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Nick Cave & The Bad Seeds - No more shall we part

Nick Cave & The Bad Seeds- No more shall we part

Mute / Labels / Virgin / EMI
VÖ: 02.04.2001

Unsere Bewertung: 9/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Der Himmel kann warten

Gibt es ein Leben nach dem Best Of-Album? Man hätte davon ausgehen können, daß Nick Cave nach neun regulären Alben und einer Best Of-Compilation an einem Punkt angekommen ist, an dem er als Künstler alles erreicht hat. Als Meister der Düsternis hat er sich über die Jahre hinweg den Respekt und die Ehrfurcht der gesamten Musikwelt erarbeitet und genießt eine unantastbare Sonderstellung, die momentan als Solokünstler höchstens noch Johnny Cash vorbehalten ist. Doch ausgerechnet an dieser Stelle seiner Karriere, an der der Weg ihn nicht mehr weiterzuführen scheint, setzt sich Nick Cave nicht zur besinnlichen Ruhe, sondern veröffentlicht mit "No more shall we part" das, was manche bereits hinter "Let love in" vermutet hatten: sein ganz persönliches Opus Magnum, das ultimative Meisterwerk einer an großartigen Platten nicht armen Karriere. "No more shall we part" könnte den Titel "Best Of" ohne weiteres für sich alleine beanspruchen, vereint alle seine bisherigen Werke und geht gleichzeitig einen Schritt weiter in eine Dimension, in die Cave noch nie vorgedrungen ist.

"As I sat sadly by her side" öffnet die Tore zum musikalischen Theater Nick Caves, das keineswegs Fiktion ist, sondern ein facettenreiches Spiegelbild des Lebens präsentiert. Doch bevor die Seele offen gelegt werden kann, muß sie gereinigt werden, und diese Funktion erfüllt der Opener "As I sat sadly by her side", ein Dialog mit einer nicht näher bestimmten Person, die die Theorie vom vorbestimmten Schicksal ad absurdum führt. Schwarze Löcher tun sich auf und saugen die Macht der Gewohnheit in sich hinein. "God has given you but one heart / You are not a home for the hearts of your brothers / And God does not care for your benevolence" Der Mensch ist seines eigenen Glückes Schmied und hat sein Schicksal selbst in der Hand. Die Katharsis zum Auftakt ebnet den Weg in eine andere Welt.

"The ring is locked upon the finger" heißt es im zweiten Stück "And no more shall we part", das als ewig währende Liebeserklärung an eine Frau anmutet, bis Nick Cave mit den Worten "Lord, stay by me / Don't go down / I will never be free / If I'm not free now" die Spannung löst. "No more shall we part" ist in der Tat ein sehr religiöses Album, das dabei aber weit von dem bloßen Zweck entfernt ist, Stoßgebete gen Himmel zu schicken. Wenn Nick Cave eindringlich zu Gott spricht - und das tut er auf "No more shall we part" sehr oft - so spricht er mindestens genausosehr zu sich selbst, und wenn er Gott in Frage stellt, stellt er gleichzeitig sich selbst in Frage. "Oh Lord / How have I offended thee? Wrap your tender arms around me" hadert er und strahlt damit Reue, Skepsis und Zuversicht zugleich aus.

Die achtköpfigen Bad Seeds halten sich über die Distanz des Albums meist im Hintergrund und lassen Caves Klagegesang den Raum, den er benötigt, um ihn zu erfüllen. Er und sein Klavier sehen dem undurchdinglichen Nebel ins Auge und bringen ein leises Funkeln in die bedrohliche Dunkelheit. Gerade die lauten Gefühlsausbrüche in "Fifteen feet of pure white snow", "Oh my Lord" oder "The sorrowful wife" schließlich zeigen einen Nick Cave, der erst jetzt in aller Vollkommenheit in seiner Musik aufgegangen ist.

"No more shall we part" porträtiert die Seele in den drei Grundfarben der Existenz und zeichnet zwölf Gemälde von unbeschreiblicher Schönheit - Weiß wie Schnee, Rot wie Blut und Schwarz wie Ebenholz. "Through the churchyard I wandered / Sat for a spell there and I pondered / My back to the gates to the garden" singt er bebend im vorletzten Stück und verabredet sich schließlich mit der Bitte "Won't you meet me at the gates to the garden" mit dem Schöpfer an der Grenze des Daseins. Das Album endet mit den Worten "It seems so long since you went away / And I just got to say / That it grows darker with the day." Bei aller Verzweiflung spricht vor allem Erleichterung aus Nick Caves Stimme. Er hat seine innere Ruhe gefunden und sie in einem Album für 1001 Nacht aufgezeichnet, in dem Mann und Frau, Innen und Außen, Diesseits und Jenseits untrennbar verschmelzen. "And no more shall we part / It will no longer be neccessary." Sie werden für immer zusammenbleiben, bis nicht einmal mehr der Tod sie scheiden kann.

(Armin Linder)

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Highlights

  • As I sat sadly by her side
  • Fifteen feet of pure white snow
  • Oh my Lord
  • Gates to the garden

Tracklist

  1. As I sat sadly by her side
  2. And no more shall we part
  3. Hallelujah
  4. Love letter
  5. Fifteen feet of pure white snow
  6. God is in the house
  7. Oh my Lord
  8. Sweetheart come
  9. The sorrowful wife
  10. We came along this road
  11. Gates to the garden
  12. Darker with the day

Gesamtspielzeit: 67:41 min.

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