Kaddisfly - Set sail the prairie

Kaddisfly- Set sail the prairie

Hopeless / Soulfood
VÖ: 13.04.2007

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Beautiful mistakes

Freunde des gepflegten Herzschmerzes und Seitenscheitels aufgepasst: Hier sind Kaddisfly! Aber nicht doch! So unglaublich gemein darf man gegenüber dieser Kapelle aus Eugene, Oregon nicht sein. Wo die musikalische Qualität bei Hunderten von amerikanischen Bands nämlich exakt bis zum Nietengürtel und der hingeklatschten zweistimmigen Hook gedacht wird, muss bei Kaddisfly erst angesetzt werden. Denn mit der sonst so gebräuchlichen Idiotie umherhopsender Karikaturen in Schwarz lassen sich Kaddisfly definitiv nicht in eine Tragetasche stecken. Dabei ist "Set sail the prairie" bereits ihr drittes Album, gleichzeitig aber auch ihr bestes. Bewegte sich das Quintett auf den beiden Vorgängern "Did you know people can fly?" und "Buy our intention; we'll buy you a unicorn" noch auf sehr sicherem und bekanntem Terrain, tritt der im Vergleich fast schon spartanisch betitelte aktuelle Output wesentlich experimenteller und gleichzeitig auch selbstbewusster in Erscheinung.

Irgendwo an einer Schnittstelle zwischen den in Deutschland noch immer sträflich missachteten Brazil, gutgelaunten Thursday und Saosin lässt sich der Sound von Kaddisfly lokalisieren. Das ist nur insofern ein Problem, als dass sich irgendein Marketingmensch hinter der Band krude gleichzeitige Pseudo-Parallelitäten zu Coheed & Cambria und Incubus aus den raffgierigen Fingern gesogen hat. Es sei jedoch Entwarnung gegeben. Mit der fragwürdigen Stimmgewalt eines Claudio Sanchez hat Christopher Ruff nicht viel zu tun. Dennoch klingt Ruff nicht durch Zufall so, wie sich eine ganze Generation in den USA und diesseits des großen Teichs fühlt: fragil und jungfräulich. Dürfte bei vielen auch in etwa der Realität entsprechen, aber "Set sail the prairie" als Soundtrack zu diesem Zustand misszuverstehen, darf auf keinen Fall passieren. Dieses Album hat nämlich durchaus Argumente.

Da wäre zum Beispiel das stimmungsvoll rockende "Empire", welches aus dem Stand zum Tanzen einlädt. An anderer Stelle weiß "Harbor" ähnlich zu verzücken. Dabei ist das Erfogsrezept von Kaddisfly eigentlich einfacher, als sie es selbst vermutlich zugeben würden. Was die Band wirklich kann, das sind Hooks. Und was die Band wirklich macht, das sind Hooks. In allen unterschiedlichen Ausführungen und Geschmacksrichtungen, Lautstärken, Tempi und Stimmungslagen. Sei es der blutüberströmte und zuckersüße Refrain von "Silk road" oder die partytaugliche Einladung zum Ellenbogenkuscheln in "Clockwork". Für alles scheinen Kaddisfly einen Refrain in petto zu haben. Bei ziemlich genau 70 Minuten Spielzeit und vierzehn Songs aber auch kein Wunder.

Zugegeben, etwas weniger Wimperntusche, nur ein ganz kleines bisschen, hätte an der ein oder anderen Stelle vielleicht ganz gut getan, aber wer wird denn gleich schimpfen? Schließlich machen Kaddisfly so viel gleichzeitig, hintereinander und permanent, dass kleinere Schönheitsfehler gar nicht zu vermeiden sind. Stellenweise ist die Frage schon erlaubt, ob es diese Bridge, jenen Klageschrei gen Himmel, oder schlicht die ein oder andere völlig aus dem Zusammenhang gerissene Gitarrenmelodie gebraucht hätte. Etwas mehr Konzentration wünscht man Kaddisfly. Zur neu entdeckten Ernsthaftigkeit und der Prise Selbstironie kann man dennoch getrost gratulieren.

(Konstantin Kasakov)

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Highlights

  • Empire
  • Clockwork

Tracklist

  1. Summer solstice
  2. Campfire
  3. Waves
  4. Harbor
  5. Birds
  6. Clouds
  7. Empire
  8. Winter solstice
  9. Snowflakes
  10. Via rail
  11. Silk road
  12. Mercury
  13. Clockwork
  14. Forest

Gesamtspielzeit: 69:40 min.

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