Jens Lekman - Night falls over Kortedala

Jens Lekman- Night falls over Kortedala

Secretly Canadian / Cargo
VÖ: 12.10.2007

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Ein Hauch von Nerz

Die Uhr tickt langsam. Der Schweiß rinnt in Bächen. Die Knie schlottern. Blicke beißen sich fest, die nur mit Purpurbäckchen erwidert werden können. Fragen werden gestellt, auf die nur stotternde Verlegenheitsantworten folgen. Man stelle sich diese absurde Situation nur einmal vor: Die liebe Freundin Nina aus Berlin, platonisch, nicht mehr, nicht weniger, lädt ein zum Diner mit der Familie. Der Gast, Jens Lekman, ein überaus begabter Musikant und liebenswerter Exzentriker, reist weit und ist gezwungen, die Rolle seines Lebens zu spielen - nämlich den boyfriend, der darüber hinweg täuschen soll, dass die gute Nina sich nichts aus breitschultrigen Adonissen oder hemdsärmeligen Sunnyboys macht, sondern im schönen Geschlecht ihre Vorliebe findet. Ins Auge fallende Kruzifixe, überraschend eingesetzte Lügendetektoren, ja, das ist der Stoff aus dem Verwechlungskomödien gemacht sind.

"Postcard to Nina", der aberwitzigste Song auf Lekmans neuem Album "Night falls over Kortedala", schickt uns durch die Hölle der Peinlichkeiten und schneidert eine moderne Version von Doris-Day/Cary-Grant-Verwechselspielen mit einer gehörigen Zugabe von P.G.-Wodehouse-Irrsinn. Im Zentrum stehen dabei nicht verstaubte, wieder aufgewärmte Kalauer, sondern sein Verständnis für veraltete Ansichten und nicht vorangetriebene Aufklärung. Lekman zeigt sich emphatisch, gefühlvoll und kämpferisch - ein raisonneur der alten Schule. Nur selten verzweifelt er in seiner Rolle. Wenn er es aber mal tut - dann, wenn die passend kitschige Glockenspielmelodie, unterstützt durch zartes Zupfen der spanischen Gitarre, abebbt, der durch eine kleine Bläsertruppe erzeugte Rhythmus karibisch aufblüht und er sein sanftes Storytelling zur klagenden Wattebausch-Rapmaschine umfunktioniert - kann man von Glück sagen, dieser Wohltat für Bein, Bauch und Arsch beigewohnt zu haben.

Innerlich ablaufende und nach außen getragene Schauspiele sind für Lekman ein einfaches Unternehmen, denn schon mit seiner ersten Songsammlung "When I said I wanted to be your dog" offenbarte er eine Reihe davon und stellte sich dabei fast in eine Reihe mit all den musikalisch agierenden Entertainern. Fast, denn sein trockener Witz, der oftmals die Grenzen zwischen Wahrheit und Wirklichkeit verwischt, seine filigrane, experimentelle Sprachmelodie, die zu jeder Zeit weiß, wann eine gesungener Ton rauszuzögern ist oder der Satzbau die Beine in die Hand nehmen muss, und letztlich seine zur Schau gestellte, komödiantisch arrangierte Schüchternheit, machen ihn eher zu einem Pop-Maestro für den tagträumenden Slacker, melancholischen Vorhängezuzieher und ungeschickten Unglücksmagneten. "I killed the party again / I ruined it for my friends / 'Oh, you're so silent, Jens' / Well, maybe I am / Maybe I am" sang er auf der wunderschönen EP-Zusammenstellung "Oh you're so silent Jens" - "I had a good time at the party when everyone had left" lässt er heute auf "Night falls over Kortedala" verlauten.

