Smashing Pumpkins - Zeitgeist

Smashing Pumpkins- Zeitgeist

Warner
VÖ: 06.07.2007

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Die vereinigten Spaten

Da stand er, in seinem bizarren weißen Gewand, und es schien sich gut anzufühlen. Billy Corgans Rückkehr auf deutsche Bühnen bei "Rock am Ring 2007", live und in Farbe via MTV in deutsche Haushalte übertragen, umgab die Aura von etwas Besonderem. Alte Songs, alte Weggefährten, neue Songs, neue Komparsen. Und der Name Smashing Pumpkins. Um die Besetzung hatte man zuvor große Geheimnisse gemacht, jetzt war es raus: Der alte Buddy Jimmy Chamberlin musste nicht lange überzeugt werden, D'Arcy Wretzky und James Iha aus der Urbesetzung haben entweder abgewunken oder wurden gleich gar nicht erst gefragt. Stattdessen zierte sich Corgan mit einem neuen Namenlosen namens Jeff Schroeder. Und für den Bass wurde mit Ginger Reyes traditionell eine Frau gecastet, die ihre Vorgängerinnen D'Arcy Wretzky und Melissa Auf der Maur zumindest optisch überbietet.

So knödelte sich Corgan also reihenweise Knoten in seine Stimmbänder, wie in alten Zeiten. Und zum letzten Song "Gossamer" kam einer mit monströser Gitarre und zotteliger Haarpracht auf die Bühne, der ein wenig aussah wie Carlos Santana, sich anhörte wie drei Carlos Santanas gleichzeitig - und in Wirklichkeit Uli Jon Roth war, ein Ex-Mitglied der Scorpions. Ob das nun schlimmer oder weniger schlimm ist als drei Carlos Santanas gleichzeitig, möge jeder für sich beantworten. Die viel wichtigere Frage angesichts solch wenig ehrenwerter Randnotizen ist doch: Hat Billy Corgan sich und uns mit der Reunion der Smashing Pumpkins wirklich einen Gefallen getan?

Im Studio war Corgan ohnehin der Alleinherrscher, und jedes Personalkarussell konnte sich nur um ihn drehen. Insofern ist die Reunion nach den gescheiterten Neuanfängen als Zwan und unter eigenem Namen vielleicht der größte Etikettenschwindel der jüngeren Geschichte. "Zeitgeist" ist eine One-Man-Show mit jeder Menge Statisten. Es ist nur so, dass dieser profilierte Billy Corgan einfach zu wertvoll ist, um das alles zu verdammen. Diese Stimme, dieses Charisma, diese Präzision, alles noch da, nach sieben Jahren Pause. Wiederhören macht Freude. Auch wenn "Zeitgeist" letztlich nichts anbietet, was man von den Smashing Pumpkins nicht schon so oder so ähnlich gehört hätte. Es gibt viele gute Songs, aber keinen herausragenden. Und wenn mal Neuland betreten wird, dann höchstens mit den Texten und mit der Attitüde dieses Billy Corgan, der noch nie so sehr Moralapostel war wie 2007. Auf dem Albumcover versinkt die Freiheitsstatue, und auf dem schrecklich plakativen Cover der "Tarantula"-Single ist Paris Hilton mit einem Handy vor Rauchschwaden zu sehen. Doppelmoral gibt's gleich obendrein: Weltweit erscheint das Album in verschiedenen, wenig fanfreundlichen Versionen mit unterschiedlichen Bonustracks.

Dieses weiter angeschwollene Vertrauen in sich selbst und dieses Misstrauen in die Mitmenschen Amerikas hat sich in den Songs niedergeschlagen - und manche davon erlegt. "For God and country" ist immerhin nur langweilig und das Angeber-Solo in "Bring the light" schnell vorbei. Das zehnminütige "United States" hingegen scheitert grandios am Versuch, ein neues Epos zu stricken. Mangels Hookline werden einfach nur die Gitarren gerieben, als ob sich die versammelten Poser der Vereinigten Staaten zusammengetan hätten. Ein Traum für Musiker und ein Alptraum für Musikfans. In solchen Momenten wirkt Corgan wie ein aufgeschreckter King Kong, der von der Leinwand auf die Skyline gehopst ist: Er findet die USA doof, will sie mit großen Stampfern platt machen - und ist letztlich doch nur ein aufgeblasener Affe.

Vieles auf "Zeitgeist" immerhin gleicht einer willkommenen nostalgischen Reise in die Vergangenheit. "That's the way (my love is)" und "Bring the light" sind hochwertige Gitarren-Popsongs im Zwan-Fahrwasser. "Neverlost" durchzieht das Mysterium von "Adore". Das schnittige "(Come on) Let's go!" hätte auch auf "Mellon collie and the infinite sadness" gepasst. "Pomp and circumstances" erhält die Schlaflied-Tradition. "Doomsday clock" ist mit bedeutungsschwangerem Text rund um Kafka und Apokalypse so etwas wie die dynamischere, erwachsene Version des ollen "Zero"-Gassenhauers. Und "Bleeding the orchid" pflanzt sich hübsch zwischen "Gish" und "Siamese dream", ohne viel davon umzubuddeln.

Überhaupt gräbt "Zeitgeist" nie weiter als bis zum eigenen Grab und selten tief genug, um mehr als nur eine solide Revival-Show zu sein. Vielleicht ist dies der erste Schritt, um die Smashing Pumpkins mit den ganzen Altrockern zusammenzuführen. Hin zu Bands wie Deep Purple, Status Quo, den Hooters, Thin Lizzy, Whitesnake oder den Scorpions, die weit von ihrer Originalbesetzung entfernt sind und von denen nur Eingeweihte wissen, dass sie überhaupt noch existieren. Die aber pilgern beständig zu den Konzerten, nehmen die neuen Songs pflichtbewusst hin und liegen sich bei den alten in den Armen. Das waren noch Zeiten!

(Armin Linder)

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Highlights

  • Doomsday clock
  • That's the way (my love is)
  • Starz

Tracklist

  1. Doomsday clock
  2. 7 shades of black
  3. Bleeding the orchid
  4. That's the way (my love is)
  5. Tarantula
  6. Starz
  7. United States
  8. Neverlost
  9. Bring the light
  10. (Come on) Let's go!
  11. For God and country
  12. Pomp and circumstances

Gesamtspielzeit: 52:11 min.

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