Dungen - Tio bitar

Dungen- Tio bitar

Subliminal Sounds / Broken Silence
VÖ: 08.06.2007

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Selbstversorger

Zunehmend vom Aussterben bedroht: die Spezies des musikalischen Allround-Genies, das ohne fremde Hilfe ganze Alben aufnehmen kann, die nach Fünf-Mann-Band, 30 Gastmusikern und gut bezahltem Hilfsproduzenten klingen. Elektronische Möglichkeiten und neuer Aufnahmekomfort haben die Leute vielleicht müde gemacht; selbst ein Multiinstrumentalist wie Sufjan Stevens, der locker 20 verschiedene Sachen spielt, leistete sich zuletzt Michigan Militia und Illinoisemakers als vertrauenswürdige Hintermänner. Viel mehr Eigenbrötler als Gustav Ejstes bleiben da also nicht mehr. Und selbst der Dungen-Diktator hat seinem Kumpel Reine Fiske auf "Tao bitar" erlaubt, ein bisschen (Bass-)Gitarre beizutragen. Das vierte Album des schwedischen Norwegerpulliträgers ist also auch kein echter Alleingang mehr. Man kann das aber verzeihen, weil die Band in Ejstes Kopf noch immer klingt, als hätte er sich eine All-Star-Truppe des 60er- und 70er-Jahre-Drogennebel-Rocks zusammengeträumt.

Der erste weltweite Dungen-Release "Ta det lugnt" gab einem vor drei Jahren den Glauben an das Gute in dieser Musikrichtung zurück. Ejstes erflirtete sich mit kapriziösen Songs einen vertrauensvollen Prog- und Jazz-Freundeskreis und präsentierte einen unmittelbar anwendbaren Gegenentwurf zum unkomplizierten "Schwedenrock" von Mandio Diao, The Hives oder The Hellacopters. Dass "Tio bitar" sich nun nahe an diesem Quasi-Referenzwerk orientiert, ist nur gerecht, zumal es die Ideen von "Ta det lugnt" nicht nur recycelt, sondern auch in straffere Form bringt. Es wird immer noch viel gejammt und geschraubt, aber es gibt nur noch das neunminütige, Feedback zerfressene "Mon amour", das die Wissenschaft dahinter exzessiv betreibt.

Lange vorher schon waren das Album und sein "Intro" mitten in einem Jimi-Hendrix-Solo losgegangen. "Tio bitar" verbraucht hier bereits eine Menge Schießpulver, lässt Flöte und Mellotron warmlaufen und vergräbt sich danach in einer dieser Platten, bei denen einzelne Tracks wenig Sinn haben, Highlights nur schwer aus dem Gesamten herausbrechen und sowieso alles auf die ein oder andere Art miteinander verbunden scheint. Das unkontrollierbare Schlagzeug und der um Fassung bemühte Gesang, die alles wegsaugende Gitarre und die hoffnungslosen Fluchtversuche der sonstigen Instrumente. "Tio bitar" quetscht das in 40 verdichteten Minuten zusammen und lässt da niemals Zweifel gelten: Ein Ton noch und die ganze Platte würde einem um die Ohren fliegen.

Natürlich spielt Ejstes diesen einen Ton nicht, natürlich kriegt er sich und das Treiben um ihn herum immer dann wieder in den Griff, wenn es in purpurne Hippie-Verbrüderung wegzudriften droht. "Tio bitar" ist da abhängig von den Momenten, die über die Soundwand hinausragen - das durchaus Squaredance-kompatible Ende von "Familj" oder die dominante bis aufdringliche Klaviermelodie, die den Kopf von "Svart är himlen" fordert. Nur weil Dungen diese Arschtreter-Augenblicke auf die Reihe bringen, kann ihr verschwenderischer, abschweifender, irrsinniger Psychedelic-Rock funktionieren. Nur weil Ejstes sich kurz vor dem Wahnsinn abfängt, wird man ihm auch in Zukunft Sperenzchen wie seine neuste fixe Idee zugestehen: Statt mit "Tio bitar" und seinen Männern auf Tour zu gehen, hält er sich in den schwedischen Wäldern versteckt. Statt das Album zu melken, schreibt er schon am nächsten.

(Daniel Gerhardt)

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Highlights

  • Familj
  • Svart är himlen

Tracklist

  1. Intro
  2. Familj
  3. Gör det nu
  4. Caroline visar vägen
  5. Du ska inte tro att det ordnar sig
  6. Mon amour
  7. Så blev det bestämt
  8. Ett skäl att trivas
  9. Svart är himlen
  10. En gång I år kom det en tår

Gesamtspielzeit: 41:57 min.

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