Interpol - Our love to admire

Interpol- Our love to admire

Capitol / EMI
VÖ: 06.07.2007

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Chief editors

Immer schon sind die Stärken von Interpol jene Sachen gewesen, an denen weniger beherrschte Musiker schnell kaputt gegangen wären. Das strenge Einhalten bandintern aufgestellter Regeln, die Selbstlimitierung innerhalb eng abgesteckter Reviere, das Hinauszögern der Erlösung bis über die Albumgrenzen - es war die Untersuchung solcher Formalitäten, mit der die New Yorker auf ihren ersten zwei Platten die romantische Seite gewöhnlicher Disziplinarverfahren offen legten und dem Verzicht ein Gesicht gaben, das man mit solch ausdruckslosen Augen sonst nur aus der Minimalelektronik oder dem maschinell überarbeiteten Def-Jux-HipHop kannte. Kälte und Berechnung verloren ihre Daseinsberechtigung als rockmusikalische Kritikpunkte. Das Besondere an Interpol waren vor allem die Dinge, die sie nicht taten.

"Antics" war als Fortsetzung des in seiner Abgeschlossenheit bis heute beispiellosen "Turn on the bright lights" je nach Blickwinkel eine Weiterentwicklung oder Aufweichung dieser Herangehensweise. Ein Schleifen der Zügel im Hochsicherheitstrakt, dem sich drei Jahre später nun auch das ausgezeichnete "Our love to admire" verpflichtet fühlt. Es ist noch immer die dichteste und disziplinierteste Sammlung von Gleichgewichtsübungen in der Rockmusik, die Interpol ohne Unsicherheiten, Wimpernzucken oder sonstige Wackler aufführen. Es ist eine vage, natürlich niemals beweisbare Ahnung, dass die 4/4-Takte bei dieser Band näher zusammen stehen als anderswo, die auch über ihr drittes Album wieder lange Schatten wirft. Im Halbdunklen fummeln sie dann - bis die Texturen noch mal eine Auflösungsstufe feiner geworden sind.

Die größten Veränderungen der letzten drei Interpol-Jahre haben sich im Fleisch fressenden Artwork von "Our love to admire" und Carlos Denglers Typenüberholung niedergeschlagen, die aus der ehemaligen Mensch-Maschine einen aristokratischen Lockenkopf mit breitem Schnurrbart und der Gebärde eines Marineoffiziers aus dem 19. Jahrhundert gemacht haben. Optisch war er schon immer Interpols Schlüsselfigur, als versiertestes und bestausgebildetes Bandmitglied drängt er nun aber auch auf musikalischer Ebene in eine ähnliche Rolle. Dengler lenkt "Our love to admire" mit ebenso zurückgenommenem wie bestimmtem Bassspiel und hat die ersten, sehr vorsichtig eingesetzten Bläser der Bandgeschichte arrangiert. Wie jeder große Rockmusiker wird er außerdem nicht müde, zu betonen, wie gelangweilt er doch sei von dem ganzen Rockmusikquatsch.

Interpols Blickwinkel war eben stets die Vogelperspektive, eine Aura der zweifelsfreien Überlegenheit ihre Ausstrahlung, die ihnen gerade auf Konzertbühnen immer wieder als distanzierte Arroganz ausgelegt wurde. Die Oberlippe bleibt auch auf "Our love to admire" steif, der Blick verächtlich und das wissende Grinsen süffisant. Wenn Denglers Jonny-Greenwood-Werdung eine Geschichte des Albums ist, muss also auch über Paul Banks gesprochen werden, der diese Gesten stellvertretend für seine Band verkörpert und heute noch älter und Ehrfurcht gebietender singt, als man ihn bisher gekannt hatte. Trotzdem steckt ein neuer, nahbarer Tonfall in seiner Stimme, wenn "Pioneer to the falls" mit seinem Refrain in der Mitte durchbricht. Drei Minuten drin im dritten Interpol-Album und man hat zum ersten Mal überhaupt das Gefühl, ihnen auf Augenhöhe zu begegnen.

Eine Finte natürlich, wie schon die Keyboards und Hörner in dieser meisterlich verzögerten Eröffnungszeremonie von "Our love to admire" - oder das eilig angeschlagene Klavier danach in den unterschwelligen Aggressionsbewältigungen aus "No I in threesome". Interpol bleiben eine, vielleicht auch die eine Gitarrenband, drückend und treibend im trichterförmig zulaufenden, maximal angespannten "Mammoth", aufgelockert und verspielt auf der anderen Medaillenseite in "The Heinrich maneuver", das nach dem Spitznamen von Daniel Kessler benannt wurde, der halt beim Spielen manchmal merkwürdige Verrenkungen macht. Auch seine Gitarrenlinien, spitzkantig, nassforsch, wie die Strokes bei ausgeschaltetem Licht, formen den Charakter von Interpol. Er kann sie langsam, er kann sie schnell, und er ist beweglich genug, um in den vorgegebenen Räumen betriebsam zu bleiben.

