Biffy Clyro - Puzzle

Biffy Clyro- Puzzle

14th Floor / Warner
VÖ: 01.06.2007

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Teil für Teil

Der Stammleser von Plattentests.de weiß, dass hier keine fiese Vorurteilsschmiede am Werk ist. Dass man hier keine Abneigungen gegen Leute pflegt, deren Augen vom Alkohol vertrübt aus der Wäsche schauen. Deren Klamotten löchrig sind wie Schweizer Käse. Deren Haare wirr und vermodert sind. Und die so riechen wie eine krepierende Wanderratte. Der Beweis dafür: Biffy Clyro. Eine Band, die aussieht, als hätte man sie aus schimmeligem Laub gezogen, dafür aber Musik macht, die frischer ist als der Morgentau. Hygiene? Scheiß drauf.

Glücklicherweise steht die Ästhetik des Artworks bei Biffy Clyro konträr zur Regelmäßigkeit der Frisörbesuche. Den neusten Streich für ihr viertes Album heckte Storm Thorgusson aus. Der Mann, der das Gesicht Pink Floyds kreierte. Die Institution für visuelle Mystik in der Rockmusik, die sich traut, ein Cover zu entwerfen, das ganz darauf verzichten kann, den Bandnamen zu nennen und nicht mal den Titel des Albums erwähnen muss. Ein Bild, das in seiner Weisheit verzückt. Ein strahlender Lichtblick in dieser Schlagwortzeit. Und doch nur einer der Gründe, der zur direkten Auseinandersetzung mit dieser gesegneten Band verpflichtet.

Denn auch die musikalische Reise auf "Puzzle" weiß zu bezirzen. Energische Rockmusik, die nach Sehnsucht und Liebe schreit, Aufmerksamkeit erzwingt. Musik, die laute Hits zerlegt, mit Chören ebenso hausieren kann wie mit sanften Pianoklängen, Ohrwürmer am laufenden Band herausschreit und butterweiche Melodien hervorbringt. Ob nun My Vitriol als Referenz dienen müssen, die Foo Fighters für den Sound Pate stehen oder die Freunde von Aereogramme als Einfluss herhalten: wen kümmert's?

Und doch irritiert diese scheinbar zwanglose Eingängigkeit nach dem ersten Hören. "Puzzle" entstand kurz nach dem Tod von Simon Neils Mutter, der sich textlich in seiner Trauer suhlt, den Verlust versucht ansatzweise zu verarbeiten. Der Titel "Folding stars" wird zur großen Hommage. Mit schmerzvoll belegter Stimme singt Neil den Namen seiner Mutter, legt soviel Wehmut in den Refrain, dass es erschreckend ist, wie nah man dem Sänger auf den Pelz rückt. Weiß doch "Puzzle" diese überraschende Eingängigkeit mit lyrischer Kraft zu verbinden.

Aber auch die Leichtigkeit kommt nicht zu kurz. So wird sogar das etwas dümmliche "Who's got a match?" ("I'm a fire and I burn, burn, burn tonight") mit seinen ausdauernden Riff-Geizereien ein großer Spaß, ganz zu schweigen vom grandiosen Opener "Living is a problem because everything dies", der mit epischem Intro sämtliche Organe niederwalzt. Das herausragende "9/15ths", das mitunter die tragende Funktion von "Puzzle" einnimmt und im Laufe des Albums von zwei kleinen, versteckten Einspielern vorbereitet wird, gerät zur orchestralen Orgie. Biffy Clyro schreiben sich mit "Puzzle" zwar nicht in die Annalen der Rockgeschichte ein, setzen aber an der Stelle an, die ihre Musik zu einer der substanziellsten macht, die unsere Zeit bisher hervorgebracht hat.

(Christian Preußer)

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Highlights

  • Living is a problem because everything dies
  • 9/15ths

Tracklist

  1. Living is a problem because everything dies
  2. Saturday superhouse
  3. Who's got a match?
  4. As dust dances (2/15ths)
  5. A whole child ago
  6. The conversation is...
  7. Now I'm everyone
  8. Semi-mental (4/15ths)
  9. Love has a diameter
  10. Get fucked stud
  11. Folding stars
  12. 9/15ths
  13. Machines

Gesamtspielzeit: 49:53 min.

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User Beitrag

Autotomate

Postings: 1105

Registriert seit 25.10.2014

2019-08-15 08:37:17 Uhr
Haha, das mit "Yummy Yummy Yummy" war mir nicht klar... Klingt ja fast unglaubwürdig, dass das Zufall sein soll... :D

Der Song ist schon nicht schlecht, aber diese pompöse Produktion macht daraus ein groteskes Huhn in Barockklamotten.

Nach den beiden wahnwitzig großartigen Vorgängern waren meine hochfliegenden Erwartungen mit "Puzzle" anfangs etwas enttäuscht, aber das hat sich schnell eingeregelt und meine drei Highlights des Albums würden in einer Biffy-Songliste sehr weit oben stehen.

jo

Postings: 773

Registriert seit 13.06.2013

2019-08-15 00:39:50 Uhr
Nicht verstehen? Das kann ich zwar irgendwie bestätigen, aber ich finde ihn einfach sehr vorhersehbar. Daher wird für mich die Spannung zerstört und schlägt etwas um in "Wann geht's denn mal wirklich los? *gähn*"

Aber ist doch interessant, dass das so unterschiedlich aufgefasst werden kann :).

Vennart

Postings: 380

Registriert seit 24.03.2014

2019-08-15 00:08:44 Uhr
Für mich steigert sich gerade durch den Anfang (den ich nach etlichen Hördurchgängen immer noch nicht verstehe) die Spannung ins Unermessliche, die dann in der Megastrophe mündet, vor allem dieser Bass!
Kennt hier jemand das Video, wo die Band gefragt wird, ob der Anfang eine Hommage an "Yummy Yummy Yummy" ist? Ist ziemlich witzig.

jo

Postings: 773

Registriert seit 13.06.2013

2019-08-14 23:59:32 Uhr
Wie gesagt: Ich finde "Living..." auch ganz stark ("Get Fucked Stud" ist sowieso ein Knaller), aber dieser künstliche Anfang macht es für mich eher zu ner 8-9/10.

Vennart

Postings: 380

Registriert seit 24.03.2014

2019-08-14 23:58:23 Uhr
Ganz stark Jaggy Snake!
Endlich eine angemessene Wertschätzung für "Living..." und "Get Fucked Stud" ist auch mein zweites Highlight der Platte.
Zum kompletten Thread

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