Omar Rodriguez-Lopez - Se dice bisonte, no bùfalo

Omar Rodriguez-Lopez- Se dice bisonte, no bùfalo

Gold Standard Laboratories / Cargo
VÖ: 17.08.2007

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Nudelsalat

Der Mann ist ein wandelnder Amphetamin-Schock. Die Nervenbahnen von Omar Rodriguez-Lopez glühen wahrscheinlich heißer als die Drähte der Beschwerdehotlines für kaputte Spielkonsolen. Seine Synapsen britzeln im Prestissimo und wirbeln pausenlos neue Ideen hervor. Und während er schon am kommenden Album von The Mars Volta schraubt, an Filmsoundtracks bastelt und eine EP mit Lydia Lunch aus der Taufe hebt, lädt er noch illustre Gäste für sein neuestes Soloalbum "Se dice bisonte, no bùfalo" nach Amsterdam ein, um mit ihnen gemeinsam die ein oder andere Wundertüte zu rauchen. So ist Saitenwizard John Frusciante für einen Song hereingeschneit, und auch Money Mark und Mars-Volta-Compañero Cedric Bixler-Zavala sind gleich mehrfach ins Studio geschlüpft.

Von experimentierfreudigem Spieltrieb durchsprudelt und von Klangforschergeist beseelt, pirscht sich auch seine neueste Expedition wieder quer durch den unwegsamen Musikstildschungel im Grenzgebiet zwischen Funk und Salsa, Krach und Krautrock, Free Jazz und Psychedelik. Unterwegs buddelt er unentwegt tief in der Geräuschkiste und lässt manches Spezialeffektgerät schwitzen. Immer wieder gnurpst, quietscht und schwubbert es - die Platte wimmelt vor irrwitzigen Klangflächen, zupackenden Grooves, wilden Sprüngen und lang gedehnten Jam-Teilen. Minutenlang grooven Rodriguez-Lopez und seine virtuosen Mitstreiter über kleine Licks. Es wird zersägt und zerfranst, sie spinnen immer neue Linien darüber, sprengen Zusammenhänge in die Luft, reißen Strukturen auseinander, stellen obskure Gebilde gegeneinander. Business as usual.

Zarte Melodien schleichen schüchtern durch klangschöne Harmoniefolgen, ehe ihnen - zack! - der Kopf abgehackt wird und sie mitten in ein Freejazz-Trümmerfeld geschleudert werden, auf dem improvisierte Linien unter infernalischem Lärm wild durcheinander zucken, ehe plötzlich wieder erstaunlich kompakte Songstrukturen auftauchen - drei davon ja auch mit Bixlers Gesangsunterstützung. Inmitten der packenden, zuweilen wilden Jams verlieren Omar und seine Mitstreiter gerade gegen Ende der Scheibe leider manchmal auch das Gespür für angemessene Längen.

Paradebeispiel hierfür ist das elfminütige Monster "Please heat this eventually" - eine gute Minute schweben reglose Klangcluster fast wie bei György Ligeti im Raum, dann brettert die Nummer ohne Rücksicht auf Verluste zwischen hartem Funk und wildem Wahnsinn voran. Das legt los wie die Feuerwehr, doch je länger der Song wird, desto nudeliger werden die Soli, und der Gefrickelfaktor kippt ins gleichzeitig Nervige und Belanglose. Auf halber Länge ein brillantes Stück - doch hören sie nicht auf, wo schon fast alles gesagt scheint, und walzen das Improvisationsgewitter in epischer Länge aus. Und so schwankt "Se dice bisonte, no bùfalo" zwischen den Extremen: zwischen irrwitzig spannend und lahm genudelt, zwischen kompakt-knackig und zerfaserter Endlosschleife, zwischen Ohrenzucker und Nervengift.

