Banner, 120 x 600, mit Claim

Kissogram - Nothing, Sir!

Kissogram- Nothing, Sir!

Louisville / Universal
VÖ: 27.04.2007

Unsere Bewertung: 4/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Der gespielte Witz

Kissogram gehörten mit Stereo Total oder dem Jeans Team zu jenen Urgewächsen, die aus dem Berlin der Jahrtausendwende ein pulsierendes Etwas herausphantasierten. Passend schien diese Musik zu ihrem Entstehungsort vor allem deshalb zu sein, weil sie die viel beschworene Berliner Schnauze in musikalische Gesten zu überführen versprach. Kokett, adrett, am Puls der Zeit, ebenso schick und ironisch wie trendsettend und im Trend verzettelt: ein elektropoppendes Sternenmeer über dampfenden Straßenpflastern. Doch wenn der Stern sinkt und der Dunst dann verflogen ist - der aktuell wohl hipste Hauptstädter trägt lokalgeschneiderte Hosenanzüge unter einer Frisur von Udo Walz -, bleibt auch von Berlin bloß eine Sammlung aus Altgebautem und Neuverglastem.

Mit gelangweilten Blicken glotzen denn auch Jonas Poppe und Sebastian Dassé vom Cover ihres zweiten Albums den Betrachter an. Als ob der etwas dafür könnte, dass bei den beiden nicht viel Aufregendes passiert. Ist schließlich kein Wunder: Wenn man eh schon alles weiß, findet man nur noch selten Zuhörer oder gar Gesprächspartner. Und auch beständiges Augenzwinkern sieht mittendrin einfach nur noch dämlich aus.

So geht im ansonsten durchaus beschwingten "I'm the night before" Poppes Ziegenmeckern auf den Vokalen als zunächst wohlgesetzter Scherz auf Dauer schief und zum Ende gehörig auf den Hörnerv. "Car crash bop" klemmt sich hingegen Lou Begas Bikini-Cruiser unter den Allerwertesten, reckt die linke Faust gen Unsterblichkeit, skandiert: "I got the sexy power!" Und rast mit zitterndem Kupplungspedal volle Möhre in Snaps höchst diesseitigen Kofferraum. "Come spring come reason" zieht einen Mr.-Oizo-Bassreflex durch den Samplekakao, und "Shuffle along" nimmt beim Grinsen über alle Bluesgitarre- und Mundharmonikabacken seine eigene Erfindungskraft viel zu gerne viel zu wichtig. Mit "I'm the morning after", "She's an apple pie" oder auch "Blue August" wird es dann allerdings etwas melancholischer und entspannter. Inseln der Ruhe in einer ansonsten sehr gewollt aufbrausenden See der Schnapsnasigkeit.

Insgesamt sind Kissogram aber ebenso Elefant im Porzellanladen wie der Versicherungsheini, der danach den Schaden aufnimmt. Was ihren Songs in diesem Sinne auf Albumlänge Substanz gibt, sind die dann doch recht humorlos vorgetragenen Beats. Denn "Lachen über" und "Schmunzeln mit" heißt halt stets auch, sich selbst tief drinnen viel zu ernst nehmen zu müssen. So ist es, wenn notorische Besserwisser auf von Pastelllicht gefoppten Zeitreise-Hinterhofparties ihren eigenen Witz (r)unterreißen, oft high time zu gehen. Und ehe irgendwer wieder irgendwas von Dekonstruktion herbeilabert, verpieselt man sich besser auch aus dieser Rezension. Mit dem Rat des Abends: "Something, man!"

(Tobias Hinrichs)

Bei Amazon bestellen / Preis prüfen für CD, Vinyl und Download
Bei JPC bestellen / Preis prüfen für CD und Vinyl

Bestellen/anhören bei Amazon

Highlights

  • I'm the morning after
  • She's an apple pie

Tracklist

  1. Car crash bop
  2. I'm the night before
  3. Come spring come reason
  4. Shuffle along
  5. I'm the morning after
  6. Snow white in the train
  7. She's an apple pie
  8. In the wilderness
  9. Blue August
  10. Manager in love
  11. Buzzard king
  12. Ricky's little world

Gesamtspielzeit: 43:12 min.

Bestellen bei Amazon

Weitere Rezensionen im Plattentests.de-Archiv