Revolverheld - Chaostheorie

Revolverheld- Chaostheorie

Columbia / Sony BMG
VÖ: 25.05.2007

Unsere Bewertung: 3/10

Eure Ø-Bewertung: 3/10

Lieb' Dich selbst!

Die Biographie von Revolverheld hätte gut und gerne vom statistischen Bundesamt herausgegeben werden können. Zahl reiht sich an Zahl, Chartplatzierung hier, Semester und Wochenstundenzahl der ersten Popakademie da, bis aufs Nachkomma ausgerechnete Siegesmeldungen aus Internetvotings und noch so einiges mehr dazu. Da mag es nicht mal mehr verwundern, wenn sogar die genaue Lebenssekunde, in der Schlagzeuger Jakob bei Ansicht seines ersten Ed von Schlecks entzückt "Drum stick" hervorgluckste, überliefert wäre. Denn schon immer haben Revolverheld derart damit getrommelt, wer sie sind und woher sie kommen, dass ihnen eine Penetranz zueigen schien, die nicht wenige als sehr störend empfanden. Angriffsziel Nummer eins in diesem Sinne: Sänger Johannes Strate, der auf "Revolverheld" ihr Recht auf "Rock" so lange auf den eigenen Verstand einbrüllte, bis dieser selbst dran glauben musste. Sind Revolverheld nun aber tatsächlich nur ihre eigene Gehirnwäsche? Ein Blick auf ihr zweites Album kann hier einige Antworten liefern.

Gleich die ersten Takte von "Chaostheorie" bestätigen: Leise geworden sind Revolverheld nicht. Weiser allerdings auch nicht. Ihr textlicher Dünkel schmiedet aus einem von der Hamburger Schule in jahrzehntelanger Kleinstarbeit streng individualisierten "Ich" ein seltsam haltloses "Wir", das wirklich alles und jeder sein kann. Und sich selbst bei vorgeschobener Verbrüderung nur zu gern im "Dagegen" positioniert. Dabei ist die Art, wie "Gegen die Zeit" seinen Revoluzzer-Gestus mit Follow-The-Leader-Bildern ausmalt, noch nicht einmal das Unerfreulichste. Denn diese, in all ihrer Widersprüchlichkeit tief in die Seelen schauende Vertauschung von Selbstbestimmung und Hörigkeit können andere "Helden" auch. Revolverheld verpacken es nur, nun ja ... unverblümter.

Ärgerlicher ist da schon das dreiste Treten nach unten, wie etwa auf "Superstars" oder, etwas abgemildert, "Hallo Welt". Wenn hier die allzu bekannten Mechanismen des Casting-Karussells nicht nur nochmals aufgezählt werden, sondern auf direktem Wege zu nadelzerstochenen Armen, Alkohollebern und Silikonbrüsten führen, ist man nur zu gerne bereit, Revolverheld ihre eigene Alternative in Sachen Risikobereitschaft und Fallhöhe vor Augen zu halten. Denn knapp über der Grasnarbe fällt es sich zwar leichter, Applaus für das spektakulärste Kunst- oder Katastrophenstück erntet man allerdings nur selten.

Musikalisch kann man "Chaostheorie" hingegen im ja/nein/vielleicht diverser Mittelstufen-Liebesbriefe taktsicher mitklatschen. Gute Momente sollte und darf man ihnen auf Albumlänge nicht absprechen. Wohl aber die Energie, damit irgendetwas anfangen zu können. Powerrock in Häschenschuhen wie in "Hologramm", "Nichts bereuen" gibt es ebenso wie Streicherwahn voller Krokodilstränen in "Unzertrennlich" oder "Längst verloren". Bei "Gegen die Zeit" und "Patient in meiner Psychiatrie" flatulieren stocksteife Anstrengungen in Sachen mehr Po in der Hose ungeniert vor sich hin. Und mehr ganz frühe Echt als im Refrain von "Ich werd' die Welt verändern" war auch schon lange nicht mehr.

Diese Musik kennt kaum einen Fetzen Sehnsucht, Selbstbewusstsein oder Risiko. Deshalb schreit sie so laut. Deshalb skandiert sie so unbeirrt. Deshalb propagiert sie nichts anderes als die grenzenlose Liebe zu sich selbst. Ein einziger, selbstbezogener Pawlowscher Reflex. Wären Revolverheld eine Sitcom, sie würden den Dosenlacher-Generator zum Platzen bringen.

(Tobias Hinrichs)

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Highlights

  • Längst verloren
  • Bis in die Ewigkeit

Tracklist

  1. Gegen die Zeit
  2. Ich werd' die Welt verändern
  3. Superstars
  4. Unzertrennlich
  5. Hologramm
  6. Nichts bereuen
  7. Längst verloren
  8. Du explodierst
  9. Unsterblich
  10. Wir könnten die Größten sein
  11. Patient in meiner Psychiatrie
  12. Hallo Welt
  13. Bis in die Ewigkeit

Gesamtspielzeit: 43:35 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
.sdrawkcaB
2009-06-23 20:21:31 Uhr
!ekaF
ekaf
2009-06-23 13:22:11 Uhr
"Chaostheorie" ist IMO eines der besten deutschsprachigen Alben der letzten Jahre.

"Patient in meiner Psychiatrie" ist einfach genial, das würden selbst The Mars Volta nicht besser hinbekommen, dieses Riff!!! Und bei diesem Text können Kettcar neidisch werden.

9/10
lieb dich selbst
2009-06-05 01:11:15 Uhr
So viele Postings hier, es scheint auf PT massig Fans der besten deutschen Popband zu geben.



Kindergartenband

"Let the rockers in your heart, fühlt euch geil!"
Momo
2009-02-12 03:32:22 Uhr
waren die echt bei dieser trash-sendung ?
Man, bei den einen Tatort hab ich noch geschmunzelt aber spätestens jetzt wissen wir was Revolverheld so alles für Geld tut.
Cynic
2009-02-12 00:56:26 Uhr
was war denn?
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