Long Distance Calling - Satellite bay

Long Distance Calling- Satellite bay

Viva Hate / Cargo
VÖ: 28.09.2007

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Die Leichtigkeit des Seins

Postrock hat ein Problem: seinen Ruf. Vereinsamte Jungs der dunkleren Seite des Lebens, oft ohne größere sozialen Kontakte und mit Hang zum Misanthropischen, sitzen eingeschlossen in ihren fensterlosen Kämmerchen, versinken gedanklich in parallelverschobenen Welten und denken dabei, sie hätten dennoch vielmehr Durchblick und Umsicht, ganz einfach, weil sie mehr von Kulturen verstehen würden. Sagt der Volksmund. Nicht umsonst eignen sich Do Make Say Think, Explosions In The Sky oder wie sie alle heißen gleichermaßen zum Aufhängen oder zum abgehobenen Philosophieren am späten Abend, je nachdem. Doch da muss mehr sein. Oder?

Glücklicherweise steht mit "Satellite bay" jetzt sogar ein wirklich entzückender Gegenbeweis parat, der belegt, dass nicht zwangsläufig nur Leute in Postrock-Bands spielen, weil sie denken, sie wären etwas Besseres, bloß weil sie zehn Semester Musikwissenschaften auf dem Buckel haben. Im Gegenteil, denn ein Teil von Long Distance Calling kommt sogar aus der komplett entgegensetzten Ecke, qualitativ gesehen: einer deutschen Death-Metal-Band. Misery Speaks. Muss man jetzt nicht zwangsläufig kennen, aber es ist schon interessant anzuhören, was Schlagzeuger Janosch Rathmer und Gitarrist Florian Füntmann einerseits maximal Durchschnittliches im Metalbereich verzapfen, um einen dann mit Long Distance Calling so dermaßen positiv vor den Kopf zu stoßen.

Allein die Tatsache, dass in der durchweg englischen Tracklist der erste Song als Ausnahme "Jungfernflug" heißt, hat schon irgendwas Sonderbares, zumindest sticht er hervor. Und das auch klanglich, denn in den zehn Minuten gibt es keine Spur von inhumaner Endzeitstimmung, vielmehr bringen ausgerechnet die fiesen Metaller schöne bunte Melodiebögen unter. Überhaupt ist "Satellite bay" ein erstaunlich dynamisches Album mit vielen Höhen und wenigen Tiefen, aus der dramaturgischen Sicht jetzt. Der Standardfehler ziemlich vieler Postrock-Bands - dass sich Alben ziehen wie Kaugummi im Sommer - wird durchweg vermieden, das trotz Songs jenseits der fünf Minuten. Mit Sicherheit ist das wiederum auch ein Produkt daraus, dass ganz bewusst vereinzelt verzerrte Stimme eingebaut wurden und sogar in "Built without hands" mit Peter Dolving (u.a. The Haunted) ein durchaus prominenter Sänger gefunden wurde, der sich mit seiner Variabilität perfekt in den Song einfügt.

Wüsste man nicht, dass die Band schon alte Hasen im Musikmachen sind, würde man fast erschrecken, so rundum glanzvoll und ausgereift präsentiert sich "Satellite bay". Einerseits sitzt jeder Ton, wo er sitzen soll und geht locker-leicht ins Ohr. Andererseits ist das Ganze weit entfernt von Perfektionismus, sondern in seiner Natürlichkeit alles andere als abgehoben, steht mit beiden Füßen im Leben. Ohne Blenden und Geschwätz, ohne Musikwissenschaften und ohne Grund zum Aufhängen. Ruf gerettet.

(Christoph Schwarze)

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Highlights

  • Fire in the mountain
  • Built without hands

Tracklist

  1. Jungfernflug
  2. Fire in the mountain
  3. Aurora
  4. Horizon
  5. The very last day
  6. Built without hands
  7. Swallow the water

Gesamtspielzeit: 58:42 min.

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User Beitrag

boneless

Postings: 2105

Registriert seit 13.05.2014

2015-11-29 22:48:10 Uhr
paradox, dass so ein post ausgerechnet im thread des einzig guten albums dieser band landet.

noise

Postings: 617

Registriert seit 15.06.2013

2015-11-29 18:01:03 Uhr
Na, ja habe sie letztes Jahr live gesehen. Hat mir sogar gefallen. zumal sie jetzt mit Gesang auch abwechslungreicher geworden sind.
Aber hast recht: In Sachen posen sollten sie sich schon zurückhalten.
lolcoque
2015-11-29 13:57:42 Uhr
Gestern live mit Crippled Black Phoenix und Agent Fresco gesehen, die beide sehr gut waren.
Man spielen LDC einen langweiligen, ewig gleich klingenden Postrock und feiern sich dazu ab wie die übelsten Rockstars.
Genauso wie DDing kann ich nicht verstehen, wie das so viele Leute begeistern kann.

2009-10-11 22:20:17 Uhr
umblätter
gianni
2009-03-30 10:38:13 Uhr
Der Rest von LDC erscheint mir eigentlich mehr oder weniger langweilig-egal, aber dieser Song rangiert irgendwo zwischen Ärgernis und Frechheit.

Am besten gleich vor den europäischen Gerichtshof zerren, diese bösen Buben...

Was ist eigentlich dein Problem? Man darf die Band ja ruhig schlecht finden, aber dein Mitteilungsbedürfnis diesbezüglich ist schon ziemlich penetrant und nervtötend. V. a. immer wieder diese lächerliche "Die haben nur 2 Akkorde" - Leier. Bsp. "Weight" von Isis besticht auch nicht gerade durch abwechslungsreiche Gitarrenarbeit - ist der Song deswegen nicht eine Welt? Ist die Frage "Wie viele Akkorde" nicht fürs Gesäß? ...
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