Sportfreunde Stiller - La Bum

Sportfreunde Stiller- La Bum

Vertigo / Universal
VÖ: 03.08.2007

Unsere Bewertung: 5/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Staatsfreunde Nr. 1

Ja, doch, er war schon schön, jener Sommer vor der Großbildleinwand: Selbst als die italienische Hexe das Weltmeistermärchen der deutschen Hänsel im Dortmunder Backofen zu einem delikaten Catenaccio ausdampfen ließ - und Gretel Klinsmann ebenso wenig von hinten schubsen konnte, wie Zettel-Jogi rechtzeitig das lange Eck verraten - blieben doch alle gelassen. Zuvorderst: die Sportfreunde Stiller. Sie hatten die Hymne, wir hatten unseren Spaß. Und während Olli Pocher gewohnt shame- und frameless die Nationalmannschaftsfarben durch den Refrain schwenkte, wärmte ihr runderneuertes "'54, '74, '90, 2010" das geschmacksneutrale "Wir" einfach noch mal auf. Und blieb so, bei aller Eindeutigkeit, grundsympathisch und ungreifbar. Doch nun, 2007, steckt den Sportfreunden Stiller der Sommernachtstraum ebenso in den Knochen wie so manchem Nationalspieler. Irgendwann musste es halt so kommen.

"La Bum" ist der etwas unförmige Sprössling zwei vergangener Traumzeiten. Wer Fußballfan ist, der hat sich einst auch mal in Sophie Marceau verliebt. So ist ein derartiger Jungs-bleiben-Jungs-Kurzschluss-Albumtitel zu verstehen. Wer sich weiter darüber Gedanken macht, ist selber schuld und hat auf der Tanzfläche höchstens seinen Humor verloren. Der klassische Spielverderber. Ein Italiener, vermutlich. Dennoch ist die Geste so entlarvend wie eindeutig: "La Bum" klammert sich an den Marceau-Starschnitt wie Kafkas Gregor Samsa an das Foto der Dame im Pelz. Das ist nicht mehr als die schwindsüchtige Suche nach einem konkurrenzfähigen Emoticon nach dem Fußballkater, mit dem ein Begehrensstrom in Sentimentalität kanalisiert wird. Denn mit gebrochenem Herzen scheint die Nackenverspannung halt gleich weniger schlimm.

So will das gespielte Fernweh von "995er Tief über Island" eher verzweifelt cool wie die Ärzte sein, als dass es wirklich sein Herz verloren hätte. Und wird bereits die Vorabsingle "Alles Roger!" sowohl musikalisch als auch textlich derart zwischen Beliebig- und Peinlichkeit zugestellt, dass sich das Album ohne größere Dellen gar nicht erst ausparken lässt. Auf dem Beifahrersitz von "Mo(nu)ment" und "Eine gute Nacht" thront dann wie üblich ein spleenig tuender Keyboard-Wauwau, der seine Zunge letztlich aber doch nur gedankenbefreit durch den Fahrtwind wehen lässt. Darunter rumpeln und pumpeln die Sportfreunde Stiller vielfach gehörte Riffs, zeigen sich ziemlich rat- und kopflos. Allerdings: Ist das Untergeschoss der Frisur auf diese Weise erst einmal gut durchgelüftet, fallen einem Balladesken wie "(Tu nur das) Was dein Herz dir sagt" oder "In unmittelbarer Ferne" auf einmal nur noch halb so schwer. Die leiseren Momente sind die besten auf "La Bum". Schließlich war auch Richard Sanderson weder Stürmer bei Real noch Sänger bei Slayer.

Dass sich die Sportfreunde Stiller ihre letzten Reserven für die Schlussoffensive aufbewahren, braucht man allerdings gar nicht erst ins Dortmunder Trauma hineindelirieren. Denn "Anders als auf Ansichtskarten", "Sodom" und vor allem "Legenden" sind mit einem Mal wirklich tolle Songs und retten dem Album so ein verdientes Unentschieden. Dass den Sportfreunden diese revisionistische Wiedergutmachung - in Zeiten unhinterfragten Gutfindens - postwendend als die nächste Lektion in Ehrlichkeit angerechnet wird, wäre allerdings lediglich der Gipfel feuilletonistischer Trübsinnigkeit. In Wirklichkeit sind sie doch nur so etwas wie die Staatsfreunde Nr. 1. Und bleibt ihr(e) "La Bum" sehr viel besser als Olli Pochers "Völlerella '07". Immerhin.

(Tobias Hinrichs)

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Highlights

  • Anders als auf Ansichtskarten
  • Legenden

Tracklist

  1. Der Titel vom nächsten Kapitel
  2. Alles Roger!
  3. 995er Tief über Island
  4. (Tu nur das) Was dein Herz dir sagt
  5. Ohne deine Liebe
  6. Eine gute Nacht
  7. In unmittelbarer Ferne
  8. Mo(nu)ment
  9. Anders als auf Ansichtskarten
  10. Sodom
  11. Legenden

Gesamtspielzeit: 39:24 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
DerZensor
2007-08-25 15:39:05 Uhr
Ich finde das Album ganz okay, 'Sodom' und '995er...' gehören sogar zu den besten Songs die sie gemacht haben. Ich kann auch nicht ganz verstehen, wieso sie hier notenmässig gesehen, als schwächste Platte der Band klassiert wurde.

Ah ja, und zu den Ärzten stelle ich auch keine Parallelen hin.
qwertz
2007-08-25 10:44:36 Uhr
hab mir auch mal das album zu gemüte geführt. ganz ganz schrecklich! kein guter song, dafür zuhauf ärzte-melodien und altbackene gitarren-riffs. bei den balladen kommt kein gefühl rüber und die rocksong rocken nicht. 3/10
Sonic
2007-08-24 22:51:28 Uhr
also ich finde sportfreunde stiller eine sehr sympathische band, die auch musikalisch deutlich besser ist als die meisten deutschen bands aktuell und generell. ich würd mir jetzt keine cd kaufen oder so, aber ich finde den sound der band ziemlich gut, die wortspiele sind bestimmt geschmackssache, aber ich finde textzeilen wie "offenheit ist eine variable grösse / du gibts dir klösse mit sosse lieber als die blösse" urkomisch
FBC
2007-08-22 14:56:05 Uhr
"Alles Roger" ist ein weiterer Tiefpunkt der Bandgeschichte, aber auch wenn das Album einige schlechte Songs enthält, gefallen mir andere dafür wieder ausnehmend gut. "995er Tief über Island" klingt wie ne Mischung aus "Westerland" und "Wellenreiten '54", aber trotzdem gut. Und "Sodom" ist der beste Sportfreunde-Song seit verdammt langer Zeit. Seit...ach, keine Ahnung, seit "Heimatlied" vielleicht ;)
Also bei weitem nicht so schlecht wie man es nach "You have to win Zweikampf" befürchten musste...
musie
2007-08-22 08:22:44 Uhr
mir gefällts auch ganz gut, habs mir sogar gekauft, obwohl die melodien der hälfte der songs sehr an die ärzte erinnern... jedenfalls find ich das album das beste von denen seit langem. auch live waren sie ganz ok in gampel am 18.8.
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