Battles - Mirrored

Battles- Mirrored

Warp / Rough Trade
VÖ: 14.05.2007

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Der Insgeheimdienst

Sie mögen es nicht, das Stigma der Supergroup, und doch saugt es sich mit nanopräzisen Spatulae an ihnen fest. Denn immerhin sind bei Battles mit John Stanier (Helmet, Tomahawk) und Ian Williams (Don Caballero) zwei der ganz großen Underground-Helden der 90er aktiv, die zudem schon früh ihren ganz eigenen Stil sehr deutlich definiert hatten. Seitdem ist Staniers mit nacktem Größenwahn aufgepumpte Hüpfburg, die allein zwischen Snare, Bass und Hi-Hat in alle möglichen Parallel-Dimensionen zugleich anschwellen kann, ein stets gut sichtbares Hinweisschild an der Interstate 90. Und Williams' Jazz- und Metaltappings einvernehmlich missdeutendes Gitarrenspiel wurde ebenso zu seinem Markenzeichen wie zum mathematischen Operator eines gesamten Stils.

Genau deshalb kennzeichnete Battles (komplettiert durch Ex-Lynx-Gitarrist David Konopka und Avantgarde-Legenden-Sohn Tyondai Braxton) zunächst eine Zeit der Konsolidierung, in der getestet wurde, wie weit man die Kräfte forcieren muss, um ihre Herkunft vergessen zu machen. Nun aber, drei EPs später, geriert sich "Mirrored" als ein mächtiges Zerrspiegelkabinett auch der eigenen Vergangenheit seiner Protagonisten. In den Spiegelbildern ihrer Songs werden Battles spindeldürr, pumpen sich auf bis zur Unkenntlichkeit, rudern mit riesigen Armen, schreiten auf Elefantenbeinen voran, laufen mit den Happy Tree Friends hysterisch im Kreis, um Baumstämme aus Augenhöhlen zu ziehen, spenden ein Schulterklopfen für Freddy Mercurys traurigen Leichnam oder treten nach vorne, was bei den glossy R'n'B-Beats der Sorte Destiny's Child stets irgendwo im Off verhallt. Ganz Recht: viele Ziele auf einem einzigen, vorher bestimmten Weg.

Denn obwohl sich "Mirrored" insgesamt nach einem beispiellosen Spionage-Trip anhört, bei dem harmonische und rhythmische Geheimakten im Stop-Motion-Verfahren durch verschiedenste Hände und Kehlen gereicht werden, sind es zugleich schier unfassbare Verdichtungen, die das Album zu einem über die Maßen humorvollen und entlarvenden Zerrbild machen. "Atlas" etwa, bereits als Vorab-Single-des-Jahres hochwohlgeboren, nimmt sich Zeit, baut seinen Beat still und heimlich aus, schultert immer mehr an Sounds und Rhythmusfetzen, reist mehrmals bis zum Mittelpunkt seiner Reserviertheit. Und taucht doch solange wieder auf, bis auch noch die hinterletzte Körperregion kartographiert und zum Mitzuckeln gebracht worden ist. "Tonto" hingegen imitiert die schizophrene Melancholie Four Tets, pirscht auf Rübezahl-Rockpuschen durch orientalische Klangwelten und zieht sich an straff gespannten Basssaiten schließlich wieder gen Okzident. "Race:in" kontert Tortoise-Takte mit Morricone-Pfeifen und harmonischem Wahnwitz. Und während "Tij" und "Snare hangar" Williams' Riffs noch tapfer die Stange halten, schlägt "Rainbow" mit ihrer Hilfe ganze Musikdekaden kurz und klein, um schließlich selbst unter Pink-Floyd-artigen Flügelschlägen zu Staub verwirbelt zu werden.

In "Mirrored" steckt all das, was Post- und Mathrock mit ihren längst zum Manierismus verkommenen Geschichtsstunden in Kraut, Psychedelic, Avantgarde und Elektronik verbindet. Diese Verbindung wird aber sofort wieder gekappt, wenn man ab dem ersten Ton genau weiß, wer hier hinter der Schießbude oder der Saitengrätsche sitzt. Denn, wie im Zerrspiegelspiel üblich: man erkennt allein in dem selbstbewussten Wissen, wer oder was vor dem Spiegel steht, wer oder was von dort zurückwinkt. Deshalb ist "Mirrored" kein von vorn herein gescheites, sondern ein sich klug machendes Fratzenkabinett, das erst, wenn es eine Geste des Schmunzelns zugleich im eigenen Gesicht spürt und im Spiegel aufsteigen sieht, seine eigene Existenz bestätigt. Eine Physis des Sehens und Erkennens, die nur ganz selten derart präzise hervorgekitzelt wird. Ganz schön schlau, bei so viel Albernheit.

(Tobias Hinrichs)

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Highlights

  • Atlas
  • Tonto
  • Rainbow
  • Tij

Tracklist

  1. Race:in
  2. Atlas
  3. Ddiamondd
  4. Tonto
  5. Leyendecker
  6. Rainbow
  7. Bad trails
  8. Prismism
  9. Snare hangar
  10. Tij
  11. Race:out

Gesamtspielzeit: 51:52 min.

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Demon Cleaner

Postings: 5648

Registriert seit 15.05.2013

2015-09-23 15:39:31 Uhr
Ne, so wie das ab der Mitte abgeht und dann langsam verglüht...herrlich. Eines der Highlights.

The MACHINA of God

Postings: 13525

Registriert seit 07.06.2013

2015-09-23 15:38:06 Uhr
Gerade "Rainbow" empfand ich als recht lahm. Hmm.

Demon Cleaner

Postings: 5648

Registriert seit 15.05.2013

2015-09-23 15:31:01 Uhr
Dazwischen ist "Rainbow", du Nase. :-P

Höchstens Track 7-9 sehe ich als schwächer, aber das sind nun auch nur 8 Minuten oder so...

The MACHINA of God

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Registriert seit 07.06.2013

2015-09-23 14:37:57 Uhr
Mal wieder angehört und doch etwas enttäuscht gewesen. Die ersten 4 Song und die letzten beiden (besonders die) sind absolut klasse, dazwischen ist aber schon etwas Leerlauf. Ne 8/10 aber wohl trotzdem.

The MACHINA of God

Postings: 13525

Registriert seit 07.06.2013

2015-09-17 10:52:11 Uhr
Ein Wahnsinn war das damals. Und schon irgendwie was Neues auf seine Art. Der "Gesang" war nicht immer meins, aber was hat das gegroovt und geschnackselt. :)
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