Es geht also auch um Anpassung an widrige Umstände auf "Our love to admire", dessen Probleme ausschließlich hausgemacht sind und demzufolge auch mit Hausmitteln behandelt werden können. Als wollten sie den Schwierigkeitsgrad für sich selbst erhöhen, beharren Interpol auf nochmals zugespitzten Talenten, weichen nur mit dem verzitterten, lange schlagzeuglosen "The lighthouse" davon ab, und schreiben trotzdem wieder so großartige Songs, dass sie eher ihre eigene als die Geduld der Zuhörer erproben. Man wartet weiterhin auf die allumfassende Neuerfindung dieser Band, die ihr unbedingt zugetraut werden muss. "Our love to admire" vertröstet bis dahin zum zweiten Mal und ist so geschickt dabei, dass unverändert gilt, was schon am Ende des ersten Abschnitts dieser Rezension festgestellt wurde.

(Daniel Gerhardt)

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Highlights

  • Pioneer to the falls
  • The Heinrich maneuver
  • Mammoth
  • The lighthouse

Tracklist

  1. Pioneer to the falls
  2. No I in threesome
  3. The scale
  4. The Heinrich maneuver
  5. Mammoth
  6. Pace is the trick
  7. All fired up
  8. Rest my chemistry
  9. Who do you think
  10. Wrecking ball
  11. The lighthouse

Gesamtspielzeit: 47:40 min.

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MopedTobias

Postings: 8390

Registriert seit 10.09.2013

2013-12-12 19:08:58 Uhr
Ja die Stelle lieb ich auch am Meisten. Aber so großartig Pioneer ist, an andere Interpol-Jahrhundertwerke wie Leif Erikson kommt es einfach nicht ran.

eric

Postings: 1638

Registriert seit 14.06.2013

2013-12-12 10:46:27 Uhr
"Pioneer" ist von Anfang bis Ende ziemlich klasse und hat eine der größten Gänsehautstellen überhaupt: der Mittelteil, wenn er irgendwas singt wie "So much for make-believe..." und so weiter. Und wenn dann "For always and ever I'll never let go" und auf dem "go" dieser Harmoniewechsel kommt und glichzeitig die Bläser einsetzen, will ich einfach nur noch glücklich sterben. :)

Schön gesagt. Dieser (späte) Mittelteil ist einfach eine geniale Passage und setzt dem großen Ganzen nochmal eins drauf.

The MACHINA of God

Postings: 8650

Registriert seit 07.06.2013

2013-12-12 10:42:19 Uhr
"Pace is the trick" hat diese Wahnsinns-Stelle, wenn nach einer reichlichen Minute die Musik losbricht und er ganz entspannt singt "Yeah, pace is the trick"... genial. Kommt leider nur einmal vor. Den Rest finde ich dann nicht ganz so grandios.
"Pioneer" ist von Anfang bis Ende ziemlich klasse und hat eine der größten Gänsehautstellen überhaupt: der Mittelteil, wenn er irgendwas singt wie "So much for make-believe..." und so weiter. Und wenn dann "For always and ever I'll never let go" und auf dem "go" dieser Harmoniewechsel kommt und glichzeitig die Bläser einsetzen, will ich einfach nur noch glücklich sterben. :)

MopedTobias

Postings: 8390

Registriert seit 10.09.2013

2013-12-11 23:03:02 Uhr
@Thanksalot: "zzz" trifft's ziemlich gut. Mag da eigentlich nur Barricade und Try it On, der Rest ist echt zum Wegpennen.
Und die zweite OLTA- Hälfte hat leider mit Wrecking Ball den vielleicht schwächsten Interpol-Song überhaupt, da mag ich den gleichnamigen Song von Miley Cyrus lieber.

@qwertz: Finde mittlerweile Pace is the Trick noch ein Stück besser als Pioneer, sind aber beides 10er-Songs.

qwertz

Postings: 308

Registriert seit 15.05.2013

2013-12-11 22:17:00 Uhr
"Pioneer to the falls" ist das "Stairway to heaven" der Nullerjahre. Bald wird die Menschheit soweit sein, dies zu erkennen.

Dieses Posting sollte alljährlich in Erinnerung gerufen werden. Begründung: Es ist wahr.
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