Cherry Ghost - Thirst for romance

Cherry Ghost- Thirst for romance

Heavenly / Capitol / EMI
VÖ: 05.10.2007

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Working class hero

Simon Aldred ist einer dieser zähen Typen, die es lieber kompliziert machen, wenn es auch einfach geht. Sein Weg ist stets der steinige, ohne Abkürzungen, ohne Rast - aber auch ohne Hast. In seiner nordenglischen Heimat Bolton, einer trostlosen Arbeiterstadt nahe Manchester, muss man zwangsläufig einen langen Atem haben. Bevor er mit Hilfe von Doves-Vorstand Jimi Goodwin sein Debüt-Album "Thirst for romance" aufnahm, studierte Aldred dann auch erst einmal in aller Ruhe Mathematik und jobbte anschließend in einer Kreditkartenfirma. Seinem Vermögen als Songwriter schenkte er bis dahin kaum Beachtung. Und dann passierte, was einem Menschen, der es sich nicht leicht macht, nun wirklich zu gönnen ist: Nur vierundzwanzig Stunden nach einem kleinen Konzert in einem kleinen Pub in Glasgow wurde Cherry Ghost, damals noch ein Soloprojekt, gleich von fünf Plattenfirmen umworben. Er entschied sich für das Londoner Qualitäts-Indie-Label Heavenly (Ed Harcourt, The Magic Numbers, Doves). Was könnte auch passender sein, wenn man sich nach einer Textzeile des Wilco-Stückes "Theologians" benannt hat?

In jenem Lied singt Jeff Tweedy "I'm an ocean / I'm all emotion / I'm a cherry ghost" und sagt damit eigentlich schon alles, was man über Simon Aldred wissen muss. Große Gefühle und große Gesten sind seine Berufung, das Leben des kleinen Mannes seine Inspiration. "I've seen demons dancing on factory floors", fabuliert er im Americana-parfümierten Opener und versinkt trotzdem nicht in Selbstmitleid. Ganz im Gegenteil: Die Westerngitarre zerrt wie ein junger Hund an der Leine, das Klavier tänzelt hinterher, und die Hoffnung schenkt dem Alkoholismus eine leberfreundliche Perspektive: "I still thirst for romance." Dass der gewöhnliche Radiohörer die Zivilcouragen-Hymne "People help the people" zunächst für eine neue Coldplay-Single hielt, hat Cherry Ghost zumindest nicht geschadet - ihr Debüt-Album ist schnurstracks auf Platz 7 in die englischen Charts marschiert. Ohne Umweg.

"We must confess / We ain't progressed / Since Elvis has left the building a mess", heißt es im Britrock-Gassenhauer "Here come the Romans", und damit übertreibt der Gute natürlich maßlos. Diese elf Stücke sind nämlich allein schon deswegen fortschrittlich, weil sie sich auf alte Tugenden besinnen: ausschweifende Refrains, bodenständige Instrumentierung und die unverkennbare Liebe zum Detail, lyrisch wie musikalisch. Während das akustische "False alarm" so leichtfüßig ist, dass es beinahe schwebt, wird "Mary on the mend" von einem schweren Blues-Rhythmus auf dem Boden der Tatsachen gehalten. Zu Glockenspiel, nostalgischen Streichern und Schwebegitarren sinniert "Mathematics" über das Duell zwischen Kopf und Herz - Aldred huldigt mit Vorliebe der Schönheit des Scheiterns. Seine Ode an einen Helden der Arbeit trägt übrigens den Titel "Alfred the Great". Wenn er sich da mal nicht vertippt hat.

(Ina Simone Mautz)

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Highlights

  • Thirst for romance
  • False alarm
  • Alfred the Great
  • Mathematics

Tracklist

  1. Thirst for romance
  2. 4 a.m.
  3. Mountain bird
  4. People help the people
  5. Roses
  6. Dead man's suit
  7. False alarm
  8. Alfred the Great
  9. Here come the Romans
  10. Mary on the mend
  11. Mathematics

Gesamtspielzeit: 69:11 min.

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