Eddie Vedder - Into the wild

Eddie Vedder- Into the wild

J / Sony BMG
VÖ: 14.09.2007

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Der Einsiedler

Die rauen Riesenweiten Alaskas, winddurchtost, eisig, lebensfeindlich. Selten überhaupt Straßen, die das Nichts durchschneiden, aus dem einen Nichts kommen und ins nächste Nichts führen. Irgendwo jenseits von Fairbanks steht dieser junge Kerl im Schnee. Durchgefroren, mit klammen Fingern und einem Kleinkalibergewehr, das aus seinem Rucksack ragt. Mitte zwanzig ist er und will hinaus in die Einsamkeit, sich als Aussteiger durch den Winter schlagen in einem Nationalpark am Ende der Welt. Per Anhalter in die Wildnis, vielleicht beseelt von der Idee, Jack London nachzueifern. "Into the wild" ist die Geschichte des jungen Abenteurers Chris McCandless, der ausriss vor seinen seelischen und finanziellen Nöten, über zwei Jahre lang auf Güterzüge aufsprang und umher trampte, sich nachts in Gebüsche schlug und mit kleinster Habe - ohne Karte und Kompass - ins menschenleere Jenseits Alaskas aufbrach, wo er sich von geschossenen Eichhörnchen, Vögeln, Wildschweinen oder Früchten ernährte und halb erfroren, ausgemergelt und von einer Vergiftung geschwächt in einem Linienbus verstarb. Jon Krakauer widmete sich dem Mann und landete mit dem Roman "Into the wild" einen Welt-Erfolg. Sean Penn hat dieses Schicksal nun auf Zelluloid gebannt und seinen alten Freund Eddie Vedder höchstpersönlich darum gebeten, die Stille und Verlassenheit in Songs zu gießen und den Soundtrack beizusteuern.

Und so kommt der Pearl-Jam-Frontmann im Alter von 42 Lenzen zu seinem Solo-Debüt. Schon früher hatte Eddie Vedder ein paar Songs zu Filmen mit Sean Penn beigesteuert - "Long road" und gemeinsam mit Nustat Fateh Ali Khan den Titeltrack zu "Dead man walking" (1995) oder auch seine Version des Beatles-Songs "You've got to hide your love away" für "I am Sam" (2001). Nun also sein erstes Soloalbum. Man konnte äußerst Mäßiges befürchten bei den ersten Hördurchgängen der Single "Hard sun", die schon vorab durchs Netz schwirrte. Behäbig plätschert diese Coverversion eines knapp zwanzig Jahre alten Songs von Gordon Peterson dahin. Irgendwo im Spagat zwischen akustischer Ballade und Breitwandszenario, gleichförmig, ohne sonderliche Spannungsbögen, fast ein wenig egal. Nur der inbrünstige Gesang (teils im Duett mit Ex-Sleater-Kinney-Sirene Corin Tucker) entreißt die Nummer der Gleichgültigkeit. Warum die Verantwortlichen ausgerechnet das schwächste Stück der Platte als Single auserkoren haben, mag ihr Geheimnis bleiben.

Um so positiver überrascht der intime Zauber des knappen Dutzend Songs, die sich um die Single herumranken. Kein glatter Bombast, keine schalen Aufgüsse. Unaufgeregt, stimmig, nirgends umstürzlerisch, eher wie Nächte am knisternden Lagerfeuer. Intime Folk-Kleinode, oft nur von einer mal gezupften, mal geschrubbten Akustikgitarre getragen, über die Vedder zarte Melodiebögen spannt. So butterweich und zurückgenommen wie lange nicht mehr. Zuweilen auch um Ukulele oder Banjo ergänzt. Im Opener "Setting forth" und in "Far behind", das fast als Akustik-Punk-Nummer durchgeht, dämmert noch ein schwungvoller Abglanz der energetischen Explosivität von Pearl Jam. Doch selbst diese brechen nicht völlig aus und bleiben in melodieseligen Gefilden. Mal zart geflüstert, mal vollkehlig, nirgends zerrissen und heiser schreiend. Den wenigen schnelleren Songs, bei denen Herr Vedder sämtliche Instrumente selbst eingespielt hat, mag der treibende Druck eines Matt Cameron am Schlagzeug abgehen, auch finden sich nirgends ausladende Gitarrensoli. Beides fehlt den Songs aber keineswegs, und beides hätte in Songs über einsame Abgeschiedenheit inmitten unberührter Wälder wohl nicht viel verloren.

