Crippled Black Phoenix - A love of shared disasters

Crippled Black Phoenix- A love of shared disasters

Invada / Cargo
VÖ: 25.05.2007

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Wenn keiner eine Reise tut

"Endtime ballads" - treffender hätte der sechsköpfige Psychonaut Crippled Black Phoenix, unter anderem Mogwais Dominic Aitchison und Iron Monkeys Justin Greaves, seine Musik in der Tat nicht beschreiben können. Denn an den Küsten von "A love of shared disasters" ist die Stimmung wahrlich bodenlos. Asche führt zu Asche, nichts wird wiedergeboren, und die Zukunft scheint weder der Rede noch den Obolus wert, der ohnehin besser für den Fährmann aufgespart werden sollte. Spätestens wenn der seine knochige Hand erhebt, sitzen ja doch alle im selben Boot. Oder strolchen, falls kurz vor der Reise noch der Kneipendeckel bezahlt werden wollte, als Schatten ihrer selbst an den Ufern umher.

Im beruhigenden Zentrum aufkeimender Hoffnungslosigkeit haben Crippled Black Phoenix somit vor allem eines: Zeit. Wozu sie sie nutzen, ist allerdings nicht immer klar erkennbar. Ihre besten Songs sind beinahe übermenschlich groß und senken den Blick aus der Endzeit heraus ins Unmögliche, ins Vergangene oder einfach auf den Sand unter den Füßen. So stolpert "When you're gone" in aufpeitschenden Beatfiguren und perlenden Klavierkaskaden bis kurz vor die Unsterblichkeit. Jagt "Really, how'd it get this way?" einer schifferklavierenden Erinnerung in einem verkrüppelten Walzertakt hinterher. Und läuft das von einem rastlosen Rhythmus voran geschubste Riff von "Suppose I told the truth" auf Zyklopenfüßen den Strand auf und ab. Gerade weil sie Ziel und Horizont aus den Augen verloren haben, bewegen sich diese Songs unbeirrt immer weiter. Eine demütige Prozession der auf die Folter gespannten.

Irgendwann zerreibt sich dieser Treck aber in der gleichen entropischen Gebetsmühle, zu der bereits "The whistler" kaum mehr einen Schritt vorankam. Deshalb bleibt der Mitteilteil von "A love of shared disasters", obwohl mit dem furiosen "Goodnight, Europe" schon längst unterwegs Richtung Hades und Vollkommenheit, dann doch so lange im Hafen hängen, bis der Armmuskel erschlafft, das letzte Taschentuch durchgewunken und die Hafenpromenade irgendwann leergefegt ist. Nach Stunden verlassen schließlich unter den bleischweren Bläsern von "I'm almost home" noch die letzten Ratten das niemals ausgelaufene Schiff, tragen Trauerflor durch einen Nebel aus Regen und Gischt. Ein letzter Blick zurück auf verpasste Chancen, entleerte Versprechungen, Hoffnungen und Sehnsüchte. Und dann, während man sich wegdreht, lösen sich wie von Geisterhand doch noch sachte die Leinen und trudelt das Schiff führerlos hinaus auf die See.

"Sharks & storms / Blizzard of horned cats", eines der besten und konzentriertesten Musikstücke des jungen Jahrtausends, bekommt es nun ausschließlich mit sich selbst und den Elementen zu tun. Es schippert blind in die zeugenlose Abwesenheit. Und bleibt draußen auf See, verloren, verschollen, vom Klabautermann geholt. Mögen romantische Geister ihren Blick zu dieser Musik gen Kapitän Nemo wandern lassen, so schaut sie selbst zurück auf diesen einsamen Trottel über der Bucht. Neigt den Kopf zur Schulter, besieht ihn sich in aller Ruhe. Sie hat ja Zeit.

(Tobias Hinrichs)

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Highlights

  • Suppose I told the truth
  • Goodnight, Europe
  • Sharks & storms / Blizzard of horned cats

Tracklist

  1. The lament of the nithered mercenary
  2. Really, how'd it get this way?
  3. The whistler
  4. Suppose I told the truth
  5. When you're gone
  6. Long cold summer
  7. Goodnight, Europe
  8. You take the devil out of me
  9. The northern cobbler
  10. My enemies I fear not, but protect me from my friends
  11. I'm almost home
  12. Sharks & storms / Blizzard of horned cats

Gesamtspielzeit: 75:44 min.

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