Die Fantastischen Vier - Fornika

Die Fantastischen Vier- Fornika

Columbia / Sony BMG
VÖ: 07.04.2007

Unsere Bewertung: 5/10

Eure Ø-Bewertung: 5/10

Stuttgarter Freiheit

Es scheint eines dieser unerklärlichen deutschen Dinger zu sein, dass die paar wirklich großen Bands, die es hier gibt, irgendwann aus ihrem ursprünglichen Genre herausfallen. Die Grenzen werden zu eng, die alten Spielplätze kicken nicht mehr. Und dann wird aus "Spaßpunks" wie den Ärzten eben eine Popband, so ganz einfach, ohne dass jemand länger darüber nachdenken müsste. Bei den Fantastischen Vier hat die gleiche Entwicklung spätestens vor zweieinhalb Jahren mit "Viel" ihren Abschluss gefunden, einer Platte, an der tatsächlich mehr dran war als nur Beats und Raps und Hooklines. Der nächste logische Schritt hätte also auch einer zurück sein können, so wie bei den Beastie Boys, die nach ihrer Allerlei-Platte "Hello nasty" beim Old-School-Bouncer "To the 5 boroughs" rauskamen. War aber nie eine Option. Wäre einfach zu einfach gewesen.

Dann lieber "Fornika", der - für die Verhältnisse der Fantastischen Vier - rasend schnelle Nachfolger. Sie haben sich diesmal gar nicht erst die Zeit gegeben, um auseinanderzudriften, konnten die zuletzt immer schwierigere Phase des gegenseitigen Beschnupperns und Wiederkennenlernens also gleich überspringen und sich stattdessen auf die gemeinsamen Nenner konzentrieren, die es immer noch - oder doch eher: wieder - gibt. Das siebte Album der Fantastischen Vier ist folgerichtig ihr bisher ambitioniertestes, auch motzigstes und schwierigstes. Es macht keinen Spaß, will auch gar keinen Spaß machen. Es will stattdessen was von einem.

Nur das Sirenenheulen von "Yeah yeah yeah" scheint am Anfang aufdringlich genug, um sich als Single zu empfehlen, getroffen hat das Schicksal aber "Ernten was wir säen" mit dem Sprachfehler und merkwürdigen Gitarrensurren oder was das sein soll. Thomas D. rappt sich sehr schön zur Schweineorgel in Rage, dem Chorus aber fehlt die Spritzigkeit - was ein allgemeines Problem von "Fornika" ist. Die aufwändig ausgebeulten Bläser aus "Nikki war nie weg" oder Smudo im Dendemann-Kostüm ganz vorne in "Einfach sein", das funktioniert trotz käsigem Grönemeyer-Refrain schon eher. Die Platte aber hat noch mehr vor, wird neblig und mysteriös, kommt aber doch nur zum Esoteriker-Klumpatsch durch, den Thomas D. schon vor sechs Jahren als halbes Hähnchen verkleidet mit "Lektionen in Demut" zur Schlachtbank geführt hatte.

Smudos für sich genommen geile Hasstiraden aus "Du mich auch" stehen da beinahe im Weg, eine gewisse Orientierungslosigkeit braucht aber sowieso erst keiner zu leugnen. Vielleicht ist die Platte deshalb am besten, wenn sie es sich leicht macht, den verkühlten Personalpronomen-Funk von "Du und sie und wir" oder "Ichisichisichisich" abspult und ihre Ressourcen nicht in die surrealen Y-Files-Welten aus "Mission Ypsilon" oder "Einsam und zurückgezogen" buttert. Vielleicht klingt sie wie aus vier kommenden Soloalben zusammenkompiliert, weil in Wahrheit das der nächste logische Schritt für den Rennfahrer, den Kommunenchef, den Style-DJ und den Beat-Tim-Taylor gewesen wäre. Kann man ja in fünf Jahren noch mal ausdiskutieren.

(Daniel Gerhardt)

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Highlights

  • Nikki war nie weg
  • Die und sie und wir

Tracklist

  1. Mehr nehmen
  2. Ernten was wir säen
  3. Einfach sein
  4. Yeah yeah yeah
  5. Nikki war nie weg
  6. Fornika
  7. Du mich auch
  8. Mission Ypsilon
  9. Ichisichisichisich
  10. Einsam und zurückgezogen
  11. Flüchtig
  12. Du und sie und wir
  13. Was bleibt

Gesamtspielzeit: 53:51 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
Murks
2009-08-21 15:08:10 Uhr
Alles nur Zeitgeist. In den 90ern war kommerzielle Problemthematik im HipHop in D nicht aktuell. Die Mehrheit der Jugend war noch positiv für ihre Zukunft. Heute ist das anders. Gottseidank, dass ich heute nichtmehr 14, 16 oder 18 bin.
Nur zur Info
2009-08-21 14:49:01 Uhr
1. Sido macht im Prinzip selber das was du als "Spaßrap" bezeichnest, mit den "Ghettorappern" (Bushido, Eko, Fler...), die ihre peinlichen Gnagsta-Lyrics tatsächlich ernst meinen hat Sido nicht (mehr) viel zu tun.

2. Angesichts einigen wirklich intelligenten, pfiffigen und aufgeweckten Lyrics des Deutschraps der 90er (EinsZwo, Deichkind, Fünf Sterne Deluxe, Beginner) sollte jedem vernünftigen Menschen eher bei den heute (oder auch schon wieder gestern) angesagten Präkariats-Rappern ohne Gefühl für Sprache, Flow und Rhythmus das "Fremdshäm"-Gefühl kommen als andersherum.
Pffft
2009-08-21 14:34:35 Uhr
Sido ? LOL
Walcott
2009-08-21 14:30:21 Uhr
Ich weiß nicht, seit HipHop von Sido und Konsorten auch hierzulande in die Ghetto-Schiene befördert worden ist, kann ich mir die alten 90s-Spaßrap-Helden wie Fettes Brot oder die Fantas irgendwie nicht mehr anhören ohne in Fremdscham zu verfallen - und das obwohl ich Aggro nun mal gar nicht so mag. Für mich sind das ein paar Enddreißiger, die für ihre mittlerweile eher seichten Texte eine Ausdrucksform gewählt haben, die heute die einer völlig anderen Subkultur ist.
afromme
2007-12-17 18:44:45 Uhr
Hab gerade die Rezension noch einmal gelesen und stelle - ohne großer Fanta4-Fan zu sein, Fornika ist mein erstes Studioalbum von denen - fest, dass ich die irgendwie so gar nicht unterstützen kann. Bis hin zu den ausgewählten Highlights, die für mich - neben dem obligatorischen Thomas D.-Lektionen-in-Hausfrauenpholosophie-Ding "Flüchtig" - die schlechtesten Stücke des Albums sind.
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