Patrick Watson - Close to paradise

Patrick Watson- Close to paradise

Secret City / V2 / Rough Trade
VÖ: 14.09.2007

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Alles ist erleuchtet

Ein gewisser Patrick Watson steckte im Frühsommer 1969 mit John Lennon und Yoko Ono unter einer Decke. Der kanadische Fernsehmoderator löcherte die frisch Vermählten während ihrer legendären "Bed-in"-Flitterwoche in Montreal, bis sie "Give peace a chance" flehten und so ihre verbal perforierten Hippie-Gewänder erfolgreich an der Offenbarung nackter Tatsachen hindern konnten. Denn die zeigten sie bekanntlich lieber auf Plattenhüllen. Zehn Jahre später erschien dann ausgerechnet ein Patrick Watson im Adamskostüm zu einem Empfang. Dass es sich dabei bloß um einen Namensvetter des TV-Inquisitors handelte, der wie die Natur ihn schuf das Licht des Kreißsaals erblickte, ist nichts weiter als ein irrelevantes Detail, angesichts einer viel eindrucksvolleren Gemeinsamkeit, die den Moderator und den Musiker verbindet: diese unersättliche Neugier.

Patrick Watson schreibt keine Songs. Er unternimmt Expeditionen. Streift durch dichte Art-Rock-Wälder, in deren Unterholz Jazz, Vaudeville und Klassik ihre gemeinsamen Wurzeln begießen; folgt mäandrierenden, kristallklaren Pianoläufen und erstürmt gewaltige Schwebegitarren-Gipfel, ohne dass jemals die Luft dünn wird. Der schlaue Kopf eines Quartetts aus Montreal hat eine essentielle Erkenntnis verinnerlicht: Demontierte Grenzsteine hinterlassen Startlöcher. In diesem Sinne erschien 2001 - nach Watsons Zwischenstationen als Chorknabe, Musikstudent und in der Ska-Band Gangster Politics - das Debütalbum "Waterproof9", dessen experimentelle Instrumentalmusik kredenzt wurde, um in vollendeter medialer Symbiose Brigitte Henrys Unterwasser-Fotografien zu begleiten.

Auch "Close to paradise", Nachfolger des 2003 veröffentlichten Zweitwerks "Just another ordinary day", findet die Fusion mit einer imaginären Leinwand äußerst leiwand und platziert routiniert einen Kinosessel im Gehörgang. Der Nachtzug passiert dezent echauffiert das Bewusstsein, während sich eine leuchtende Spieluhr gerade den absurden Traum von einer Zukunft in einem Glühwürmchenschwarm abschminkt. Ruhig und bedächtig zieht das Klavier seine Bahnen, als hätte es nichts mehr zu verlieren; die Gitarre pflügt in Zeitlupentempo durch die Milchstraße, und plötzlich wird die Schwerkraft ohnmächtig. Patrick Watson wickelt alle physikalischen Gesetze um den kleinen Finger - und klingt dabei auch noch wie Jeff Buckley. Hallelujah.

Der zauberhafte "Daydreamer" verwebt fernöstliche Geheimniskrämereien mit ätherischer Elektronik, "Slip into your skin" lässt sich auf einem sanft gepolsterten Jazzbar-Hocker nieder und lauscht fassungslos den harmonischen Raffinessen von "Giver", der sich kurz darauf völlig unerwartet als Schwippschwager der Beatles ausgibt. Mit rumpelnder Akkordeon-Artistik lotst "Weight of the world" Tom Waits in ein Zirkuszelt, wo passenderweise wenig später "Mr. Tom" die Manege betritt und mit emaillierten Pianoperlen jongliert - die sich ein paar Stücke weiter zum makellos schönen "The great escape" zusammenfinden.

Durch welche Kulissen der Kanadier auch streift - jede Szene sitzt, passt, wackelt und hat Luft. Da ist diese tapfere Akustikgitarre, die ihren Cowboyhut an einen tollwütigen Kontrabass verloren hat und in unheilvoll blutroter Sonnenglut einem Sturm harrt - mit einem hysterischen Frauen-Chor im Nacken, der schon vorher völlig durch den Wind ist. In voller Blüte hingegen steht das göttlich pulsierende "Luscious life". Der "Man under the sea" macht es sich inmitten eines nostalgischen Bläser-Ensembles gemütlich. Die finalen "Bright shiny lights" sind schließlich alles andere als Schlusslichter, sondern tatsächlich auch noch so was wie eine Gospel-Nummer. Und was für eine! Eigentlich müssten diese betörenden fünfzig Minuten mit einem zünftigen Schnippen enden, so läuft das doch bei einer Hypnosesitzung. Obwohl: Aus diesem Paradies möchte man eigentlich gar nicht mehr vertrieben werden.

(Ina Simone Mautz)

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Highlights

  • Giver
  • Luscious life
  • Man under the sea
  • The great escape

Tracklist

  1. Close to paradise
  2. Daydreamer
  3. Slip into your skin
  4. Giver
  5. Weight of the world
  6. The storm
  7. Mr. Tom
  8. Luscious life
  9. Drifters
  10. Man under the sea
  11. The great escape
  12. Sleeping beauty
  13. Bright shiny lights

Gesamtspielzeit: 49:43 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
hermit
2008-10-03 19:08:19 Uhr
Schließt sich das nicht gegenseitig aus?
NeOn
2008-10-03 19:06:06 Uhr
Ich hasse es, wenn ich ein Album wirklich gut finde und doch keinen Zugang zu ihm finde..
Mixtape
2008-10-03 13:10:35 Uhr
@ Leatherface: Das Angebot nehme ich gerne an. Danke! :-)
Leatherface
2008-10-03 01:00:25 Uhr
@Mixtape: Ich kann es dir auch schicken, wenn du magst.

Apropros Kopfkino. Die fantastischen Videos zu den Close to paradise-Songs sollte man sich unbedingt anschauen:

The Great Escape
Storm
Luscious Life
Drifters
Leatherface
2008-10-03 00:41:18 Uhr
Nun. Einen großen Unterschied zu "Close to paradise" kann ich eigentlich nicht erkennen. Ähnlich großartiges Kopfkino. Ähnlich verspult. Wieder dominiert das Piano, das von allerhand Instrumenten und Effekten unterstützt wird. Patrick haucht noch dezenter und weniger als auf "Close to paradise". 2 Songs sind auch nur Instrumentals. Der größte Unterschied wird wohl die Länge sein. Von den 9 Songs kommen gerademal 3 unter 5 Minuten durch die Ziellinie, 2 schaffen es gar bis zu 7 Minuten. Die instrumentellen Parts sind hier einfach etwas ausladender, beginnen sanft und steigern sich dann über einige Minuten. Dadurch wirken die Songs weniger kompakt und der Pop-Anteil ist geringer, aber dennoch ist es sehr aufregend zuzuhören wie die Songs sich entwickeln und auch hier dürfte es sehr spannend sein, sich entsprechende Bilder und Geschichten zu den Klängen vorzustellen. Highlights bislang: Shame, Gealman, Fall.
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