(Ole Cordsen)

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Highlights

  • Rapid fire toll booth
  • Se dice bisonte, no bùfalo
  • Please heat this eventually

Tracklist

  1. The lukewarm
  2. Luxury of infancy
  3. Rapid fire tollbooth
  4. Thermometer drinking the bussness of turnstiles
  5. Se dice bisonte, no bùfalo
  6. If gravity lulls, I can hear the world pant
  7. Please heat this eventually
  8. Lurking about in a cold sweat (held together by venom)
  9. Boiling death request a body to rest his head on
  10. La tirania de la tradiciòn

Gesamtspielzeit: 45:03 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
84motorige Propellermaschine
2012-04-10 11:55:18 Uhr
Ffffffffft.
Raewor
2007-08-17 17:06:08 Uhr
Also erstmal bin ich höchst überrascht. Die Rezensenten lesen hier das Forum und schreiben sogar nochmal etwas. o.o Das hatte ich nicht erwartet. *lach* Sollte ich also hier nochmals etwas schreiben werde ich höchst vorsichtig sein ;-)

@sonic
Zugegeben... Mein erster Post war etwas vorschnell und eine rein emotionale Reaktion auf dein Totschlagargument. Mea culpa. Aber ich denke schon, das ich in folgenden Posts klarere Argumente gebracht habe. ^^

Ansonsten bleibt wohl nur festzustellen, dass wir in dem Punkt nicht auf einen Nenner kommen. Das wiederum is aber auch ok. Die Diskussion ansich fand ich erfrischend :-)


der kenner
2007-08-17 16:52:48 Uhr
sieht aus nach der typischen ursache/wirkung verwirrung
sonic
2007-08-17 16:44:57 Uhr
@raewor

von dir genannte punkte sind aber auch stilmerkmale von zig anderen genres.

wenn du mit Aufhebung der Trennung zwischen Klang und Geräusch kommst, denk ich erst an industrial, danach erst an free jazz. vielleicht noch ein paar andere sachen dazwichen.

@ole
lies doch mal genau nach warum ich b. spears eingebracht habe, warum blues.
ganz einfach weil mit wischiwaschi freejazzdefinitionen hier um sich geschmissen wird(auch in anderen threads). da steht oben:
"FREEJAZZ - Schon alleine das Wort beinhaltet, dass es alles möglich ist/sein kann. Gäbe es dafür Regeln, wäre es kein FREE jazz mehr.... Wer will sich also anmaßen zu sagen, das is dieses oder jenes... das gehört dazu oder nicht."
ich habediese aussage ins extrem geführt,klar. aber nur um den punkt zu verdeutlichen, dass freejazz auch gewisse merkmale hat (was Raewor ja nun mitlerweile auch anführt,obwohl er das oben noch nicht wollte)

und es ist kein freejazz nur wenn jemand mal ein paar solos spielt. deswegen hab ich mit blues argumentiert, weil gerade blues sehr rigide in seiner form ist und damit weit vom free jazz ist(trotz der gemeinsamkeit improvisierte solos)

zu deinem argument das tmv soundmässig am schluss ähnlich chaotisch klingt wie coltrane und co kann ich bedingt zustimmen. ich bin weit davon entfernt tmv abzusprechen dass sie nicht aufregend sind, was riskieren oder mit konventionen brechen. aber alles in allem gehören imho dann doch noch andere gewürze hinzu, um das dann tatsächlich free jazz zu nennen.
Raewor
2007-08-17 16:29:39 Uhr
Wir ordnen Musik aufgrund verschiedenster stilistischer Merkmale einem bestimmten Genre zu.

Von mir benannte Punkte sind 100% stilistische Merkmale des Freejazz. Über die freie Rhythmik lässt sich streiten, da geb ich dir recht. Bleiben noch 3 typische stilistische Merkmale des Freejazz die man sicherlich auch bei anderen Musikrichtungen finden kann. Typisch sind sie aber nun mal für den Freejazz...

Daraus ergibt sich die Schlussfolgerung - Omar Rodriguez-Lopez nutzt in seinen Soloscheiben und bei TMV Elemente des FreeJazz...

Aber die Nutzung dieser Elemente gestehst du ihm ja jetzt auch zu ^^. Das es mir nicht um mehr geht und auch nicht mehr in den meisten Rezensionen steht, hatte ich aber schon im Post von 15:38 Uhr geschrieben. ;-)

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