Cinema Bizarre - Final attraction

Cinema Bizarre- Final attraction

Island / Universal
VÖ: 12.10.2007

Unsere Bewertung: 2/10

Eure Ø-Bewertung: 4/10

Möhrchen mit Kartoffeln

Es scheint stets und ständig und immer wieder aufs Neue die einfachste aller Rechnungen zu sein: Proportional zum Alter des anvisierten Zielpublikums sinkt auch die strategische Ausrichtung hypegerührter Boygroup-Kalkulationsrechungen, wird immer dumpfer und schlichter. Ob und wie man da mitzieht, lässt sich jedoch nicht ganz so einfach entscheiden. Wäre ja auch noch schöner, wenn hier in Zukunft "Die Gruft-Hitparade der Schlümpfe", "Rolf Zuckowski und seine Metrosexuellen" oder "Benjamin Blümchen bei den Cyberpunks" besprochen werden würde. Im Fall von Cinema Bizarre, dem mit feinstem Kajal gezeichneten Manga-Fünfer im "Yu-gi-oh"-Deck von Tilo Wolff (Lacrimosa), liegt der Fall dann aber doch etwas anders. Denn sie waren schon lange vor Veröffentlichung ihrer ersten Single mediales Großereignis. Und immerhin haben sie Gitarren dabei.

Haben sie? Der Sound von "Final attraction" lässt nicht wirklich darauf schließen. Wo Tokio Hotel wenigstens mal ein Bassbreak ausstellen, da herrscht hier ein klangästhetischer Klackermatsch, der im Grunde nur Frequenzgehoppel sein will. Ein ebenso kalt- wie großschnäuziges So-tun-als-ob, und zwar ganz ohne Augenzwinkern oder sonstige Tollkühnheiten, sondern mit Netz, doppeltem Boden und der McDonald's-Hüpfburg in der Gummizelle. Die Gitarren klingen wie aus Instant-Metallstaub zusammengemischter Babybrei, der Bass wie ein Furzkissen in der Klimakatastrophe. Der Gesang nach genau so vielen Sängern, wie es Klangfarben zwischen Düsterdüster und Supersweet gibt, niemals aber nach einer Duftmarke oder irgendeiner Eindringlichkeit. Und wenn hier auch nur ein Beat NICHT aus der Konserve kommt, frisst der Rezensent beim Alete-Bankett zugleich Stumpf, Stiel, Besen, Wischmob und Haare vom Kopf. Eine zu einfache Assoziationskette? Das ist hier nicht die Frage. Die lautet eher, ob Cinema Bizarre es verdient haben, eine Auseinandersetzung zu bekommen, die darüber hinausgeht? Die Antwort lautet: nein.

Denn "Final attraction" ist derart lieblos und pseudobauernschlau, dass zwischen HIM, Pikachus Ausschweifungen im Tokio Hotel und dem Bericht über einen x-beliebigen Verkehrsunfall auf der A6, nahe Rammstein (es klang wie ein kränkliches "Oomph!", berichten Ohrenzeugen), nicht ein Song wirklich was zu bieten hat. Dass mit einem barbarisch herausgeschnittenen Depeche-Mode- oder Camouflage-Sample selbst ein längst ausgestorbener Wikingerstamm noch einen Hit schreiben könnte, beweisen "Escape to the stars" und "The way we are" aufs Vortrefflichste. Auch der lasziv gedachte Funk von "Get off" ist nichts weiter als das Sedativum für die ausbleibende Periode von unter Zehnjährigen. Und eine - sei es androgyne oder zwischen Prüderie und Laszivität changierende - sexuelle Erweckungsphantasie und Ambivalenz haben Songs wie "Lovesongs (They kill me)", "She waits for me" oder "Angel in disguise" auch nicht im Angebot. Die Ideenarmut des Songwritings bewegt sich eher auf dem Niveau eines Eintagsfliegen-Paarungsrituals. Genau das also, was dabei herauskommt, wenn alte Männer ihre Hüftsteifheit in die Songs für die nächste Generation erbrechen.

Den fünf jungen Herren selbst ist all das allerdings weniger anzulasten. Dass sie ihre Songs mit kaum einer Silbe oder Note selber schreiben, ist nun wahrlich nicht der Aufregung wert. Und solange Gitarrist Yu Hot-News wie "nicht schwul, aber sexsüchtig" ungeniert über sich verbreiten lässt, werden sie wohl in Zukunft eine Menge Spaß bekommen. Wie viel Homophobie durch solcherlei Statements in die Hirne Heranwachsender gepresst wird, und ob dieser Spaß somit nicht irgendwie doch wieder auf Kosten von anderen geht, kann nur behaupten, wer selbst zu genau hingehört, sich dabei zu viele Gedanken gemacht und diese schlussendlich zu Ernst genommen hat. Aber wer macht denn bitte schön sowas?

(Tobias Hinrichs)

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Highlights

  • -

Tracklist

  1. Lovesongs (They kill me)
  2. How does it feel
  3. Silent scream
  4. Get off
  5. Forever or never
  6. Escape to the stars
  7. After the rain
  8. She waits for me
  9. I don't believe
  10. The way we are
  11. Dysfunctional family
  12. Heavensent
  13. Angel in disguise
  14. The silent place

Gesamtspielzeit: 51:53 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
Zinn Ne Ma Bi Saar
2009-08-19 03:06:10 Uhr
bald, am 21.8, kommt das album ToyZ raus und vier tage später schon Bang. jaha, auch ein album, die süßen burschen find ich nach wie vor spitze.
schade das mein luminorbert weg ist, er stieg wegen gesundheitlichen gründen aus. womöglich hat er gonorroe vom ganzen xxx .. oder er hat die eiskalte diva drama queen hinter den kulissen abgezogen und war nicht mehr tragbar.

wie auch immer, romeo ist würdiger ersatz.
Mehl an Erwin ist aus
2009-08-08 14:53:44 Uhr
Könnte eigentlich auch ein Thread fürs neue Album "Bang" ger, das erscheint nämlich in 2 Wochen. Warum ist eigentlich Luminor ausgestiegen? Depressionen?
U.R.ban
2009-08-08 14:48:37 Uhr
Was für ein merkwürdiges neues Video
Ich finds jedenfalls saulustig :D
manassas
2009-05-26 16:53:45 Uhr
Jeder Künstler ist Teil eines Vermarktungsprozesses, der umso desto stärker greift, je grösser der Erfolg wächst.
Das gilt für Alternative-Bands wie Radiohead, Franz Ferdinand oder Morissey genauso wie für Maiden oder Dream Theater.
Ungeachtet irgendwelcher persönlicher Vorlieben halte ich die obigen Bands - egal welcher Stilrichtung - für authentischer als
CB. Der pubertäre Bezug ist zu offensichtlich. Die Tatsache, dass sie live spielen, ehrt sie zwar, aber der Abstand - was die Authentizität angeht - zu Plastikpopsternchen ist nicht allzu gross.

Obrac
2009-05-26 16:40:47 Uhr
.. aber immerhin machen sie das Wesentliche, ich nenne es einfach mal Musik, selbst. Wie man als so ein Cinema Bizarre-Typ wohl fühlt? Als Musiker oder doch eher Schauspieler, Model, Callgirl..
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