Siouxsie - Mantaray

Siouxsie- Mantaray

W14 / Universal
VÖ: 14.09.2007

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Einsam klasse

So etwas Banales wie Zeit konnte Siouxsie Sioux, Mitbegründerin von Punk und New Wave sowie Heiligenbild des Gothic Rock, nie etwas anhaben. In England und speziell in London ist sie ein lupenreiner Superstar. Und auf dem Rest des Erdballs immerhin Verursacherin einer derart fanatischen Klonographie, dass sich "der dicke Robert" - wie sie allein Cure-Ikone Robert Smith nennen darf - vor Neid den Spliss aus der Frisur ärgern dürfte. Doch, bei allem was sie erlebt, was sie gesehen und was sie ausgelöst hat: bislang war Siouxsie niemals allein für sich selbst verantwortlich. "Mantaray" ist in der Tat das erste Soloalbum einer über dreißigjährigen, beispiellosen Karriere. Und, es sei vorweggeschickt: es ist besser geworden als alles, was Siouxsie mit der Rückendeckung ihrer Banshees oder den Creatures seit Längerem zu Stande gebracht hat.

Denn "Mantaray" dreht den spleenigen Pop-Appeal der späten Banshees-Platten ebenso durch den Wolf, wie die manische Verspieltheit der vorwiegend percussionbasierten Creatures. Und intoniert so Songs von einer Größe, die sich endlich wieder auf Augenhöhe begeben mit Siouxsies Stimme, die selbst Musik, Melodie, Rhythmus und zudem so was wie Karma und meta-real - also ein ebenso herzliches, wie gefährliches Unding zwischen Poesie und Prosa - ist. So rekapituliert "Sea of tranquility" den Schizo-Pop eines der wohl besten späteren Banshees-Alben "Peepshow" aufs vortrefflichste, um es in einem der besten Creatures-Stücke überhaupt enden zu lassen. Ähnliches setzt auch die absolut erhabene Klavierballade "If it doesn't kill you" an. Was hier an wahren Traumpanoptiken in Sound und Instrumentarium durch den Song geworfen wird wie Bollos zum St. Martinstag, spottet im Grunde jeder Beschreibung.

Auch "They follow you" beginnt als Hommage an eine typische Banshees-Hit-Single, vertieft sich aber immer mehr, scheint an Siouxsies Intonation geschmeidig herab zu gleiten, und fährt irgendwann eine Fuzz-Gitarre hoch, die den Song gleich noch einmal komplett umdreht und den Weg freisperrt für manisches Glockenspiel und Marimbas. Um die Tribal-Drums von "One mile below" schlängelt sich ein ebenso herausfordernder Gitarrentakt, der immer mehr Fleisch aus dem Beat herausschabt, bis dieser den Song zur Selbstverteidigung kurz ausbremst, um danach noch einmal machtvoll aufzustehen. Und "About to happen" und "Drone zone" erinnern mit ihren TripHop-Beats, Standbässen und genau auf dem Takt sitzenden Bläsern gar an Amy Winehouse. Keine Ahnung, wie sie darauf kommen konnte, doch das ist ebenso perfekt erzählt, wie der unterdrückte Gospel von "Heaven and alchemy", der das Album mit derart viel Würde abschließt, dass die Gänsehaut nachglüht wie ein ganzer Waldbrand.

Im Zuge dieses Nachglühens macht man dann selbst mit dem Düster-Rock-Stampfer "Into a swan" seinen Frieden, und sei es nur in dem Verständnis, dass sich selbst jemand wie Siouxsie erst einmal wieder auf den Markt schubsen muss. Da ist eine machtvolle Geste als Fliegenfänger sehr richtig und willkommen. Sounds und Songs von "Mantaray" illustriert sie jedoch in keiner Weise. Denn Siouxsie entwickelt auf ihrem "Debüt" eine immense Kraft und Spielfreude. Ein Potential, von dem stets klar war, dass sie es besitzt. Dass sich die Ice-Queen aber derart in Geberlaune zeigen würde, das war nicht unbedingt zu hoffen. So aber unterstreicht "Mantaray", wie viel die Musikwelt an dieser Frau nach wie vor gewinnen kann. Wenn die Erwartungen nicht übertroffen werden. Sondern zutreffen.

(Tobias Hinrichs)

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Highlights

  • Here comes that day
  • Sea of tranquility
  • If it doesn't kill you
  • They follow you

Tracklist

  1. Into a swan
  2. About to happen
  3. Here comes that day
  4. Loveless
  5. If it doesn't kill you
  6. One mile below
  7. Drone zone
  8. Sea of tranquility
  9. They follow you
  10. Heaven and alchemy

Gesamtspielzeit: 40:59 min.

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User Beitrag
Armin
2007-09-30 20:00:20 Uhr
Künstler: Siouxsie
Release: \"Mantaray\" (Album)
VÖ: 14.09.07
Label: Universal Music
Tour:
30.10. München - Backstage
31.10. Berlin - SO 36
03.11. Köln - Live Music Hall

Infos: In den 1980er und 90er Jahren wurde aus Siouxsie ein alternativer Superstar, der in Europa und den USA treue Fans mit insgesamt elf Studioalben und diversen EPs, Live Mitschnitten, “Best of“ Kopplungen und „Peel Sessions“ versorgte. Nebenbei erkundete sie mit Drummer Budgie als The Creatures unerhörtes Sound-Terrain, mal auf Hawaii, dann im Big Band Sound von „Right Now“ und zuletzt („Hai!“, 2003) in Japan. Sie war Skandal, Eiskönigin, Gruftie-Göttin wider Willen.

