Tied & Tickled Trio - Aelita

Tied & Tickled Trio- Aelita

Morr / Hausmusik / Indigo
VÖ: 01.06.2007

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Minimalpolizei

Angst ist nichts ohne Leute, die sie haben. Auch das Fürchten muss erst einmal gelehrt werden. Tied & Tickled Trio aus Weilheim und Umgebung machen sich da schon seit Jahren verdient. Niemals sind sie aber systematischer und zielstrebiger vorgegangen als im Herbst 2003 mit ihren verkochten Elektro-Jazz-Fusionen von "Observing systems". Der Beat und die Bläser, strengstens gegeneinander aufgehetzt. Eine Big- und Allstar-Band, mitgeschnitten an vier guten Tagen beim Umkurven der vorletzten Limitierungen, die den beteiligten Köpfen nach all dem Musikmachen geblieben waren. Man musste es damals schon mit der Angst zu tun bekommen. 13 & God erledigten anschließend noch den HipHop. Danach wurde es still.

Still ist es auch jetzt noch, wo die nächste Tied-&-Tickled-Trio-Platte längst begonnen hat und wieder alles anders scheint als zuvor. Kein Jazz, keine Blasinstrumente, stattdessen Laptop und Percussion, Nachtmusik ohne Schockeffekte. Jeder Track auf "Aelita" wurde nach irgendetwas benannt - das Glockenklingeln von "Chlebnikov" mit Cello und Zombie-Chor nach einen russischen Dichter und Mathematiker, das undefinierbare Rascheln und Nervenzehren aus "You said tomorrow yesterday" nach einem Gemälde von Christopher Wool und der zögerliche Melodieversuch des verfremdeten Tasteninstruments in "Aelita 1" nach dem ersten Science-Fiction-Film, der in Russland gedreht wurde. Die gleiche Idee wird in zwei weiteren Tracks nochmals durchvariiert. Eine erste vage Ahnung von der Platte sollte aber auch so stehen: Sputnik und Kosmonauten, das Weltall und seine Faszination in ausgebleichten Farben. "Aelita" ist nostalgischer Futurismus.

Das Album ist dabei einfacher, wenn auch weniger aufregend anzuhören, unmittelbarer nachzuvollziehen und noch mal einen Tag schneller entstanden als "Observing systems". Der BPM-Zahlmesser läuft konstant im unteren Skalendrittel, die Stimmung suggeriert grau-in-graue Schlechtwettertristesse. Nur in einer solchen Atmosphäre kann sich der Drumbeat aus "A rocket debris cloud drifts" (NASA-Bild des Tages vom 27.02.2007) alle Zeit der Welt nehmen, um Laufen zu lernen. Nur hier ist denkbar, dass sich die Effektmeister hinter "Other voices other rooms" (Truman-Capote-Roman) ihre Geräte zurechtmanipulieren, bis sie die Töne eines zerknautschten Akkordeons hergeben. Einlullen statt Aufrütteln, Andeuten statt Ausführen, Aussitzen statt Angreifen. "Aelita" ist der kleine, aber gründliche Bruder seines Vorgängers. Durchaus zum Fürchten, niemals zum Davonlaufen.

(Daniel Gerhardt)

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Highlights

  • A rocket debris cloud drifts
  • Chlebnikov
  • Other voices other rooms

Tracklist

  1. Aelita 1
  2. You said tomorrow yesterday
  3. Tamaghis
  4. Aelita 2
  5. A rocket debris cloud drifts
  6. Chlebnikov
  7. Other voices other rooms
  8. Aelita 3

Gesamtspielzeit: 43:58 min.

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