Animal Collective - Strawberry jam

Animal Collective- Strawberry jam

Domino / Rough Trade
VÖ: 07.09.2007

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Unter Tage

So wie sich alt eingesessene Ehepaare ihre Rollenspielchen mit Postboten und mexikanischen Gastarbeitern ausdenken, wechseln auch Animal Collective gerne mal die Charaktere, Sichtweisen und Projekte durch. Nach sechs Studioalben in sieben Jahren, die ihre Mätzchen auf den Umgehungsstraßen zwischen Folk, Noise und Freistil abzogen, erlebt man sie auf "Strawberry jam" nun als Minenarbeiter in ihren eigenen Songs. Es gibt da ungeheuer viele Dinge herauszuschaufeln, wie immer, und die vage Ahnung, dass schon wieder eine Band mit Dartpfeilen nach Brian-Wilson-Pappaufstellern wirft, ist da auch nicht mehr als ein Anfang.

Ein erster gerader Beat schält sich recht schnell aus dem Auftaktgeflirre von "Peacebone" heraus, das Stück aber bleibt immer biestig, der süße Refrain bestenfalls eine Einladung zum Schreikrampfkriegen für den unverbesserlichen Avey Tare. Sein diesjähriges Projekt mit Ehefrau und Múm-Mitglied Kria Brekkan ist ein bisschen untergegangen, während Bandpartner Noah Lennox als Panda Bear zum Darling des Indie- und Unterwasser-Rocks wurde - es könnte deshalb sein, dass sich Tare diesmal besonders reinhängt und "Strawberry jam" folglich im Zeichen seiner strapazierfähigen Stimme steht. Drum herum suhlen sie sich prächtig in der Schönheit der eigenen Schnapsideen. Die Platte ist weniger Ferienlager-Folk, mehr Aggressionsbewältigung als zuletzt; sie schmiert einem die Marmelade praktisch direkt ins Gesicht. In erster Linie bleibt "Strawberry jam" aber doch couragierte Dachschadenmusik, die erklärte Paradedisziplin von Tare, Lennox und ihrer halbfesten Bandaufstellung.

"Unsolved mystery" eiert derweil als batterieschwache Drehleier nur knapp am Pop vorbei, und "Chores" bügelt schnell drüber, bevor die ersten Verfallserscheinungen auftreten. Wieder ist es ein aufrechter Drumbeat, der die ungefähre Richtung vorgibt, wieder ist es Tare, der sich ein Stück später zwischen Beach-Boys-Harmonie und Brüllaffigkeit abarbeitet und sich an windschiefen Denkmalbauten für den nicht näher vorgestellten Reverend Green probiert. Das Stück dazu hält sich besser in Zaum als jedes andere auf "Strawberry jam"; solche Erkenntnisse nützen allerdings nichts auf der zweiten Seite des Albums, die beinahe in jedem Track mehrere Songs zugleich gegeneinander ausspielt. "Fireworks" und sein in sich selbst verheddertes Schlagzeug versuchen noch, einen vorsichtig an diesen Umstand zu gewöhnen, während sich Keyboard und Klavier schon mal probeweise quer stellen. Danach wird "Strawberry jam" mit großem Vergnügen kompliziert.

"#1" flattert scheinbeliebig durch elektronische Spannungsfelder, und in "Cuckoo cuckoo" ist es wieder der Gegensatz zwischen ruppiger Percussion und Stimme einerseits und teilnahmslosem Rhodes-Piano andererseits, an dem ein ganzer Song zerbricht. Dass sich "Derek" danach an vorgetäuschter Feierlichkeit versucht, ist blanker Hohn - die amerikanische Nationalhymne hätte als Rausschmeißer genauso gut gepasst. Eine wirklich sinnvolle Zusammenführung seiner vielen Einzelteile mag "Strawberry jam" also nicht immer gelingen. Die größte Leistung dieser Musik ist aber ohnehin die Konsequenz, mit der sie sich selbst entzaubert und dabei der halben Welt den Spiegel vorhält. Am Ende des Tages ist es nämlich sehr einfach: Wer Animal Collective fragen will, ob sie eigentlich bescheuert sind, sollte sich mal angucken, was vor oder hinter der eigenen Haustür abgeht.

(Daniel Gerhardt)

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Highlights

  • Peacebone
  • Unsolved mysteries
  • Fireworks

Tracklist

  1. Peacebone
  2. Unsolved mysteries
  3. Chores
  4. For Reverend Green
  5. Fireworks
  6. #1
  7. Winter wonder land
  8. Cuckoo cuckoo
  9. Derek

Gesamtspielzeit: 43:31 min.

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User Beitrag

Felix H

Postings: 3007

Registriert seit 26.02.2016

2017-09-12 09:59:48 Uhr
Stereogum-Artikel zum 10.
Cheops
2008-12-04 15:55:54 Uhr
Nach dem ersten Durchlauf hatte ich scheussliche Kopfschmerzen.

Vielleicht wird's mit der Zeit was, aber irgendetwas an dieser Musik stösst mich total ab.
chucky
2008-06-01 15:55:33 Uhr
Geldverschwendung die Platte...
Pascal
2008-06-01 11:50:03 Uhr
Brother Sport spielt tatsächlich in den Überlegungen der Band für das neue Album eine Rolle...
napoleon dynamite
2008-05-31 21:19:37 Uhr
und die nächste platte wird bestimmt auch candy für die ohren. man gebe sich allein dieses lied :

http://www.youtube.com/watch?v=wEIhXPK0TSM
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