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Keith Caputo - Died laughing

Keith Caputo- Died laughing

Roadrunner
VÖ: 14.02.2000

Unsere Bewertung: 9/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Himmel voller Geigen

So sehr man das Wort "Befreiungsschlag" als Rezensent auch vermeiden möchte, bei "Died laughing" läßt es sich nicht vermeiden. Wieder der Versuch eines Frontmanns mit markanter Stimme, sich von einer großen Rockband freizuschwimmen und andere, gemäßigtere Wege zu gehen. So werden nach Chris Cornells Solo-Debüt "Euphoria morning" nun zum zweiten Mal innerhalb kurzester Zeit Aufschreie nebst "Was er früher gemacht hat war besser" aus Häusern von so manchem engstirnigen Hardrocker dringen. "Wer diese Platte hört, weiß, warum ich Life Of Agony" verlassen habe kommentiert Caputo sein Erstlingswerk. Und tatsächlich: Höchstens der Opener "Honeycomb" sowie "Upsy Daisy" würden mit viel gutem Willen noch als Life Of Agony-Songs durchgehen. Ansonsten merkt man an jedem Ton, daß Keith Caputo, zu dessen erklärten Vorbildern Led Zeppelin, Pink Floyd und die Beatles zählen, jetzt endlich frei ist und die Musik machen kann, der er sich eigentlich verbunden fühlt.

Die Vorabsingle "Selfish" ließ schon für alle, die Caputos Soloprojekt offen gegenüberstanden, Großes erahnen. Stilistisch doch ein Stück weit entfernt von Chris Cornells Solodebüt und deutlich weniger Blues- und Neil Young-beeinflußt atmen die Songs auf "Died laughing" nicht nur wegen Keiths Stimme eine ganz andere, eingängigere und fast poppige, aber dennoch überaus intensive Stimmung. Auch merkt man Keith Caputo an, daß er seine Lebenskrise hinter sich hat, der Albumtitel ist so durchaus mit Bedacht gewählt. Life Of Agony war Todeskampf und Schmerz pur, für Keith Caputo ist der lachende Tod nun logische Konsequenz. Im Großteil der Lyrics von "Died laughing" steckt der Tenor "So schlimm es auch immer sein mag, es gibt immer ein Fünkchen Hoffnung" wie in der Zeile "Keep on keeping on, just walk on through and don't be scared" in "Razzberry mockery".

Das verspielt poppige "Just be" mit seinem zuckersüßen Refrain hätte auf den Life Of Agony-Alben einen brutalen Bruch verursacht. Auf "Died laughing" hingegen macht es irgendwie Sinn. Caputo lotet in den 12 Songs sämtliche Extreme aus. Einerseits das Gefühl, trotz allem seinen Weg zu gehen wie bei "Just be" oder auch "Home", das verdächtig an "Beautiful day" von 3 Colours Red erinnert. Andererseits verarbeitet Caputo im nach ihr benannten Finale "Brandy Duval" den frühen Drogentod seiner Mutter, die jung an einer Überdosis starb. Das jazzbeeinflußte "Cobain (Rainbow deadhead)" mit seiner markanten Hookline "Cobain was murdered by you" schlägt textlich in eine ähnliche Kerbe. Hier sind allerdings weniger irgendwelche kruden Mordtheorien gemeint. Caputo nennt es vielmehr das "Barbie Doll Syndrome", an dem schon so viele Idole wie Kurt Cobain zerbrachen, die nicht mehr zwischen sich und ihrem medialen Spiegelbild unterscheiden konnten.

Ich selbst zählte mich nie zu den wirklichen Life Of Agony-Fans. Jedoch ragte Keith Caputos Stimme, egal vor welchem musikalischen Hintergrund, in ihrer Emotionalität immer weit aus der Masse heraus. Sofern sie nicht hinter einer vollen Gitarrenbreitseite versteckt wurde ist er einer der wenigen, der mit seinem Organ auch durchschnittlichen Songs, die gegen Ende von "Died laughing" vereinzelt auftreten, den Stempel aufdrücken und sie weit übers Mittelmaß herausheben kann. Daß es nicht immer elektrische Gitarren braucht und daß er auch ein Gespür für große Melodien hat zeigt er mit "Died laughing" - der kleine New Yorker, nicht viel größer als der selige Hans Rosenthal, hat hier Großes vollbracht.

Songs an der Schwelle zwischen Glücklichsein und Heulen, 12 Kleinode, die den anderen Weg konsequent weitergehen, den Life Of Agony mit Songs wie "Desire" oder "My mind is dangerous" auf ihrem letzten regulären Album eingeschlagen haben. Belanglosigkeiten haben auf dem erstaunlich reifen Solo-Debüt des gerade mal 25-jährigen nichts zu suchen, lediglich in "New York City" wagt Keith Caputo einen etwas entspannteren Rückblick in seine Vergangenheit. Absolut unverständlich bleibt mir jedoch die Veröffentlichungspolitik des Labels. Während "Died laughing" erst zum Valentinstag 2000 dem europäischen und amerikanischen Markt offenbart wird, kommen unsere Freunde auf der japanischen Insel bereits seit Sommer 1999 in den Genuß dieses kleinen Meisterwerks. Ob es dort irgendeinen Reissack mehr als üblich zum Umstürzen gebracht hat ist mir nicht bekannt. Ganz sicher bin ich mir aber, daß dieses Album hierzulande einiges mehr als das bewegen wird.

Zum Keith Caputo-Interview-Special

(Armin Linder)

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Highlights

  • Razzberry mockery
  • Selfish
  • Home

Tracklist

  1. Honeycomb
  2. Razzberry mockery
  3. Selfish
  4. New York City
  5. Home
  6. Cobain (Rainbow deadhead)
  7. Neurotic
  8. New drop magic
  9. Just be
  10. Lollipop
  11. Upsy daisy
  12. Brandy Duval

Gesamtspielzeit: 48:56 min.

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