Tomahawk - Anonymous

Tomahawk- Anonymous

Ipecac / Southern / Soulfood
VÖ: 22.06.2007

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Pow-Wow

Man kann es nicht oft genug betonen: Tomahawk, das ist vor allem die Band von Duane Denison, ehemals Gitarrist der wunderbaren The Jesus Lizard. Und genau das konnte man auf ihren bisherigen Alben auch überdeutlich hören, denn wessen Hirn sonst sollten diese Gitarrenriffs wohl entsprungen sein? Mike Patton hingegen, dem Tomahawk häufig als weiteres Nebenprojekt gutgeschrieben wird, machte seine Sache als Erfüllungsgehilfe stets ordentlich. An den kongenialen Irrsinn von Denisons ehemaligem Mitstreiter David Yow kam er allerdings selbst dann nicht heran, wenn er den, vermutlich vorhandenen, Kongenialer-Irrsinn-Fußschalter seiner Gesangsmaschinerie bis ins Kellergeschoss trat.

Kaum ausgeschrieben, verpufft diese Klarstellung allerdings sofort wieder, sobald sich "Anonymous", Tomahawks drittes Album, durch die Boxen zu drehen beginnt. Mittlerweile wohl sattsam bekannt, hat sich Denison hierfür die Melodie- und Rhythmusskizzen ritueller Native-American-Music zu Eigen gemacht, sie mit Harmonien, moderneren Takten und Songgerüsten arrangiert und zusammen mit John Stanier (Helmet, Battles) eingespielt. Die Files wurden dann an Patton geschickt, der dazu seinen Job machen sollte. Obwohl somit die kompositorische Arbeit ein weiteres mal allein Denison zuzuschreiben ist, ist es diesmal doch eindeutig Patton, der "Anonymous" Licht, Farbe und ein Gesicht aufträgt. Und dadurch aus der Anonymität reißt.

Denn natürlich ist "Anonymous" erstmal tribal as tribal can. Musikalisch wirkt das teils etwas dumpf. Wäre da nicht Patton, dessen Gesang sich sowohl rhythmisch als auch melodisch die Songs ein ums andere mal mit Humor und dem so typischen Verve zur Brust nimmt. Erst von hier aus wird man dann gewahr, dass auch musikalisch durchaus mehr dahinter steckt als dösiges Weltmusik-Gehämmer aus Windspielgedängsel, Sonnenaufgangschorälen und gutturalen Hus und Has.

So blinzeln bei "Ghost dance" und "Omaha dance" einige Morricone-Momente durch den Wolkenschleier, bis jeweils ein Beat losbricht, der jeglichem Ethnoansatz die Sporen gibt und sich urplötzlich im Club wieder findet. Auch "Red fox" weist einen unterdrückten Kopfnicker auf, der durchaus von Red Snapper stammen könnte. "Antelope song" findet Jazzfiguren unter schwitzigen Pferdedecken, der "Sun song" gar einen Punkstampfer unter Postrock-Laminat. "Totem" geht irgendwie als Dubversion eines späten Faith-No-More-Stücks durch. Und "Cradle song" gerät Patton zu einer Geisterbeschwörung, nach der Marilyn Manson in Nick Caves Dickdarm aufwacht. Dies sind die Highlights in einem ansonsten doch auch ermüdenden Spiritus-Sanctus-Zirkus.

Wie aber sollte man sonst umgehen mit solch einem mächtigen Recherchefund, der zumindest unbewusst in das kollektive Gedächtnis einer Nation eingreift? Zwischen falsch verstandenem Dokumentarismus und der Aneignung als Frischzellenkur für den eigenen Rock besteht die Gefahr, die gesamte amerikanische Geschichte als einzige Gewaltelegie entweder festzuschreiben oder gar in seiner eigenen Kreativität zu exekutieren. Oliver Stone wüsste davon einen Regentanz zu steppen.

In der Tat entkommt "Anonymous" nur dadurch der Spirale, dass es sich in seinen eigenen Teufelskreis begibt. Das allerdings will auch erstmal gewagt sein. Einen Rat, wie man es besser machen könnte, gibt es nicht. Wohl aber die leise Forderung nach etwas spannenderer Musik. Wie Tomahawk das hätten schaffen sollen, ist jedoch ein weiteres, unentzifferbares Rauchzeichen weit hinten am Horizont.

(Tobias Hinrichs)

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Highlights

  • Ghost dance
  • Red fox
  • Omaha dance

Tracklist

  1. War song
  2. Mescal rite 1
  3. Ghost dance
  4. Red fox
  5. Cradle song
  6. Antelope ceremony
  7. Song of victory
  8. Omaha dance
  9. Sun dance
  10. Mescal rite 2
  11. Totem
  12. Crow dance
  13. Long, long weary day

Gesamtspielzeit: 43:30 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
stativision
2008-05-17 13:37:53 Uhr
wer das album wegen den experimenten nich so toll findet, sollte mal die trackreihenfolge ändern. die normaleren tracks sind alle in der zweiten hälfte.
fitzcarraldo
2008-02-13 12:25:53 Uhr
Wer Interesse hat, Neues im Stil der ersten beiden Tomahawk-Alben zu hören, darf mal Duane Denisons Band U.S.S.A ausprobieren, in der sogar Altvater Paul Barker den Bass trietzt. Hier.
Meines Erachtens ganz flockig, aber wahrlich nicht weltbewegend.

"Anonymous" ist für mich dann doch zu einseitig in seiner Experimenthaftigkeit, als dass es sich bei mir wirklich festgesetzt hätte.
stativision
2008-01-17 12:55:07 Uhr
die erste fantomas ist für mich die letzte wirklich geniale patton-scheibe (unausgereift? aaaaaaaaargh!). peeping tom ist für mich eine der drei schlechtesten.
Third Eye Surfer
2008-01-16 22:39:35 Uhr
Find bis auf das Debut alle Fantômas Scheiben großartig. Das Debut ist auch gut, aber noch ein wenig unausgereift.

Peeping Tom find ich nicht schlecht, der Hammer ist es aber auch nicht.
micha
2008-01-16 22:35:27 Uhr
@ third eye surfer
ich weiß das patton nicht der mastermind ist, messe aber eine veröffentlichung schon ein wenig daran das er überhaupt dabei ist.
mir gefällt die susp. animation am wenigsten von den fantomas platten, aber ein wirklich nettes artwork hat sie und übel ist sie ja nicht.

@ statvision
Jau, finde ernsthaft das die peeping tom zumindest sehr abwechslungsreich ist und auch über starke momente verfügt, die ich bei der animation nicht entdeckt habe.
Das letzte richtig starke album ist die schwarze fantomas von 2004, für mich mit auf einem level mit der directors cut
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