Marillion - Somewhere else

Marillion- Somewhere else

Absolute / Rough Trade
VÖ: 13.04.2007

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Schlagabtausch

Auch bei Stilgründern werden die Schläfen irgendwann grau. Wir erinnern uns: Vor ziemlich genau 25 Jahren zog "Script for a jester's tear" den an selbstverliebtem Artrock-Gefrickel zugrunde gegangenen Prog aus der Leichenkammer; die Vorsilbe "Neo" wurde durch kompakte und spannende Songs auf höchstem instrumentalen Niveau definiert. Und exakt darauf hatte man Ende der Neunziger nun so überhaupt keinen Bock mehr und veröffentlichte so manch bestenfalls umstrittenes Album. Leider, und jetzt schlagen wir endlich den Bogen zur eingangs erwähnten Haartracht, geriet "Marbles" 2004 so satt, dass zwar so etwas wie Besinnung auf alte Stärken deutlich wurde, der erhoffte Befreiungsschlag jedoch zum leichten Tätscheln missriet.

Nun also der nächste Versuch einer Großtat: Und in der Tat verrät der Blick auf die Spielzeiten, dass Kompaktheit das Ziel war. Schon mal gut. Noch besser der Opener, dessen schräge Harmonien anfangs an die Psychedelia-Großtat "Tomorrow never knows" von den Beatles erinnern. Bei "See it like a baby" zeigt Pete Trawavas, wie man ohne exaltiertes Gefrickel, dafür aber mit einem souveränen Basslauf höchst effiziente Soundteppiche bauen kann. Und selbst das aufgrund Steve Hogarths an dieser Stelle arg nöligen Gesangs sehr gewöhnungsbedürftige "Thank you whoever you are" kann gegen Ende doch noch dank eines wunderbaren Rothery-Solos überzeugen. Ansonsten gilt endlich wieder höchst neoproggig: Der Song ist der Star. Jegliche Ansätze von Selbstzufriedenheit werden zum Beispiel vom ruppigen "Most toys" im Keim erstickt.

Dass Marillion-Songs im Vergleich zu anderen Bands eine extrem lange Wachstumsphase haben, dürfte mittlerweile hinlänglich bekannt sein. Aber diesmal findet man diese Tendenz sogar innerhalb des Albums. Anders ausgedrückt: Die Songs gehören in exakt dieser Folge auf die Platte. Und gegen Mitte wird's dann nicht nur sehr gut, sondern brillant. Zum Beispiel mit "No such thing", für das Hogarths Stimme durch diverse gerade greifbare Leslies gejagt wurde. Oder den wunderbaren Rocker "The wound". Oder oder oder.

Befreiungsschlag, Boxen, wissenschon: Will man in der Metapher bleiben, war "Marbles" rückblickend das Sparring. "Somewhere else" hingegen ist der große Kampf des Champions, den niemand mehr auf dem Schirm hatte. Natürlich bleiben "Holidays in Eden" oder "Brave" auf ewig unerreicht. Aber "Somewhere else" ist mal eben eine der besten Platten der Hogarth-Ära. Kein Power-Pop wie erstere, keine Düsternis wie letztere. Sondern einfach nur zeitlos starke Songs. Die Nachfolger wie Riverside müssen noch ein wenig in der Warteschleife bleiben. Noch gibt es keine Lücke, die zu füllen wäre.

(Markus Bellmann)

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Highlights

  • No such thing
  • Most toys
  • The wound

Tracklist

  1. Other half
  2. See it like a baby
  3. Thank you whoever you are
  4. Most toys
  5. Somewhere else
  6. Voice >from the past
  7. No such thing
  8. The wound
  9. Last century for man
  10. Faith

Gesamtspielzeit: 52:03 min.

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