Kevin Ayers - The unfairground

Kevin Ayers- The unfairground

Tuition / Al!ve
VÖ: 07.09.2007

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Ayers Rock

Ein Mann wie Kevin Ayers entspricht dem Sinnbild eines menschgewordenen faulen Hundes. Dass der 63-jährige doch noch mal seinen Arsch in die Horizontale heben würde, und das nach Sage und Schreibe fünfzehn Jahren Pause, hatte eigentlich niemand mehr für möglich gehalten. Dabei dominierte gerade sein Lebemanndasein, wenn man die immer mal wieder aufflackernde Karriere des Teilzeit-Engländers näher beleuchtet. Jahrelang frönte er Wein, Weib und Wohlstand in großem Maße. Nachdem er die ersten dreizehn Jahre seines Lebens mit den Eltern in Malaysia verbracht hatte und dann in ein englisches Internat verfrachtet wurde, ließ der frühere Vorsteher der formidablen und Zeitzeichen setzenden Jazz- und Psychedelia-Rock-Band The Soft Machine es sich nicht nehmen, wieder in die mediterranen Regionen unseres Kontinents zu verschwinden. Auf Ibiza, Mallorca und Menorca fand er seine Rückzugsdomizile. Unterbrochen nur von Zeiten, in denen das Geld so langsam zur Neige ging und er sich darauf besann, mal für ein paar lebensstandardaufbessernde Kröten eine Platte aufzunehmen oder hier und da ein Konzert zu schmeißen.

Bei dieser eher uninspirierten Einstellung zum Beruf ist es kein Wunder, dass die großen Taten des inzwischen in den südfranzösischen Bergen lebenden Ayers schon mehr als dreißig Jahr zurück liegen. Aber nicht alles verlief sich bei ihm im heißen Strandsand. Nachdem er die erfolgreichen Soft Machine Ende der Sechziger überraschend verließ, stellte er mit "Joy of a toy", "Whatevershebringswesing" und "Bananamour" drei grandiose Alben auf die Beine. Zwischen leicht avandgardistischer Mystik und anspruchsvollen Symbolismen, psychedelischem Zirkus und ekstatkischem Pop, Melancholie und Schwermut, Nick Drake und Syd Barrett, rangierte er für wenige Jahre an der Spitze der mitunter selbstgeschaffenen Canterbury Scene. Der weitere Verlauf - nicht der Rede wert. "The unfairground" soll nun wieder in aller Munde liegen. Dafür gab es eine große Masse an Unterstützung: Die gesamte Bestzung von Teenage Fanclub, Euros Childs (Ex-Gorky's Zygotic Mynci), Phil Manzarena (Roxy Music), Robert Wyatt, Mitglieder von Ladybug Transistor und Architecture In Helsinki. Also Kinder des psychedelischen Pop, die die Gelegenheit nicht ausließen ihrem Ziehvater unter die Arme zu greifen.

Ayers ruht sich auch weiterhin aus und lädt auf den ersten Blick zum nostalgischen Rotwein saufen ein. "The unfairground" legt jegliche Referenzen an eine märchenhafte Zauberhaftigkeit ab und badet in Gelassenheit. Die Hörner, Trompeten und schwer femininen Chöre schwingen in "Only heaven knows" und zeichnen die Zustände eines auflebenden und malerisch gelegenen Canterburys der Sechziger. Mit großer Distanz, dem Alter entsprechend, schaut er mit seiner tief-tiefen Stimme auf die Tücken und Feinheiten der Liebe. "Love is a treat, its a magical feat / Illusion of the real / You're never quite sure if its real what you feel / Or just something, yeah, that you've felt before." Er hat wohl dazu gelernt. Lyrisch wie arbeitstechnisch. Doch ist es nicht Ayers Ziel, in Vergangenheiten zu verweilen. Er sucht und findet den Anknüpfungspunkt zwischen früher und heute, zwischen seinen verlorenen musikalischen Jahren und dem, was heute die Fühler in Richtung Pophistorie ausstreckt. Das traumhaft schöne "Cold shoulder" findet die Mitte von aktuellem Kammerpop und dem zarten Folk seiner eigenen Geschichte. "Brainstorm" unkreist minimalistische Indie-Gebärden, bevor es mit eigens erlernten progressiven Reflexen zuschnappt. Seine Gäste dienen ihm zur Inspiration, zur Erweiterung seines ohnehin schon übergroßen Repertoirs, erobern aber zu keiner Zeit das Ruder. "The unfairground" entpuppt sich als fabelhafte Rückkehr eines Gestrandeten, der hoffentlich noch ein wenig mehr Zeit in die derzeitige Popkultur investiert. Denn sein neues Album ist viel mehr als bloße Bedürfnissbefriedigung.

(Markus Wollmann)

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Highlights

  • Cold shoulder
  • Shine a light
  • Brainstorm

Tracklist

  1. Only heaven knows
  2. Cold shoulder
  3. Baby come home
  4. Wide awake
  5. Walk on water
  6. Friends and strangers
  7. Shine a light
  8. Brainstorm
  9. Unfairground
  10. Run run run

Gesamtspielzeit: 34:04 min.

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