ausdrücken? 2001 - the year that prog broke.

(Oliver Ding)

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Highlights

  • The grudge
  • Schism
  • Parabola
  • Ticks & leeches

Tracklist

  1. The grudge
  2. Eon blue apocalypse
  3. The patient
  4. Mantra
  5. Schism
  6. Parabol
  7. Parabola
  8. Ticks & leeches
  9. Lateralus
  10. Disposition
  11. Reflection
  12. Triad
  13. Faaip de oiad

Gesamtspielzeit: 78:50 min.

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User Beitrag
the moon tells me a secret:
2019-01-06 21:05:10 Uhr
as full and bright as I am, this light is not my own, a million light reflections pass over me,
It's source is bright and endless
She resuscitates the hopeless
Without her, we are lifeless satellites driiiIIIiiiIIfting.

Reflection hat die besten lines.
King Clutch
2019-01-06 20:48:24 Uhr
schon 2006 war mein größter tool wunsch dass Tool mehr songs wie reflection schreiben, haben sie leider nicht gemacht, 10,000 days war mehr kommerz als alles zuvor.

Es ist der beste Song auf dem Album, er mag am anfang repetitiv klingen, bis man den song oft genug gehört hat und die nuancen erkennt. Ich liebe den Fluss, kein klassischer Rock-Song aufbau sondern die Evolution von Tool,

"so crucify the ego, before it's far too late, And leave behind this place so negative and blind and cynical. And you will come to find that we are all one mind. Capable of all that's imagined and all conceivable!"

Naja
2018-12-27 17:12:21 Uhr
1,9 von 10 ist schon wohlwollend.
klotz
2018-12-27 17:06:33 Uhr
Aenima 10
lateralus 10
10000 days 9, so einfach ist es
1,9/10
2018-12-27 17:06:11 Uhr
https://pitchfork.com/reviews/albums/8104-lateralus/
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