Stars Of The Lid - And their refinement of the decline

Stars Of The Lid- And their refinement of the decline

Kranky / Cargo
VÖ: 20.04.2007

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 9/10

Close to nothing

Historisch bedenklich ausgedrückt: Brian Enos "Music for airports" war die Erfindung von Musik, die fast schon nicht mehr da ist. Ein Surren und Brummen knapp oberhalb der akustischen Hörbarkeitsgrenze, unterteilt in vier Einheiten zwischen neun und 17 Minuten Länge. Bei allmusic.com schreibt man so schön, dass die Platte keine beständige Anteilnahme vom Hörer erfordert. Eigentlich aber scheint es darum zu gehen, dass die Platte nicht nur überhaupt keine Anteilnahme erfordert, sondern sich sogar dagegen wehrt und einfach nur ungestört da sein will. Sie ist, und das sei ohne beabsichtigte Abwertung gesagt, die perfekte Soundtapete, zum Drauf- und Drüberkleben für jeden beliebigen Moment oder Ort gedacht. Flughäfen zum Beispiel.

Die letzten Piloten auf dem Brian Eno Airport sind heute Stars Of The Lid, zwei Amerikaner, von denen einer in Belgien lebt und die sich noch nie besonders viel aus Zeit gemacht haben. Es spielt keine Rolle, dass "And their refinement of the decline" erst ihr zweites Album im dritten Jahrtausend ist, es spielt keine Rolle, dass darauf nichts passiert, weil - streng genommen - überhaupt nichts eine Rolle spielt. Sagen lässt sich nur, dass diese Musik von zwei Gitarristen, deren Gitarren nicht nach Gitarren klingen, irgendwo am Existenzminimum herumkrebst, dass sie immer mal wieder kurz drunter rutscht und dass sie Sachen mit einem macht, die man nicht für möglich gehalten hätte - wenn man sie lässt und heute nichts mehr vorhat.

Einsteiger stellen sich das am besten so vor wie die paar Minuten ganz hinten auf "Kid A", nachdem das Album eigentlich schon zu Ende ist. Die Musik kommt einem in Wellen entgegen, in Wellen, die nie bis ganz ans Ufer heranreichen. Man könnte auch von geduldig ausgerollten, meist durchsichtig dünnen Flächen sprechen, solange nicht vergessen wird, dass auch etwas - irgendetwas - darunter liegt, ohne sich näher bestimmen oder greifen zu lassen. Variiert wird dabei wenig bis gar nicht; Menschen mit kurzer Zündschnur würden deshalb vielleicht die Frage aufwerfen, ob es nötig ist, die vertonte Unsichtbarkeit auf 18 Stücke und 120 Minuten auszuweiten. Falscher Ansatz, falsche Richtung. Nötig ist überhaupt nichts.

Das ursprüngliche Vorhaben bei dieser Rezension, nicht über die einzelnen Tracks zu schreiben, keine Highlights anzugeben und höchstens auf die scheinbar willkürlich gesetzten Grenzen zwischen den Einheiten hinzuweisen, die doch nur klingen wie aus einem größeren Ganzen heraus gebrochen, lässt sich trotzdem nicht realisieren, weil "And their refinement of the decline" auf CD2 minimal vielseitiger wird. So wird etwa "Humectez la mouture" an Gesprächsfetzen und Klavierakkorden vorbei geschleppt, die sich nach 90-minütiger Ereignislosigkeit wie Bombeneinschläge anfühlen, obwohl sie kaum schwerer sind als eine Feder. Es muss auch hingewiesen werden auf "Tippy's demise" und seine unendlichen Untiefen, die nackte Trauer, die hier allein in einer kläglich langsam gespielten Geige liegt. Sie klingt ein bisschen wie Ertrinken, vermutlich. Sie ist der einzige Stilbruch auf der ersten zeitlosen Platte des Jahres.

(Daniel Gerhardt)

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Highlights

  • Dopamine clouds over craven cottage
  • Humectez la mouture
  • Tippy's demise

Tracklist

  • CD 1
    1. Dungtitled (In A major)
    2. Articulate silences part 1
    3. Articulate silences part 2
    4. The evil that never arrived
    5. Apreludes (In C sharp major)
    6. Don't bother they're here
    7. Dopamine clouds over craven cottage
    8. Even if you're never awake (Deuxieme)
    9. Even (Out) +
    10. A meaningful moment through a meaning(less) process
  • CD 2
    1. Another ballad for heavy lids
    2. The daughters of quiet minds
    3. Hiberner toujours
    4. That finger on your temple is the barrel of my raygun
    5. Humectez la mouture
    6. Tippy's demise
    7. The mouthchew
    8. December hunting for vegetarian fuckface

Gesamtspielzeit: 120:32 min.

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User Beitrag

zurueck_zum_beton

Postings: 174

Registriert seit 07.07.2013

2016-10-18 09:41:36 Uhr
Ich hab mich nach Brüssel aufgemacht, um Stars of the Lid in der Begijnhofkerk zu bestaunen. 70 minütiger Auftritt vor 700 Leuten in wundervollem Ambiente, die meisten stehend. Ich hatte das Glück, auf einem der ca. 250 unbequemen Holzstühlen Platz nehmen zu können, war aber fahrig und unkonzentriert ohne Ende; stressige Fahrt, viel umhergelaufen in Brüssel. Und deshalb fast verschenktes Konzert in Sachen Aufmerksamkeit, leider.

Fast bruchstückhafte Informationen/Assoziationen:
1. Der manngroße Moog, bedient von "the best Italian you can meet", wie Wiltzie meinte, hat wirklich heftigste Wirkung entfaltet.
2. Am Bass einer von Labradford.
3. Streicherquartett von den A Winged Victory for the Sullen-Konzerten bekannt.
4. Wahnsinnig schöne Light-Show, gerade zu Beginn. Die Lichter brachen in den Nebelschwaden, an den Musikern, an den Kirchenpfeilern. Blendeten allerdings auch derart die Augen, dass ich froh war als es vorbei war.
5. Immer mal wieder Bekanntes gehört, gerade "The Tired Sound" wird bei mir häufig gepumpt, allerdings kann ich es nicht allzu genau einordnen alles.

Die Kompositionen wurden allesamt filigran, schwerelos, einfach wundervoll vorgetragen, die wuchtigen Moog-Ausbrüche: Das war einfach nur eine unendliche Wand. Blöd nur, dass ich an dem Tag so verblödet verkorkst war.
The Triumph of Our Tired Eyes
2010-12-23 11:58:28 Uhr
Danke Beefy. Wie immer einer verlässliche Quelle:)
Beefy
2010-12-23 11:56:04 Uhr
Kommt drauf an... Ich war extrem begeistert von "And Their Refinement...", erwartete Ähnliches von der "Tired Sounds..." und war dann enttäuscht. Inzwischen mag ich es auch, aber kein Vergleich mit "Refinement", wenn du mich fragst.
The Triumph of Our Tired Eyes
2010-12-23 11:21:54 Uhr
Ist die "Tired Sounds..." empfehlenswert?
The Triumph of Our Tired Eyes
2010-07-27 09:21:37 Uhr
Unbedingt mal inmitten von redenden Leuten hören. Im Zug zum Beispiel. Da ist es noch eine Klasse besser.
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