Shellac - Excellent Italian greyhound

Shellac- Excellent Italian greyhound

Touch & Go / Soulfood
VÖ: 08.06.2007

Unsere Bewertung: 9/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Stirb seltsam

Die Herren Steve Albini, Bob Weston und Todd Trainer, aka Shellac, waren schon immer so etwas wie ihr ganz eigener Themenpark, in dem man gut geölten Maschinen beim beschwingten Arbeiten zuschauen konnte. So schuf "Didn't we deserve a look at you the way you really are", diese viertelstündige Clownerie zu Beginn von "Terraform", allein dadurch ein Meisterwerk, dass im Zusammenspiel von Sound und Takt ein ungebremst vor sich hin laufendes Metronom gen Unendlichkeit getriggert wurde. Nach dem etwas planlosen "1000 hurts" nimmt "Excellent Italian greyhound" nun diesen ökonomischen Faden wieder auf, weiß allerdings auch, dass es mittlerweile Stolpersteine genug gibt, um sich zur eigenen Pose runterzuwirtschaften. Shellac antworten dieser Gefahr, indem sie ihr frech ins Gesicht lachen.

So statuiert bereits "The end of radio" - ursprünglich eine tiefe Verneigung vor John Peel (R.I.P.) - ein Exempel an allem, was Shellac hoch und heilig ist. Der Song ist ein einziges Beharren, eine egomanische Geste, ohne die ihre Musik gerade mal gar keinen Sinn machen würde. So bezieht Albini zunächst die Position des letzten Radiosprechers der Welt. "Is this really broadcasting if there's no one there to receive?" Dann aber kommentiert er aus dieser Perspektive heraus beharrlich genau den Soundtrack, den sich Trainer und Weston dazu ausgedacht haben. "And that drum-roll means we got a winner." Wenn er dann aber den Verzerrer anschmeißt, windet sich der Song zu einem riesigen Dynamo, der sich ständig mit Energie voll pumpt, ohne auch nur ein einziges Elektron wieder abzugeben. Jede Andeutung von Entladung und Katharsis, eine öffnende Akkordfolge etwa, wird sofort mit einem quietschenden Laut wieder zurückgeholt. Besser hat man Shellac noch nie gehört.

Diesem Stereolithen gegenüber sind "Steady as she goes" und "Boycott" beinahe schon straighte Klassiker, bei denen man trotzdem irgendwann nicht mehr weiß, in welchem Takt Trainer seinen Beat zu Ende bringen wird. "Be prepared" leistet sich hingegen den Luxus von drei verschiedenen Songs in einem und präsentiert sein Anfangsriff schließlich um Jahrzehnte gealtert. Als habe es sich in der Schnelligkeit der musikalischen Bewegungen irgendwann selbst ins Antlitz geschaut. Und, wie Dorian Gray, für all die gestohlene Zeit büßen müssen.

"Genuine lulabelle" ist dann der große Moment des ewigen Klassenclowns Albini. Als wolle er der Welt ein für alle mal beweisen, dass all die Gerüchte über seinen Sexismus aber mal so was von wahr sind, trägt er die neun Minuten dieses Riesenbrockens zum größten Teil als Spoken-Word-Schmuckkästchen aus kleinen und großen Schweinereien ab, bei dem ihm alles andere in der Tat nur im Weg stünde. Dass er hierzu seine Stimme quasi nackt in den Raum stellt, ist dann natürlich Augenzwinkern bis zum Abwinken.

Geläutert geht es weiter: "Elephant" verneigt sich vor den Bandlieblingen Fugazi, und "Kitty pants" knotige Bassläufe machen den Bückling vor Dianogah, deren Jay Ryan für das herausragende Artwork von "Excellent Italian greyhound" verantwortlich ist. Nach dem furiosen Instrumental "Paco" darf man schließlich erst wieder zu "Spoke" lachend hinten über kippen, wenn sich Weston und Albini in einer heiseren Slipknot-Parodie gegenüberstehen, auf ihren Schritt deuten und sich dabei ankeifen, als habe der eine die Koffeinpillen des anderen mit Amphetaminen gestreckt. Und sich zugleich das "dick" rockendste Ein-Akkord-Stück um die Ohren hauen, das man je gehört hat.

Klotzen heißt also die Devise auf "Excellent Italian greyhound". Bei jeder anderen Band stünde zu befürchten, dass hier nach siebenjähriger Abwesenheit die Angst vor dem Vergessenwerden im Hintergrund steht. Bei Shellac hingegen bedeutet es das hemmungslose Ausschöpfen eines immensen Größenwahns. Ihre Intention ist nach wie vor, es wirklich allen zu zeigen. Mit "Excellent Italian greyhound" haben sie in der ureigenen Liga gegen sich selbst gewonnen. Und somit zwangsläufig auch gegen den ganzen Rest. Yippee-ya-yay, Schweinebacken!

(Tobias Hinrichs)

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Highlights

  • The end of radio
  • Be prepared
  • Paco
  • Spoke

Tracklist

  1. The end of radio
  2. Steady as she goes
  3. Be prepared
  4. Elephant
  5. Genuine lulabelle
  6. Kittypants
  7. Boycott
  8. Paco
  9. Spoke

Gesamtspielzeit: 42:19 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
loool
2015-01-11 03:54:18 Uhr
haha, der akkordwechsel in "be prepared" ist tatsächlich schweinegeil. :D
The MACHINA of God
2009-05-23 21:31:00 Uhr
Erste Zeile von "Elephant":
"Here comes the argument"

Eine Homage an Fugazi?
stativision
2008-05-29 10:21:05 Uhr
gut. aber schade, dass nur mit end of radio und genuine lullabelle so richtig was gewagt wurde. das sind dann auch die mit abstand tollsten stücke auf der cd.
asdasdadadasdasd
2007-12-23 01:06:22 Uhr
Ich habe inzwischen ein Problem mit The End Of The Radio, und zwar folgendes (das hört sich jetzt ein bisschen komisch an): das Schlagzeug pulsiert ja manchmal von langsam zu schnell (bzw. umgekehrt), und da schießt mir immer sofort ein Graf dieser Art in den Kopf (eine Sinus-Funktion, die von einer e-Funktion mit negativen Exponenten nach 0 gedrückt wird: (sin (omega*t)) * e ^(-k*t) oder so ähnlich), was mich dann wieder leidlich an meine Facharbeit über elektromagnetische Schwingkreise erinnert...
arnold apfelstrudel
2007-12-18 23:26:10 Uhr
Wie schafft man es aus etwas, das oberflächlich gesehen einem so simpel scheint wie The End of Radio, so ein geniales Stück Musik zu formen?
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