Hier und da verirrt sich auch eine elektrische Gitarre ins Klangbild, doch wahrt auch sie den zurückhaltenden Ton. Vor allem die zerbrechlichen, heimeligen Einsiedler-Balladen wie "No ceiling", "Long nights" oder das Jeff Hannan-Cover "Society" sind es, die berühren, in denen Vedder stille Großtaten vollbringt. Oft kaum länger als zwei Minuten lang. Innig gesungen, still, nirgends effekthascherisch. In der Mitte des Albums schleicht sich mit "Tuolumne" ein behende gezupftes, knapp einminütige Gitarren-Instrumental zwischen die Songs, das ein Hauch von "Dust in the wind" durchweht. Auch Klangmalerisches findet sich: In "The wolf" heult Eddie zu einsamen, ruhigen Pumporgel-Akkorden den nächtlichen Mond an. Einzig das selbstversunkene, sanft perlende "Guaranteed" zum Abschluss bricht aus der Kürze aus mit seinen siebeneinhalb Minuten Dauer, wovon indes knapp zwei Minuten völlige Stille herrscht, ehe der Song noch einmal anhebt und Eddies erstes Singer-Songwriter-Album nach einer guten halben Stunde an ein berückend schönes Ende führt. Kälte herrscht nur da draußen.

(Ole Cordsen)

Bei Amazon bestellen / Preis prüfen für CD, Vinyl und Download
Bei JPC bestellen / Preis prüfen für CD und Vinyl

Bestellen/anhören bei Amazon

Highlights

  • No ceiling
  • Long nights
  • Society
  • Guaranteed

Tracklist

  1. Setting forth
  2. No ceiling
  3. Far behind
  4. Rise
  5. Long nights
  6. Tuolumne
  7. Hard sun
  8. Society
  9. The wolf
  10. End of the road
  11. Guaranteed

Gesamtspielzeit: 33:08 min.

Album/Rezension im Forum kommentieren (auch ohne Anmeldung möglich)

Einmal am Tag per Mail benachrichtigt werden über neue Beiträge in diesem Thread
Dein Name:
Deine Nachricht:
Forums-Thread ausklappen
(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
sto gos
2010-09-29 19:25:00 Uhr
ja, jetzt
ed ved
2010-09-29 16:56:13 Uhr
Wie ich gerade lese, hat das Album auch Bonustracks:
http://en.wikipedia.org/wiki/Into_the_Wild_(soundtrack)#Track_listing
Kennt die wer?
toolshed
2010-06-25 00:30:33 Uhr
Sollte man meiner Meinung nach sowieso unabhänig von Pearl Jam wahrnehmen. Und dass dürfte bei diesen Klängen selbst dem größtem PJ-Fanatiker gelingen. Und selbstverständlich, ist das Ding großartig, auch ohne den Hintergrund des Films zu kennen. Bei mir kam die CD jedenfalls vor der DVD ins Regal.

Wundervolles Album. (8/10)
DerMeister
2009-09-23 01:58:20 Uhr
Ich liebe den Film und ich frage mich, ob ich ihn ohne diesen wunderbaren Soundtrack, genau so toll finden würde.

Für mich, auf jeden Fall besser als alles was Pearl Jam nach Yield veröffentlicht hat.
7,95 öre
2009-09-23 01:50:27 Uhr
http://www.amazon.de/Music-Motion-Picture-Into-Wild/dp/B000WDXNSQ/ref=sr_1_26?ie=UTF8&s=music&qid=1253663361&sr=1-26

wer's noch nich hat, kriegt es getz zum preis des schleuderns
Zum kompletten Thread

Hinterlasse uns eine Nachricht, warum du diesen Post melden möchtest.

Bestellen bei Amazon

Weitere Rezensionen im Plattentests.de-Archiv

Threads im Plattentests.de-Forum

Anhören bei Spotify