Porcupine Tree - Fear of a blank planet

Porcupine Tree- Fear of a blank planet

Roadrunner / Warner
VÖ: 13.04.2007

Unsere Bewertung: 9/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Die breite Masse

Beim Thema "Neue Songs" hört ja oftmals die Fanfreundlichkeit auf. Allzu oft hört man dann Sprüche wie "Wir machen die Musik, um uns künstlerisch zu verwirklichen, und wenn es den Fans gefällt, ist es doch toll, aber wir wollen uns nicht anbiedern. Bla fasel blubber." Ausgerechnet Steven Wilson, optisch ja der Inbegriff des introvertierten, verschrobenen Künstlers, geht mal wieder andere Wege. Nämlich indem auf der Tour im Herbst 2006 nicht etwa mal ein neuer Song als Appetitanreger gespielt wird, sondern eine komplette Konzerthalbzeit zum Betatest eines neuen Albums umfunktioniert wird. Die Reaktionen der Fans: Zuerst Erstaunen, dann Verblüffung - "Hui, ist das hart" -, dann Abfeierei. Was wohl gewesen wäre, wenn Porcupine Tree nach zehn Minuten von der Bühne gepfiffen worden wäre? Auf jeden Fall fanden in der Tat marginale Veränderungen an den Songs statt, zwei wurden gar komplett in die Rolle einer zukünftigen B-Seite verklappt. Doch der Reihe nach, vor allem für diejenigen, die nicht eins der letztjährigen Konzerte besucht haben:

Glotze und Daddelkonsolen. Die Sedativa des 21. Jahrhunderts. Abstumpfung und Vereinsamung trotz Hunderten von Einträgen in der Buddy-List des bevorzugten Chat-Clients. "X-Box is a God to me." Ja, Steven Wilson kotzt sich mal so richtig aus über die Medienblase. Das Cover, strahlt es Angst aus oder Aggression? Auf jeden Fall ist letzteres, gepaart mit bösem Zynismus, die vorherrschende Stimmung des Titelsongs, der in puncto Härte mal eben die letzten Alben der Band in den Schatten stellt. Aber bevor jetzt an Geknüppel gedacht wird, fängt einen brutale Vollbremsung "My ashes" wieder ein. Weniger Drama als seinerzeit bei "Lazarus" oder "Trains", aber so viel Pink Floyd wie lange nicht. Trotz atmosphärischer Störungen wie auf maximaler Distortion reißenden Gitarren über nur scheinbar beruhigenden Streichern.

Dann aber der Song, der den eigentlichen Fixpunkt der Platte bildet, nämlich das mehr als 17 Minuten lange "Anesthetize". Nach mehr als 20 Durchläufen immer noch nicht vollständig erforscht. Zunächst beginnt es sehr ruhig, versprüht aber durch beinahe Tribal-artiges Drumming Nervosität. Wieder bösartig verzerrte Gitarren, unter anderem die von Alex Lifeson (Rush). Doch das alles ist nur - wenn auch extrem kurzweiliges - Vorgeplänkel, bis nach etwa sechs Minuten die Riffs bösartiger werden. Und nach kurzer Zeit beginnt eine der Sternstunden des Prog: Was zwischen Minute sieben und zwölf passiert, ist nicht von dieser Welt. Eher simplistisches Gebrate vereint sich mit fragiler Melodie. In etwa wie Tool in ihren herausragenden Momenten, hier jedoch trotz des Themas irgendwie leichtfüßig. Um dann in einen brillanten Refrain zu kulminieren. "Anesthetize" legt den Finger in die Wunde, bohrt darin herum und streut noch eimerweise Salz hinein. "I'm watching TV / But I find it hard for me to stay conscious / I'm totally bored / But I can't switch off." Doch zum Glück endet dieser Song nicht abrupt mit Massen an Fragezeichen, sondern perlt langsam aus und verbreitet so Hoffnung.

Nach dieser Großtat fällt die Konzentration auf die folgenden Songs schwer, doch Porcupine Tree schaffen es, den Spannungsbogen aufrecht zu erhalten. Zum Beispiel mit dem hoch dramatischen "Way out of here", zu dem King-Crimson-Gitarrist Robert Fripp ein paar wunderbare Soundscapes malte. Und last but not least mit "Sleep together", ein weiteres Beispiel dafür, wie Wilson unzählige Einflüsse verarbeiten und in den Porcupine-Tree-Sound einflechten kann. In diesem Fall ist es ein wenig Elektronik: Der Refrain würde sich in dieser Form auch bestens bei Nine Inch Nails oder Depeche Mode machen. Und erneut wird die Gefühlsarmut der Generation Chat deutlich. "Let's sleep together / Right now / Release the pressure / Somehow." Der stilistisch überraschendste Song markiert somit einen grandiosen Schlusspunkt.

Eines ist definitiv klar: Die verspielten und introvertierten Klimpereien früher Alben sind Geschichte. Doch im Rückblick auf "In absentia" und "Deadwing", die beiden letzten Alben, wird ein Bild sichtbar, eine Entwicklung deutlich. Und während der Vorgänger, ein durchaus brillantes Album, durch "Lazarus" vor zu großer Härte bewahrt wurde, ist mit diesem Album eine umso faszinierendere Mischung aus Härte, Atmosphäre und großartigen Texten gelungen. Es gibt keine perfekten Alben, aber "Fear of a blank planet" ist verdammt nah dran.

(Markus Bellmann)

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Highlights

  • Anesthetize
  • Sleep together

Tracklist

  1. Fear of a blank planet
  2. My ashes
  3. Anesthetize
  4. Sentimental
  5. Way out of here
  6. Sleep together

Gesamtspielzeit: 50:51 min.

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User Beitrag

timo

Postings: 52

Registriert seit 28.07.2017

2017-08-15 21:59:05 Uhr
Ich weiß auch nicht warum incident so unterschätzt wird, das ist klasse!
Trotzdem ist FOABP für mich das knapp aber sicher beste Album aus allen Wilson Projekten


Da stimme ich Dir uneingeschränkt zu.

Gomes21

Postings: 2905

Registriert seit 20.06.2013

2017-08-06 19:59:56 Uhr
Ich weiß auch nicht warum incident so unterschätzt wird, das ist klasse!
Trotzdem ist FOABP für mich das knapp aber sicher beste Album aus allen Wilson Projekten

keenan

Postings: 1481

Registriert seit 14.06.2013

2017-08-06 19:14:58 Uhr
für mich sind "stupid dream", "in absentia" (mit abstand am besten prozuziertes pt album!) und "the incident"(meist unterschätztes pt album) klar bessere platten. abgesehen von "my ashes" und "anesthetize"(auch selten, da einige längen) höre ich keinen song mehr.
die nil reccuring ep, quasi die b-seiten von foabp, sagen mir da doch eher zu.
Cpt. Obvious
2017-08-06 14:25:10 Uhr
Und?

The MACHINA of God

Postings: 11134

Registriert seit 07.06.2013

2017-08-06 14:21:36 Uhr
Für mich wohl ihr bestes. Und ja, natürlich ist der 17-Minüter ungefähr Gott.
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