Robert Wyatt - Comicopera

Robert Wyatt- Comicopera

Domino / Rough Trade
VÖ: 05.10.2007

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Von Innen nach Außen

Ambivalenz kann man Dutzenden anderen Künstlern unterstellen, aber der 62-jährige Engländer Robert Wyatt steht weit davon entfernt. Mal mitten im aktuellen, politischen Geschehen oder tief in seinen Träumen versunken, in denen er der Bedeutung des transzendentalen Großen und Ganzen auf den Grund geht. Nie unentschieden zwischen den einzelnen Disziplinen hin und her eilend, sondern sich ein eigenes Spektrum schaffend. So auch in seiner Musik, die sphärisch und elegisch die begrenzten Möglichkeiten der Songstruktur hinter sich lässt, diverse Genres dieser Welt in ihrer Komplexität erkundet und doch in ihrer teilweisen kindlichen Reduktion eine Lanze für die Einfachheit bricht. Einfach gemacht hat er es sich damit nie. Aber kaum ein anderer Musiker hält die Bandbreite zwischen psychedelischen Elementen, traditionellem Jazz und Songwriting und der Integration von weltmusikalischen Steckenpferden derart eindrucksvoll zusammen wie Robert Wyatt. So auch auf seinem neuen Album "Comicopera", eine tragikkomische Oper in drei Akten.

Dass sich dieses Selbstverständis von Genialität, Innovation und auch Symphathie, das man bei jedem neuen Wyatt-Album entwickelt und für das nachfolgende voraussetzt, bis heute hält, kommt eigentlich einem Wunder gleich. So viele Hürden und Steine waren ihm seit Anbeginn in den Weg gelegt: Seinem überraschenden Rauswurf bei den Art-Rock-Größen The Soft Machine, denen er vier Alben als kongenialer Drummer und Sänger diente, folgten Selbstzweifel und Depressionen, und sein volltrunkener Sturz aus dem vierten Stock eines Hotelzimmers Anfang der Siebziger brachte ihm die Lähmung beider Beine ein. Dass der bekennende Kommunist daran nicht zerbrach, spricht für ihn. Dass er gleich im Anschluss an den schweren Unfall sein Meisterstück "Rock bottom" aufnahm, eine Ode an den weiblichen Körper und an seine damalige Freundin, heutige Frau und Mitsongwriterin Alfreda "Alfie" Benge, spricht für seinen kreativen Geist. Dreiundreißig Jahre und fünf weitere Konzeptalben später vollführt Wyatt seine erste Oper. Nicht im wörtlichen Sinne, ohne massige Walküren und aufgetakelte Lackaffen. "Comicopera" ist ein thematischer Songzyklus von innen nach außen.

Wyatts Ziel war eine direkte Übertragung von Aufnahme zum Hörer, versehen mit so wenig Overdubs und Nachbearbeitung wie möglich. Dabei halfen ihm gestandene Musiker wie Ex-Roxy-Music-Gitarrist Phil Manzanera, Brian Eno und Paul Weller, die sich bereits seit dem 1997er Album "Shleep" zum festen Band-Inventar zählen können. Teil Eins der drei folgenden Akte, "Lost in noise" genannt, besticht als Introspektion, die sich vor der Welt um uns herum verschließt und innere Prozesse und Emotionen beleuchtet. "Memories fading for Hetty now / There is nothing and no one to trust / There is a tick and a tock of the damable clock / As the world that she knows turns to dust." Ein allein gelassenes Piano, um Fassung ringend, löst die melancholische, an Miles Davis erinnernde Trompete ab. Wyatt besingt die Geschichten isolierter Menschen mitfühlend und empathisch, weit über das Schwarzseherische und über die Depression hinaus. So sieht man sich schon gleich zu Beginn mit der Fusion von Jazz und Kammermusik von"A.W.O.L" mit einem der stärksten Wyatt-Songs überhaupt konfrontiert. Wie auch das Liebeslied "Just as you are", das die Positionen zweier ewig Liebender feinfühlig und wahrheitsgemäß ins Auge fasst.

Die bis dahin konstatierte, über alle Maßen überraschende Eingängigkeit der Songs auf "Comicopera" schwindet Stück für Stück mit dem Aufkommen des zweiten Aktes. Das Hier und Jetzt, "The here and now", das Außenleben, das Politsche rückt immer mehr ins Zentrum. Von zwei toten Hasen, die der junge, noch gehende Robert Wyatt beobachtete, in der für ihn ungewöhnlichen, harmonischen Akustikgitarren-Nummer "A beautiful place" frisst sich die Realität immer weiter vor bis zum Affront gegenüber der Gesellschaft. Bitterböse und sarkastisch schlüpft Wyatt in "A beautiful war" in die Rolle eines Flugzeugbombers, der zu fast sommerlichen Jazzrythmen diese fremde Stadt namens Bagdad zerbomben wird. Von schweren Synthesizerverzerrungen durchzogen spiegelt das folgende "Out of the blue" die Situation und stellt sich in die Position der Zerbombten. Die Bläser kreischen, die Keyboards keifen, Verwirrung, Angst, Zerstörung.

"Away with the fairies", der letzte Akt, ist Protest und Verzweiflung zugleich. Schwere Ambientschlaufen liegen über den Songs, die dicht machen und sich nur schwerlich öffnen lassen. Avantgarde zersetzt die vormals genossene Eingängigkeit und dokumentiert die Stille nach dem Unheil. Wyatt verbietet sich die Heimatsprache und drückt damit sein Unverständnis für fragwürdige Kriegshandlungen seines englischen Sprachstammes aus. Italienische und spanische Revolutionsbemühungen und atonale Instrumentals tönen in atemberaubender, gespenstischer Stimmung. "Comicopera" endet in der Hoffnung auf Veränderung. Wyatts achte Konzeption blüht meisterlich auf. Selbstverständlich.

(Markus Wollmann)

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Highlights

  • Just as you are
  • A.W.O.L
  • A beautiful place
  • On the town square
  • Cancion de Julieta

Tracklist

  1. Stay tuned
  2. Just as you are
  3. You you
  4. A.W.O.L.
  5. Anachronist
  6. A beautiful place
  7. Be serious
  8. On the twin square
  9. Mob rule
  10. A beautiful war
  11. Out of the blue
  12. Del Mondo
  13. Canicon de Julieta
  14. Pastafari
  15. Fragment
  16. Hasta siempre Comandante

Gesamtspielzeit: 60:41 min.

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