Witt - Auf ewig - Meisterwerke

Witt- Auf ewig - Meisterwerke

Primadonna / Edel
VÖ: 31.08.2007

Unsere Bewertung: 1/10

Eure Ø-Bewertung: 3/10

Die Leiden des alten W.

Der Grundtatbestand der Körperverletzung wird in § 223 StGB normiert:

(1) Wer eine andere Person körperlich misshandelt oder an der Gesundheit schädigt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.
(2) Der Versuch ist strafbar.

Da ist sie nun, die neue Best Of des martialistischsten Wagnerianers jenseits der Bayreuther Festspiele. Und warum groß rumkleckern, wenn man den Leuten doch gleich die Visage vollkotzen kann? "Auf ewig - Meisterwerke" heißt das Gewummse. Und die Tracklist dieses Machwerks liest sich in Anbetracht des StGB wie ein ganzes Strafregister. Denn Joachim "Fear Factor" Witt hat hier die vermeintlichen "Höhepunkte" sämtlichen Schunds versammelt, den er seit der Kopplung "Witt / Das Beste" von 1998 unters Volk gebracht hat. Allerdings beginnt das hier dargebotene musikalische Gruselkabinett mit der allseits bekannten Single "Goldener Reiter", und die steht im "Neuzeit Mix" auch Referenzkollegen DJ Ötzi in nichts nach. Man muss sich nur ein paar springegestiefelte Gitarren dazu denken und schon hat man das Szenario förmlich vor Augen: Heimweg von der Dorfdisko, 2,0 Promille intus und dann tönt Witt aus den Boxen. Da kracht man schon freiwillig in die Leitplanke. Und immer wieder dieses furchtbare Jodeln. Dem Rezensenten geht es jetzt schon nicht mehr gut, die Pflicht fordert aber noch 70 Minuten Märtyrium mehr. Aber halt: "Ich spreng den Tag und fütter die Nacht / Ich ring nach Luft wie andere nach Macht / Ich fang den Schuss mit meinem Gehirn / Ich fühl mich fremd auf diesem Gestirn." Warum ist Joachim Witts Outing als Alien noch niemandem früher aufgefallen?

Spätestens nämlich bei "Herbergsvater (Tri-tra-trul-la-la)" im "Danzmusik Mix" ist es ganz klar: Witt hat so dermaßen ein Rad ab, der kann nicht von dieser Welt sein. Wenn lauter kleiner Kinder plötzlich im Chor "Du bist unser Herbergsvater, hey, hey!" krakeelen, wird einem endgültig mulmig zumute. Man möchte sich lieber gar nicht ausdenken, zu was für Filmproduktionen Witts Songs alles so verwendet werden könnten. Ähnlich schlimm erwischt hat es das eigentlich als unsterblich geltende "Goldener Reiter". Da relativiert sich eventueller NDW-Respekt beinahe reflexartig. Bleibt die Frage, ob es den Mann kickt, wenn er zu stupiden Technobeats und Metal-Gitarren seine Stimme verstellen darf und sich an allem, was gut, schön und erhaben ist, vergreift. Das Gefühl, welches den mental gesunden Hörer in Magen- und Brustgegend erfasst, ist schwer zu beschreiben. Noch am ehestem ist es mit jenem verwandt, welches einen bei einem Autounfall erfasst, während einem gerade die eigenen Gliedmaßen um die Ohren fliegen. Witt beschreibt es selbst: "Das geht so tief, das geht so tief, das geht so tief, so tief." Und irgendwie muss man ihm das lassen, es stimmt. Witt lässt sich nicht ignorieren, man traut sich ja kaum zur Anlage zu gehen und dem Schrecken ein Ende zu setzen, weil die Paralyse schon viel zu weit voran geschritten ist und der dunkle Kasten gleich zur Attacke ansetzen könnte.

Wenn ein Song "Supergestört und superversaut" heißt, braucht man sich dann jedenfalls auch nicht mehr zu wundern, dass Oomph! sich an ihm gütlich tun. "Er scheißt in Marmortoiletten / Andere müssen ihren Kot verstecken." Und wieder andere müssen ihn verzehren, in ihm baden und ihn auf Rohlinge brennen. Hier sind widerliche aufeinander geklebte Sounds versammelt, die von Witts brüllender und Dreck zusammen reimender Stimme begleitet werden. Das ist nicht komisch, das ist nur unangenehm. Selbst in der Kategorie Trash fällt solcherlei Schund komplett durch. Hiermit seien zwei Feststellungen gemacht, wenn man schon den Tatbestand der Körperverletzung ins Reich der Ironie verbannt: 1. Joachim Witt beweist auf dieser Sammlung endgültig, dass er nicht den Kriterien eines Künstlers entspricht. 2. Manchmal darf man ruhigen Gewissens vom Werk eines Menschen auf seinen Charakter schließen. Witt hat mit "Auf ewig - Meisterwerke" ohne Zweifel ein Verbrechen begangen, welches jenseits von Geschmacksfragen ganz klar, wenn schon nicht im juristischen Sinne, so doch im ästhetischen, die Höchststrafe verdient: "Auf ewig" - lebenslängliches Betätigungsverbot.

(Konstantin Kasakov)

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Highlights

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Tracklist

  1. Goldener Reiter (Neuzeit Mix)
  2. Ich spreng den Tag!
  3. Eisenherz
  4. Jetzt und ehedem
  5. Hundert Leiber
  6. Die Flut
  7. Herbergsvater (Tri-tra-trul-la-la) (Danzmusik Mix)
  8. Und ich lauf
  9. Wem gehört das Sternenlicht?
  10. Unsere Welt
  11. Das geht tief
  12. Supergestört und superversaut (Oomph! Remix)
  13. Bataillon d'amour
  14. Wo versteckt sich Gott?
  15. Weh-oh-Weh
  16. Immer noch

Gesamtspielzeit: 73:39 min.

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