Travis - The boy with no name

Travis- The boy with no name

Independiente / Sony BMG
VÖ: 04.05.2007

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Baby one more time

4. Mai 2007, 8:00 Uhr, 82g, 12,5cm. Travis haben ihr fünftes Kind auf den Weltmarkt gebracht - allerdings dauerte es dieses Mal doppelt so lange wie üblich, um mit den neuen Songs schwanger zu gehen. Aber es schien vernünftig, abzuwarten, bis das leicht verhaltensauffällige Jüngste, "12 memories" (*13.10.2003), aus dem Gröbsten raus war. Fran Healy und seine Gitarre schliefen ein ganzes Jahr lang in getrennten Betten - zur Abwechslung bekam Gattin Nora die Füße gewärmt und neun Monate später überraschenderweise ein Baby. Das in den ersten Wochen seines Lebens nur "The boy with no name" genannt wurde, da seine Eltern ein kleines Problem mit der Namensfindung hatten.

Sich als Band wieder zu finden, war für Fran, Dougie, Andy und Neil dagegen fast ein Kinderspiel: Wenn die Chemie stimmt, dann klappt es eben auch mit der Physik - Travis liegen nach wie vor auf einer Schallwellenlänge mit dem ehrlichen, unprätentiösen, herzerwärmenden Popsong. Beim Blick in ihren liebevoll ausgepolsterten Kinderwagen, muss man zwangsläufig seufzen und "Aww, ist das aber bittersüß!" flöten. Vor allem bei "Battleships", einer hinreißenden Exkursion in die 60er Jahre des Phil Spector. Überhaupt erlebt man mit "The boy with no name" sein babyblaues Wunder: Travis waren zwar schon spannender, aber sicherlich nie vielseitiger.

Die Akustikgitarre rollt - wie Fran Healy sein schottisches "r" - und bringt den Melancholiemotor auf Anhieb zum Schnurren, obwohl auf den finalen Worten von "3 times and you lose" scharfkantige Eiskristalle wachsen: "So there's nothing really more to say / I'm throwing it all away." Doch dies darf bloß als Prolog, als Verbindungsstück zum sonnenfinsteren Vorgängeralbum verstanden werden - "Selfish Jean" ist der eigentliche Opener und irgendwo zwischen Motown, Iggy Pop und Endorphinrausch die beste Travis-Definition von Britrock seit ihrem Debüt "Good feeling" (1997). "Closer" mag im Radio nur allzu nett und harmlos klingen, über Kopfhörer erschließt sich dann aber eine beinahe beklemmende Nähe: Man vernimmt plötzlich die Geisterstimmen, die in den Gedankengängen des Einsamen herumspuken und spürt, wie sich die Celli krümmen.

Weil Adoption ja gerade in ist, vor allem in internationalen Musikerkreisen, haben sich Travis dem frisch gepuderten "Under the moonlight" angenommen - eine Komposition von Bandfreundin Susie Hug, die schon 1998 auf der "More than us"-EP mitmischte. Und bei 1:54 muss Fran selbst laut darüber schmunzeln, dass er das Wort "horizon" so herrlich überintoniert hat. Es sind die kleinen, sympathischen Details, die dafür sorgen, dass so manche gefährlich glatte Radiokompatibilität die rettenden Lachfältchen bekommt. "Flowers in the window" findet eine logische Fortsetzung im bezaubernden "My eyes" und hat Nigel Godrichs goldenem Händchen seine charmant schlingernden Streicher zu verdanken.

"Out in space" ist das Lagerfeuerstück auf "The boy with no name" und im Gegensatz zum Skyscraper-Sound von "Eyes wide open" oder "Colder" eine dieser glitzernden Akustik-Miniaturen, die man von Travis so nicht mehr seit "The man who" (1999) gehört hat, inklusive gewissenhafter Percussion, vorwitzigem Glockenspiel und monströsem Weltraumgetöse. Aus dem gleichen Holz geschnitzt ist "New Amsterdam", eine würdige Ode an Fran Healys Zweitheimat New York. Warum die großartige Groove-Offensive "Sailing away" ein Schattendasein als Hidden Track fristen muss, bleibt ein Rätsel - und ist gelinde gesagt ein ganz schöner Skandal. Mal das Jugendamt anrufen. Manchmal muss man eben doch das Kind beim Namen nennen.

(Ina Simone Mautz)

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Highlights

  • Selfish Jean
  • Battleships
  • My eyes
  • Out in space

Tracklist

  1. 3 times and you lose
  2. Selfish Jean
  3. Closer
  4. Big chair
  5. Battleships
  6. Eyes wide open
  7. My eyes
  8. One night
  9. Under the moonlight
  10. Out in space
  11. Colder
  12. New Amsterdam
  13. Sailing away (Hidden track)

Gesamtspielzeit: 53:53 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
xdx
2007-11-26 22:30:25 Uhr
3 Times and you loose find ich ziemlich gut
Sivart
2007-11-26 22:24:56 Uhr
klingen wie coldplay oder auch keane
klostein
2007-06-06 01:14:13 Uhr
Also "Closer" ist Kitsch pur...und gerade deswegen so gut...diese Streicher!
jo
2007-06-06 00:55:31 Uhr
Ich hatte das auch viel weniger vom gesangstechnischen, als vom geschmacklichen Standpunkt her gemeint - Healys Talent anzuzweifeln liegt mir fern.

Hatte ich auch nicht so verstanden.

Es ging mir nur darum, zu betonen, dass in diesen von dir kritisierten Momenten ich den Gesang nahezu genial finde. Da kommt bei mir einfach kein "schlechtfind"-Gefühl auf ;).
Gemini
2007-06-06 00:17:15 Uhr
Ich hatte das auch viel weniger vom gesangstechnischen, als vom geschmacklichen Standpunkt her gemeint - Healys Talent anzuzweifeln liegt mir fern.

Es ist nur einfach der rein subjektive Eindruck, den ich bisher von diesem Stück gewonnen habe, weil mir dessen teilweise übermäßig betont gefühlvolle hohe Gesangsparts - wie sie übrigens ebenso bereits bei "Closer" anklingen, und an dieser Stelle kann ich mir auch ein Grinsen zu dem Kommentar von Piepi (10.05.2007 - 07:31 Uhr) nicht verkneifen - eben ein entscheidendes Quäntchen zu sentimental rüberkommen... Das reicht dann bei mir persönlich schon bedrohlich in den Bereich des Peinlich-Nervtötenden hinein, zumal der Gesang ja absolut kein unwesentlicher Aspekt des Ganzen ist.

Bei Liedern wie z.B. "Eyes wide open" oder "My Eyes" dagegen kann ich vergleichsweise merklich größeren Gefallen an seiner Stimme finden.
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