Scarlatti Tilt - Gathering of the haunted

Scarlatti Tilt- Gathering of the haunted

Simmo / Dandyland / Cargo
VÖ: 12.10.2007

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Ballistiker der Herzen

"'Es ist echt nicht einfach, in einer Einzimmerwohnung in San Jose zu (über)leben, wenn der Mitbewohner sich am Violinenspiel erprobt.' Sagte sie, als sie den Polizisten ihren leer geschossenen Revolver übergab." So in etwa ließe sich "The Scarlatti Tilt", die Zwei-Satz-Kurzgeschichte des amerikanischen Autoren Richard Brautigan, in heimatliche Zunge radebrechen. Brautigan gelang mit ihr 1963 ein ballistisch-literarisches Meisterstück, in dem sich die Phantasie des Lesers öffnet und die Geschichte um so präsenter wird, je knapper sich die literarische Form entwirft. All ihre zentralen Themen, der insulare, doch weite Raum, die in einer einzigen Pointe aufgefangene Erinnerung und die Rhythmik ihrer Erzählung, sind es auch, die Scarlatti Tilts "Gathering of the haunted" auszeichnet. Einen passenderen Namen hätte sich diese Band wahrlich nicht suchen können.

Es geht, anders gesagt, um Intensitäten, die ausschwärmen, abschweifen und Raum greifen. Scarlatti Tilt genügen dazu Klavier, Schlagzeug, Bass und nur selten einmal scharfzüngige Gitarren. Die Klaviermelodien perlen wie bei "The insect's party", schieben sich aber auch zu außerordentlich dichten Rhythmen zurecht, wie auf "One under" und "To wonder". Basssaiten schlingern beschwipst durch den Raum, bevor der Takt angezogen wird und angedubte Slides die Fluchtwege vernageln. Das Schlagzeug unterlegt selbst in den ruhenden Momenten eine verhallte Erregung, die dann mit blassem Knall, etwa im herausragenden "Salvation", in die Wirklichkeit zerschellt.

Zu all dem gibt Sängerin Daisy Chapman eine stimmliche Präsenz zum Besten, die im wahrsten Sinn beeindruckend, nämlich ebenso niederschmetternd wie einstanzend, ist. Sie singt klar, versiert, aber doch innerlich wund gekratzt. In Oktaven ist das gar nicht mehr zu zählen. Vielmehr geht es hier um Resonanz und Schwingungen, darum, wie Chapman es schafft, ihre Stimme im Außen nachpendeln zu lassen, den Raum zu ihrem ureigenen Klangkörper zu erweitern. Und zugleich überall Anschlussmöglichkeiten für ihre Mitspieler zu schaffen, die sie wie magnetisiert an sich zieht und wieder abstößt.

So funktionieren Scarlatti Tilt in der Tat als sofort präsente Einheit, und "Gathering of the haunted" ist ein wuchtiges Statement eben dieser Ge- und Entschlossenheit. Es gibt hier verteufelt große Momente, brillante Lieder, eine Menge kraftstrotzende Giftigkeit. Alles, was man mindestens braucht, um einen leeren Raum zu füllen. Ist dieser das Gedächtnis, so sind Scarlatti Tilt der Rauch, der aus dem noch handwarmen Revolver steigt und sich als flüchtige, unfassbare Erinnerung an die Gewalt des Schusses langsam in ihm auszubreiten beginnt. Ein Schicksal und eine ganze Geschichte, die in nur wenigen Gesten förmlich zu explodieren scheint. Aufgeschrieben in einer Fabel, die mit voller Wucht und ohne zu zögern direkt an des Hörers Herz und Magen klopft. Immer herein, wenn's nicht der Schnitter ist.

(Tobias Hinrichs)

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Highlights

  • One under
  • The insect's party
  • Salvation

Tracklist

  1. Gathering of the haunted
  2. I was only 5
  3. One under
  4. The insect's party
  5. Something for the crows
  6. Vettriano's muse
  7. Death of a ladyboy
  8. To wonder
  9. Salvation

Gesamtspielzeit: 34:31 min.

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