Inzwischen sind Siouxsie und ihr Pin-Up gewordenes New Wave/Goth Image längst englisches Kulturerbe ersten Ranges, als Symbol so wichtig für das Souvenirgeschäft an Oxford Street und Co. wie Swinging Sixties, Glamrock und all die anderen Popphänomene Londons. Darum passt es, dass Siouxsie ihren Track „If It Doesn`t Kill You“ als potentielle „James Bond“-Titelmusik anpreist. Schließlich ist sie genauso utterly british wie der Geheimagent ihrer Majestät. Für das Stück hat sie die Shirley Bassey in sich herausgeholt, eine bisher noch nicht so ausgelotete Seite der Sängerin. Auf anderen Tracks von „Mantaray“ (VÖ: 14.09.) begegnet man weiteren Facetten von Siouxsie, die eben nicht in das Bild der kalt-schrillen Dunkeldiva passen: Bläsersätze, Piano, Marimba, Besenschlagzeug stehen neben Big Beats, Gitarrenwänden und synthetischen Klanglandschaften. Jedes der zehn Stücke ist eine eigene Welt, „Mantaray“ kein Konzeptalbum sondern eine eindrucksvolle Sammlung von Songs.

Vielleicht am höchsten anzurechnen ist Siouxsie ihr Verzicht auf modische Verneigungen vor der eigenen Geschichte. Dies ist schließlich die Frau, die 1978 mit ihrer Debütsingle „Hong Kong Garden“ einen Top Ten Hit hatte, zu dem gerade wieder erst „Marie Antoinette“ im gleichnamigen Hipster-Historienopus von Sofia Coppola über ein Kostümfest tanzte. Aber dass inzwischen Bands wie Franz Ferdinand, Bloc Party, Interpol oder Maximo Park ein Klangideal propagieren, das Frau Ballions Ohren noch bekannt vorkommen dürfte, interessiert sie nicht. Von Karen Elson (Yeah Yeah Yeahs) ganz zu schweigen, die gerne mit Siouxsie verglichen wird. Siouxsie ist sich selbst genug und steckt mit „Mantaray“ einen eigenen Claim. Sich nach Moden zu richten, kommt nicht in Frage. Sie selbst sieht das ganz profan: „Die Menschen sind zu sehr mit Dingen wie Erfolg und Geld beschäftigt. Das hat mich nie interessiert. Ich wollte immer nur Autonomie. ‚Leave me the fuck alone und lasst mich einfach weitermachen’. Hey, das wäre doch ein gutes Schlußwort, oder?“. Genau, das lassen wir mal so stehen.



Weblinks: http://www.myspace.com/siouxsiemantaray/ / http://www.vertigo.fm
night porter
2007-09-22 10:46:42 Uhr
Schön das Into a swan doch der einzige Totalausfall bleibt. About to happen klingt ein bisschen hip nach The Killers, aber so langsam blüht das Album auf. Amy Whitehouse ist an mancher Stelle gar klein schlechter Vergleich. Auf den letzten 3 Songs läuft sie dann zu wahrer Klasse auf und wenn da die krachige Produktion nicht wäre, würde tatsächlich ein bisschen Peepshow-Atmosphäre aufkommen. Was Megatolles, zum ganz doll ans Herz drücken, ist es vielleicht nicht, aber Siouxsie zieht sich doch unerwartet gut aus der Affaire.

Into a swan 3/10
About to happen 7/10
Here comes that day 8/10
Loveless 7/10
If it doesn't kill you 8/10
One mile below 7/10
Drone zone 7/10
Sea of tranquility 9/10
They follow you 8-9/10
Heaven and alchemy 9/10
night porter
2007-09-06 07:49:56 Uhr
So hübsch das Plattencover auch ist, nach der Single macht sich erstmal leichte Ernüchterung breit. Schäbiger 90erJahre-Rock! Rauer soll es wohl sein, aber ein Playground Twist wird da nimmer draus. Da sind The Creatures die deutlich bessere Wahl. Der hundertste Durchlauf von Hyaena, Peepshow, JuJu & Co scheint vermutlich doch die interessantere Alternative zu sein.
Humpty Dumpty
2007-09-05 19:58:28 Uhr
So ist es.
Söze
2007-09-05 01:04:16 Uhr
Öh, Robert Smith und Sid Vicious waren sehr wohl Mitglieder der Banshees. Fat Bob ersetzte 1982 John McGeoch an der Gitarre, spielte u.A. auf der Hyaena-LP und dem Nocturne-Livealbum und ging 1984 dann wieder, um sich wieder voll und ganz The Cure zu widmen. Und Sid Vicious sass ganz am Anfang am Schlagzeug, so auch beim berüchtigten Lord's Prayer-Auftritt im Herbst 1976. Bei den Sex Pistols war er dann ja erst ab 1977.
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