Lekmans Texte, seine verzeichneten (realen?) Alltagsbeobachten und Geschichten kaschieren nicht mit dem Versuch zu blenden, sondern offenbaren unglaubliche Absurditäten, unendlich tiefen Herzschmerz und einen Menschen im Zustand des Erwachsenwerdens. Als Pop-Maestro, den er auf "Night falls over Kortedala" mehr denn je darstellt, weiß er natürlich mit den Ecken und Kanten des Lebens umzugehen und, sei die Schmach noch so groß, sie in entsprechend wohltuenden Balsam zu tunken. So wie im startenden Epos "And I remember every kiss", das schwerwiegenden Komplikationen der Liebe mit festem Idealismus entgegentritt. "I swear I'll never kiss anyone / Who doesn't burn me like the sun" croont Lekman im Stile des frühen Scott Walkers. Weitläufige Violenensalven verflüchtigen sich, um Platz zu machen für mächtigen Orchesterbombast. Lekman verabschiedet sich damit gleich zu Anfang von seinem frühen LoFi-Songwriting, das wie eh und je von intelligenten Samples zusammengehalten wird, und haut diesmal mit Reggae- und Calypsofeeling, soften Beats, Percussion-Exzessen, schottischem 82er-New-Wave-Pop und tanzflächenkompatibler Rausschmeißernummer kräftig auf den Putz.

Mit "Sipping on the sweet nectar" treibt er sein neues Popverständnis auf die Spitze. Wie ein Vorspann einer Millionen Dollar schweren 80er-US-Schmalz- und Tränenseifenoper erklingt der großartige, soulgeschwängerte, glamfunkelnde Song, der zum Ende hin zum flötenreichen Battle mit Sufjan Stevens'scher Neo-Psychadelia übergeht. Ein erhabener, glückstrahlender Moment. Wie auch das hymnische "The opposite of hallelujah", in dem Lekman von den Leiden seiner kleinen Schwester erzählt. Man ist sich sicher, dass der Junggeborenen allein schon beim Hören dieses aufwühlenden Songs Besserung wiederfahren wird. Dem aus Götborg stammenden Lekman, der seine Veröffentlichungen nie als fest strukturierte Alben, sondern, explizit beschrieben, als Songsammlungen einzelner Kompositionen begeift, ist mit "Night falls over Kortedala" ein pures, konsequentes Popalbum gelungen, das sich trotz und gerade wegen seines liebenswerten, teilweise satirischen Größenwahns niemals zu einem großen Nichts aufbläht, sondern durch Substanz beständig bleibt. Und während wir uns an seinem frisch geschmiedeten Wortwitz erfreuen, sitzt der produktive Schwede längst schon an neuen dramtischen Komödien oder komödiantischen Dramen. Was auch immer.

(Markus Wollmann)

Bei Amazon bestellen / Preis prüfen für CD, Vinyl und Download
Bei JPC bestellen / Preis prüfen für CD und Vinyl

Bestellen/anhören bei Amazon

Highlights

  • The opposite of hallelujah
  • A postcard to Nina
  • It was a strange time in my life

Tracklist

  1. And I remember every kiss
  2. Sipping on the sweet nectar
  3. The opposite of hallelujah
  4. A postcard to Nina
  5. Into eternity
  6. I'm leaving because I don't love you
  7. If I could cry (it would feel like this)
  8. Your arms around me
  9. Shirin
  10. It was a strange time in my life
  11. Kanske är jag kär Idag
  12. Friday night at the Drive-In Bingo

Gesamtspielzeit: 50:40 min.

Album/Rezension im Forum kommentieren (auch ohne Anmeldung möglich)

Einmal am Tag per Mail benachrichtigt werden über neue Beiträge in diesem Thread
Dein Name:
Deine Nachricht:
Forums-Thread ausklappen
(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
edgar
2010-05-13 01:14:07 Uhr
Aug 11 - Berlin, Germany - Lido 20€
Aug 10 - Hamburg, Germany - Kunst

ich befürchte da muss ich hin!

Paul Paul
2008-11-05 03:07:14 Uhr
Oh ja, 9/10!
Alex
2008-11-04 21:22:44 Uhr
Hoch Damit! super Album!
Oh you're so silent Jens
2008-03-29 17:45:52 Uhr
So, nun wird mal wieder Oh you're so silent Jens gehört. Heute früh nur die Erinnerung an das letzte mal, jetzt schon wieder Wirklichkeit. Zu Gast: eine halbe Flasche Wodka. Prost.
Oh you're so silent Jens
2008-03-29 09:20:32 Uhr
Das Album beim alleine betrinken hören macht schon riesen Spaß. Der ist aber schlagartig weg, wenn das Album aus ist, dann möchte man nur noch weinen.
Zum kompletten Thread

Hinterlasse uns eine Nachricht, warum du diesen Post melden möchtest.

Bestellen bei Amazon

Threads im Plattentests.de-Forum

Anhören bei Spotify