Okkervil River - The stage names

Okkervil River- The stage names

Jagjaguwar / Cargo
VÖ: 07.09.2007

Unsere Bewertung: 9/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Method acting

Der Psychoanalytiker würde an seiner Brille zupfen und die Stirn kräuseln. Mit den Fingern durch seinen Backenbart fahren und im Pschyrembel blättern, dem Mammutwerk der Krankheitsdiagnosen. Und dann würde er mit knarrender Stimme die Diagnose murmeln: "Beschwingte Depression ... das ist neu." Dies wäre zumindest ein mögliches Szenario, wenn man Will Sheff und seine Band Okkervil River auf die Couch legen und psychologisch analysieren würde. Denn lange haben sich tiefe Seelenschluchten und vergnügter Überschwang, hängende Köpfe und tanzende Freude nicht mehr so eng aneinander geschmiegt wie auf "The stage names", ihrer neuesten Platte. Nicht runderneuert, aber gewandelt erscheinen sie. Und fast reibt sich verwundert die Ohren, wer ein nahtloses Anknüpfen an das grandiose "Black sheep boy" erwartet hatte, jenes bitterschöne, bohème Konzeptalbum, dessen Potenzial der Rezensent damals zwar erahnte, seine wahre Größe allerdings erst knapp verspätet erkannte. Die düstere Schönheit ließ riesige Klöße im Hals wachsen, erschwerte das Schlucken, ging meilentief unter die Haut und jagte einem wohlige Schauer den Rücken runter.

Gerade gemessen daran - oder auch am nicht minder großartigen und nicht minder dunklen "Down the river of golden dreams" -, erschrecken die überbordende Spielfreude, die fluffig federnden Grooves, die lebendig wippenden Basslinien, Handclaps, Schubidu-Chöre und die Fröhlichkeit, mit der das Gros der Songs auf "The stage names" aus den Boxen turnt. Nun war auch vorher längst nicht alles finster und trist, doch bröckelt der schwarze Schmelz. Okkervil River haben sich weiter entwickelt, vielleicht auch getrieben vom Anspruch, nicht ausschließlich eine Kerbe auszuwetzen, nicht immer die selben edlen Tropfen aus dem Keller zu holen, nicht Gefahr zu laufen, sich nur zu wiederholen. Weniger dunkler Rotwein, mehr Bier. Sheff selbst hat vor einiger Zeit bekundet: "I started to feel, with 'The stage names,' that if I keep doing that again and again I'd become something like the Sisters Of Mercy or Bauhaus."

Alle Heiterkeit der Platte ist allerdings eher die eines Dostojewski. Denn gerade textlich überwiegen immer noch die dunklen Schleier. Gleich zwei tragische Gestalten, die sich selbst in den Tod stürzten, der Lyriker John Berryman und die Schauspielerin Shannon Wilsey, bekommen in "John Allyn Smith sails" und "Savannah smiles" einfühlsame Songdenkmäler gesetzt. Vielmehr ist "The stage names" das vielleicht ausgewogenste und doppelbödigste Album der Bandkarriere geworden, scheinbare Hochs entpuppen sich als verbitterter Wolf im Schafspelz, inmitten von Tiefs keimt noch Hoffnung. Clever brodelnde Rocker wie "Our life is not a movie or maybe" und "Unless it's kicks" nehmen immer wieder überraschende Biegungen. "A hand to take hold of the scene" streift munter wippend gar Randbereiche des Soul, lässt die Wurlitzer-Orgel schwurbeln, den Bass tanzen und überrascht mit Szenenapplaus und noch mehr Schubidu-Chören. Die leisen, traurigen Seiten sind jedoch nicht verstummt. "Savannah smiles" ist eine traumschöne, stille Ballade, die ein Hauch von Spieluhr durchweht. Das fantastische "A girl in port" bezirzt mit herrlich wehmütigen Melodiebögen, wimmernden Slidegitarren und herzerwärmenden Bläsersätzen am Ende.

Überhaupt fallen auch diesmal wieder die opulenten, cleveren Arrangements positiv ins Gewicht. Celli seufzen sehnsüchtig, Mandolinen zirpen, Xylophone klimpern vergnügt, Hörner weben romantische Klangfarben mit ein, Gitarre, Bass und Schlagzeug rotzen raue Riffs darunter. Und wenn am Ende des finalen Wahnsinnsbrockens "John Allyn Smith sails" die Band plötzlich in eine kratzige, bleischwer schleppende Version des alten Traditionals "Sloop John B." biegt, das einst durch die Beach Boys legendär wurde, stehen die Münder offen. "The stage names" mag weniger beklemmende Intensität und verzweifelte Leidenschaft als sein Vorgänger bergen, Sheff sich seltener die Seele aus dem Hals schreien. Aber auch mehr Licht steht Okkervil River ausgezeichnet, und selbst ihre beschwingte Depression bezaubert. Die Latte lag verdammt hoch, die Band hat sie erneut bravourös übersprungen.

(Ole Cordsen)

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Highlights

  • Our life is not a movie or maybe
  • Unless it's kicks
  • A girl in port
  • John Allyn Smith sails

Tracklist

  1. Our life is not a movie or maybe
  2. Unless it's kicks
  3. A hand to take hold of the scene
  4. Savannah smiles
  5. Plus ones
  6. A girl in port
  7. You can't hold the hand of a rock and roll man
  8. Title track
  9. John Allyn Smith sails

Gesamtspielzeit: 41:50 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

MopedTobias

Postings: 15245

Registriert seit 10.09.2013

2020-07-25 19:12:15 Uhr
Riesige Band immer noch, für mich ganz weit vorne im Genre. "The Stage Names" ist eins meiner liebsten Indie-Alben der 00er.

captain kidd

Postings: 1885

Registriert seit 13.06.2013

2020-07-25 19:01:30 Uhr
Höre gerade bei "Daddy Please" von Sarah Mary Chadwick ganz viele Okkervil-Momemte aus deren bester Zeit. Besonders der Titeltrack. Dieses besoffene kleine Orchester. Schade, dass Dän nicht mehr das ist. Für den wäre das vielleicht auch was. Vielleicht kann Armin da Mal was vermitteln. Ich sage: Merci!
The Triumph of Our Tired Eyes
2012-05-04 09:04:47 Uhr
Vor allem die ganzen Referenzen an andere Songs. Ich habe irgendwie immer Lust die Zombies zu hören nach dem Song:)
Demon Cleaner
2012-05-04 08:53:20 Uhr
"A Girl In Port" ist wirklich toll. "Plus Ones" wird immer unterschätzt - allein der Text ist so großartig!
The Triumph of Our Tired Eyes
2012-05-04 08:36:55 Uhr
Inzwischen wohl mein Liebstes von ihnen. "Down The River..." ist zwar das bessere Album, kann ich jedoch nur in der richtigen Stimmung vollends geniessen. The Stage Names klappt immer. Zieht nicht runter, macht munter. Ausserdem ist das Trio Plus Ones – Girl in Port – You Can’t Hold… unschlagbar. Was wohl auch daran liegt, dass Girl in Port mein Lieblingssong von Okkervil River ist.
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