Reykjavik! - Glacial landscapes, religion, oppression & alcohol

Reykjavik!- Glacial landscapes, religion, oppression & alcohol

12 Tónar / Cargo
VÖ: 24.08.2007

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Lauter Wohnen

Nur selten gibt eine Band ihr Innerstes derart freimütig preis wie Reykjavik!: Wer wissen will, woher sie kommen, der schaue einfach auf ihren Bandnamen. Wen interessiert, wie sie ihre Zeit rumkriegen, der lese gleich weiter zum Albumtitel. Und wer sich fragt, wofür ein Keilerkopf eine Blechgießkanne mit sich herumträgt, dem spucken auf Promofotos quaddelweiß gesoffene Gesichter Nahrungssäfte vor die Füße. Irgendwer muss, wenn Reykjavik! die Wohnung verlassen haben, die Schweinerei schließlich wieder aufwischen. Egal, ob rosa Elefanten, Menschen mit Wildschweinköpfen oder gleich Tine Wittler, Hauptsache: Alles wird (wieder) gut!

Reykjavik! fallen also mit der Tür ins Haus und verwüsten bald darauf das Oberstübchen. Ihre Musik zickt und ziert sich nicht, kommt gleich auf das Ausrufezeichen. "Glacial landscapes, religion, oppression & alcohol" präsentiert mit Brit-Punk-Pop und Hardcore verätzten Noise-Rock, bei dem man irgendwie vergessen zu haben scheint, die Bassspur in die Summe zu mischen. Es quietscht, klingelt, klirrt und schadengelt munter vor sich hin, den Druck von hinten übernimmt der tiefere Mittenbereich. Dass sich die Songs dabei nicht zwischen all dem Klanggerümpel verlieren, liegt vor allem an dem rechten Verhältnis zwischen mentalen Aussetzern und konzentrierter Hitattitüde. Sprich: Reykjavik! finden stets die Perlen im Heu(l)haufen, um sie postwendend vor die Säu(r)e zu werfen.

Während "7-9-13" und "You always kill" echte Killerriffs zu Metallstaub zerbröseln, möchte man Songs wie "Ted Danson" und "Oberon" zunächst wie eine lärmende Kinderparty mit der Flinte aus dem Hinterhof schießen, bevor man reumütig feststellt, dass so immerhin mal ein bisschen Leben in die Bude kommt. Ein gespielter Witz wie "Advanced Dungeons & Dragons" darf auf der Party dann ebenso wenig fehlen, wie das ein oder andere Lamento, das sich die Tränen mit rostigen Fingernägeln aus den Augenhöhlen pult. Was Sänger Bóas dazu zu sagen hat, verschwindet oftmals zwischen Schnappatmung, Dosenschießen und Hyperventilation. Bereits heiser auf die Welt gekommen, dürfte er sogleich Hebamme und Entbindungssaal kettensägend in handliche Stücke zerlegt haben. Getreu dem Motto "Man hat's nicht leicht, aber leicht hat's einen" wird eine Verheißung wie "I'm gonna show you a really good time" so zur Venusfalle, die doch nur Köpfe rollen sehen will. Und beim eigenen mit Wonne beginnt.

Ein wenig Mut gehört also aufgebracht für "Glacial landscapes, religion, oppression & alcohol". Belohnt wird der Hörer dafür mit Musik, die alles sein kann, was sein Zappelphilipp-Herz begehrt. Und all das Kleinholz um einen herum lässt sich mit Tines Hilfe bestimmt munter zusammenkehren und wieder aneinander pappen. Ansonsten zieht man halt einfach um. Mit den Nachbarn hat man es sich wegen dieser Kindersache ja ohnehin verscherzt.

(Tobias Hinrichs)

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Highlights

  • 7-9-13
  • You always kill
  • Ted Danson

Tracklist

  1. Blame it on gray
  2. The road to serfdom
  3. 7-9-13
  4. You always kill
  5. I am god to my friends
  6. Marlboro friday
  7. All those beautiful boys
  8. Advanced Dungeons & Dragons
  9. Oberon
  10. Dragonsmell
  11. O. Lord
  12. Famine, 1975!
  13. Jesus meets Daniel San
  14. Ted Danson

Gesamtspielzeit: 42:35 min.

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