Keren Ann - Keren Ann

Keren Ann- Keren Ann

Delabel / EMI
VÖ: 29.06.2007

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Zauberhafte Selbstaufhebung

So engelsgleich wie Keren Ann auf dem Cover ihres fünften Albums posiert, so erscheint auch die zumeist zart tönende Musik darauf. Weiß gekleidet steht sie da, den Blick über die Schulter auf den Betrachter gerichtet. Die langen, glatten dunklen Haare spielen im Gesicht. Selbstbewusst, aufmerksam, aber ohne Anstrengung schaut sie aus dem Bild heraus, ein leises Lächeln spielt um den Mund. Ein gleißendes Licht über ihrem Kopf beginnt die Figur bereits im Weiß des Hintergrunds aufzulösen. Und im beinahe reinen Weiß des Booklets hat sie sich dann auch schon fast verflüchtigt. Übrig bleiben einzig die in Schwarz gesetzten Songtexte als lesbare Spur von Anns heranwehender Stimme.

Dieses ätherische Moment der Verpackung also prägt auch die Musik des Albums. Anmutig glitzernde Piano- und Gitarrentupfer, aller Schwere enthobene Streicher und Chöre, dazu Anns hingehauchter Gesang. Meist langsam, getragen und durchweht von tiefer Traurigkeit sind die Stücke. Bevor sie abheben und für immer entschwinden können, werden sie jedoch von dazwischen geschobenen, erdigeren Songs ins Diesseits zurückgeholt. Dazu bevölkern einsame, gebrochene Figuren die Texte, betrogen und verraten von der Liebe, nach Halt und dem richtigen Weg suchend, voller Zweifel und Fragen, bisweilen bar der Hoffnung, am Rande der Zeit stehend, immer kurz davor, aus der Welt zu fallen. Rar sind die Momente, in denen die Liebe einmal zu gelingen scheint.

Das Wechselspiel von Flüchtigkeit und Erdung zieht sich durch das ganze Album. Gleich am Anfang steht der düsterste Song: "It’s all a lie" erinnert in seinen verhallten Sounds stark an Mazzy Star. Seine schwermütige Bitte "When the morning rings / I just want a piece of the love of God" wird im warmen, sanft dahingleitenden "Lay your head down" gleich wieder aufgefangen und auf sicheres Terrain zurückgeführt. Handclaps verleihen dem Song ein spielerisches Moment, Mundharmonika und Gitarre sorgen für eine bluesige Grundnote. "The harder ships of the world" kommt dann im Perlen des Pianos, das zwischen ein paar Gitarrenakkorde getupft ist, und den entfliehenden Chorälen fast zum Stillstand, ehe das an die White Stripes erinnernde "It ain’t no crime" einen Verbrecher auf seinem Weg zum Schafott vorwärts zu stoßen scheint. Angstvoll fragt Anns Stimme dazu: "We take their money / They take our youth / It ain’t no crime / That’s what we do / Ain’t that what we do?" Im zerbrechlichen "Where no endings end" scheint sie in totenstiller Landschaft am Ufer eines Sees zu stehen, dessen glatte Spiegelfläche darauf wartet, sie aufzunehmen. "I can’t win / I give in / I give in" singt sie dazu, während eine Spaghettiwesterngitarre von Unheil kündet. Im folgenden "Liberty" hingegen scheint sie mit offenen Armen in die Sonne hineinzugehen oder direkt von Engeln in den Himmel getragen zu werden.

Ein Album der Entrückung also, das Keren Ann da vorlegt. Eines, das in seinen schönsten Momenten die Zeit hinter sich zu lassen scheint, versunken in sich selbst. "Die Aura ist die Erscheinung einer Ferne, so nah das sein mag, was sie hervorruft." hat Walter Benjamin einmal geschrieben. Aura als paradoxes Zusammenspiel von Intimität und Ferne, Anwesenheit und Abwesenheit. Ann gelingt das sehr gut, aber – und das ist der einzige Kritikpunkt an diesem schönen Album – dem Vergleich zu ihren Vorbildern Hope Sandoval und Nico hält sie nicht ganz stand. Deren Stimmen erreichten eine noch größere Präsenz und weckten zugleich eine noch größere Sehnsucht nach dem, was unerreichbar weit weg schien. Ebenso packte die Musik von beispielsweise Mazzy Star bei aller Zartheit mehr zu, wollte dem Ohr nicht mehr entweichen, während sie sich bei Keren Ann bisweilen zu sehr der Ortlosigkeit und damit einem Anflug der Beliebigkeit preisgibt. Anns Lieder breiten sich wie eine Nebelschwade zwischen den Bäumen eines abgelegenen Wäldchens aus, ab und an tauchen vereinzelte Sonnenstrahlen die Szenerie in ein gleißendes Licht. Das ist bezaubernd, aber sie muss zugleich aufpassen, dass sie sich dabei nicht selbst aufhebt. Man würde ja nicht wollen, dass Keren Ann im Nichts verschwindet.

(Harald Jakobs)

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Highlights

  • Lay your head down
  • In your back
  • Liberty

Tracklist

  1. It’s all a lie
  2. Lay your head down
  3. In your back
  4. The harder ships of the world
  5. It ain't no crime
  6. Where no endings end
  7. Liberty
  8. Between the flatland and the Caspian Sea
  9. Caspia

Gesamtspielzeit: 43:28 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
afromme
2007-07-10 20:08:22 Uhr
Ich muss zugeben: Bisschen enttäuscht bin ich nach den ersten etwa 15 Durchgängen in den letzten zwei Wochen. Gute & gefällige Produktion und interessanter als Norah Jones schon - aber auf Dauer isses schon ein bisschen glatt und es hebt sich nicht viel ab. Insofern:
6/10
bert
2007-06-29 13:14:41 Uhr
Schöne Platte von einer schönen Frau.
Dieter Pehte
2007-06-29 13:12:48 Uhr
Lady Bird hat mich damals schon hellhörig gemacht, werde mir die Aktuelle mal geben..
afromme
2007-06-26 11:39:19 Uhr
Ich war ja erst skeptisch. SPON schreibt was von "kunstvoll-lasziver Traummusik" und gibt fürs neue Album 8/10. Dann hört man rein und ist positiv überrascht bis angetan.. und sieht auch noch im Werbefeld rechts, dass die Platte vorbestellt bei amazon nur 9,97€ kostet...
Berni
2007-03-15 10:14:48 Uhr
Sehr schön. Hab auch schon die 2 klasse Alben davor: "Not going anywhere" ist die ultimative Platte für den Frühling, "Nolita" für den Herbst. Bin seit einiger Zeit sowieso auf diesem "Singer/Songwriterinnen mit Jazz/Folk/Country - Einflüssen" - Trip, und Norah Jones ist auf Dauer zu langweilig.

Wird auch endlich mal Zeit für einen Keren-Ann-Thread.
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