PJ Harvey - White chalk

PJ Harvey- White chalk

Island / Universal
VÖ: 21.09.2007

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Ein Hauch von Nichts

Nie ist PJ Harvey die Alte. Ihre Alben scheinen stets von einem umgekrempelten Seelenleben geprägt, das sich im jeweiligen Sound manifestiert. Auf "Stories from the city, stories from the sea" stürzte sich eine für ihre Verhältnisse ausgeglichene, teils geradezu glückliche Frau ins Leben und die Liebe. Zwar war auch hier immer diese Versehrtheit und die tiefe Sehnsucht nach einem verlässlichen Halt zu spüren, aber dennoch klang dieses Album sehr harmonisch und zugänglich. Der im Alleingang eingespielte Nachfolger "Uh huh her" rauschte dagegen schon wieder wie ein kaputter Fahrstuhl in den Stimmungskeller. Raunende Angriffslust im Wechsel mit sich abwendender Zurückgezogenheit, verpackt in einen erdig-rohen, unbehauenen Sound wie wohl seit "Rid of me" nicht mehr.

Auf "White chalk" jedoch sackt die Gefühlslage noch ein Stockwerk niedriger, bis in die Tiefgarage hinunter. Passé das Wechselbad der Gefühle, hier ist nur noch Flehen um Gnade und Vergebung übrig. Auch den Rockgitarren hat Frau Harvey adieu gesagt. Übrig geblieben sind einzig Piano und verschiedene andere Tasteninstrumente, ein paar akustische Gitarrentupfer hier und da, zartes Rauschen des Besens auf der Snare sowie Polly Jeans Stimme als das tragende Element der Platte. Und wie der gesamte Rest klingt auch diese Stimme wesentlich anders als alles zuvor.

Extrem zurückhaltend und leise ist sie zumeist, oft genug mehr ein Hauchen als ein eigentliches Singen. Harveys stimmliche Kraft kommt eigentlich nie zum Einsatz. Stattdessen gleitet sie häufiger in eine brüchig-schiefe Kopfstimme ab, was im Auftakt "The devil" noch wie der naiv-angstvolle Singsang einer Klosterschülerin wirkt, die dem Teufel entkommen will. Auch "When under ether", ein Song über die Erfahrung menschlicher Güte und das Entlangwandeln an der Grenze zwischen Leben und Tod, gewinnt eine beunruhigende Schönheit durch diesen fragilen Gesang, der wie durch einen Schleier tönt. Wie das Klopfen an die Himmelspforte wirken diese überaus zerbrechlichen Songs, zu denen Harvey nicht umsonst mit kalkweißem Gesicht und in einem lichtweißen Kleid auf dem Cover posiert. Doch ist hier alles permanent von dunkelstem Schwarz umgeben, als singe sie direkt aus dem Orkus so flehentlich und verloren in die Welt hinaus. Zwiespältig sind einzig "The piano" und "The mountain", die dank Polly Jeans plötzlich ausbrechenden Sirenenheulens ein doch eher enervierendes hysterisches Moment entwickeln.

Leicht war es freilich noch nie, PJ Harvey zu mögen. Mit diesem äußerst zurückgenommenen, spröden und zugleich gerne in schrägen Tönen schwelgenden Album ist dies kein Stück leichter geworden. Weitab von Kategorien wie Hits oder Eingängigkeit werden einem hier trotz der bleiernen Schwere, die über den Liedern hängt, auch auf "White chalk" viele ergreifende Momente der Levitation beschert. Entrückt und zugleich ganz bei sich selbst breitet sich die Stimme Harveys in eine oft geradezu sakrale Leere hinein aus. Allerdings bleibt auch das Gefühl, dass da noch ein wenig mehr möglich gewesen wäre. Vielleicht hätte geholfen, die Dynamik nicht ganz so drastisch zurückzufahren. Aber auch das kann nichts daran ändern, dass PJ Harvey auch mit "White chalk" die Naturgesetze nicht aushebeln kann. Diese Frau kann einfach keine schlechte Musik machen.

(Harald Jakobs)

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Highlights

  • The devil
  • When under ether
  • Broken harp

Tracklist

  1. The devil
  2. Dear darkness
  3. Grow grow grow
  4. When under ether
  5. White chalk
  6. Broken harp
  7. Silence
  8. To talk to you
  9. The piano
  10. Before departure
  11. The mountain

Gesamtspielzeit: 33:57 min.

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User Beitrag

Mr Oh so

Postings: 1206

Registriert seit 13.06.2013

2015-02-10 23:46:38 Uhr
White Chalet

Definitiv auch schön.
stefanie
2015-02-10 23:25:03 Uhr
Teile die Meinung, sie hat 4-5 beste Alben. Und für mich gehört White Chalet definitiv dazu. Kann mit dem Frühwerk eher weniger anfangen.

embele

Postings: 362

Registriert seit 14.06.2013

2015-02-09 18:15:08 Uhr
@ Machina:
Nimm Dir etwas Zeit, das Album ist ja auch nicht so lang, das hat man schnell durchgehört.
Der Teufel steckt hier im Detail. Wenn man "White Chalk" so laut hört, daß man die ganzen schrägen und kruden Feinheiten mitbekommt, dann wird einem schnell bewusst, mit welch einem einmaligen Album man es hier zu tun hat !

bazilicious

Postings: 2909

Registriert seit 27.06.2013

2015-02-09 15:01:44 Uhr
Es gibt ja auch kein bestes Album von ihr, sie hat so ca. 4-5 beste Alben. White Chalk gehört aber nicht zu ihnen (meiner Meinung nach).

The MACHINA of God

Postings: 13084

Registriert seit 07.06.2013

2015-02-09 14:42:32 Uhr
Ich werd der Platte noch Durchläufe geben. Ich glaub halt nur, dass es nicht unbedingt das ist, was ich gern von ihr hören will. Einfach vom Stil her.
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