Destroyer - Destroyer's rubies

Destroyer- Destroyer's rubies

Acuarela / Hausmusik / Indigo
VÖ: 16.03.2007

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Besser spät

Es ist eine Schande. Vermaledeit, doof und unsäglich schade. Der Destroyer-Kopf Daniel Bejar hat es nicht leicht. Er bekommt in der guten alten Welt einfach keinen Stein ins Brett. Dabei bezeichnet Bejar seine Kreationen doch überaus mutig als "European Blues". Aber dieser europäisch geprägte Demonstration an Gemütsleiden bleibt unverständlicherweise jegliche Chance auf Eingliederung verwährt. Wir schreiben den 6. März 2006: Also fast auf den Tag genau ein Jahr in Richtung Vergangenheit - damals erschien Bejars siebtes Album "Destroyer's rubies" in seinem Heimatland Kanada und natürlich im großen, südlich gelegenen Anhang, genannt USA. Im Zeitalter von ozeanübergreifenden Mailordervereinen stellt es kein Problem mehr dar, sich seine heiß begehrte Destroyer-Veröffentlichung vorzeitig zu sichern. Die drei folgenden Wochen Lieferzeit kann man anschließend dazu nutzen, die Finger in Vorfreude wund zu reiben. Aber: Einfacher wäre schöner wäre absatz- und gemeinschaftsfördernder. Wieso bleibt es also einem so begnadeten Künstler wie Bejar versagt, pünktlich und unverzögert bei uns anzudocken, wo wir uns doch jede Woche an einer Masse an neuenglischer Gleichförmigkeit abarbeiten müssen? Nicht aufregen: herzlich willkommen!

Innovation und Einzigartigkeit - dies alles und gleich noch ein zusätzlicher Packen an positiven Eigenschaften stellte Bejar seit seinem ruppigen LoFi-Debüt "We'll build them a golden bridge" (1996) dar. Und jedes neue Album blies zur Gewissheit: Hinter diesem stets bärtigen Kerl, der ab und an die Gitarre der New Pornographers schwingt, steckt ein Insulaner, ein Lonesome Cowboy, ein unbändiger Einzelgänger. Ein Mann, der sich in seinen Kompositionen nicht ansatzweise um aktuelle Trends und Richtungsweisungen schert. Mit Zeitzeichen von selbstgefälliger sowie -darstellender Abtrünnigkeit schmückt er sich dabei aber ebenso wenig, sondern hält lieber an seinem Grundkonzept von keifendem Rock'n'Roll der Siebzigerjahre und ausufernder, synthesizerverhangenen Theatralik im Geiste David Bowies fest. Das alles stehend auf einem Fundament von gewollter, gegenwärtiger Imperfektion und Unfertigkeit, so dass die Nähe zu seinen Vorbildern nach und nach schmilzt. Nachdem er zuletzt in seinem großartigen, unkonventionellen Prachtexemplar "Your blues" auf eine abenteuerlich-einseitige Instrumentierung an alten Roland- und Kurtzweil-Keyboards setzte, kehrt er mit "Destroyer's rubies" zu traditionellen Arrangements von Piano, Gitarre, Bass und Drums zurück, die durch die wohlige Integration von Trompete, Saxophon, Orgel und Vibraphon ergänzt werden. Noch klassischer und solider, als man es bisher von ihm gewohnt war.

"Destroyer' rubies" startet mit einer zehnminütigen, mehrteiligen Fanfare, die selbst in der persönlichen Diskografie Bejars vergeblich nach Epigonen Ausschau hält. Spanischer Folk mündet in herrlich überladende wie verzerrte Gitarren. Drums klicken und klacken im wildem Stakkato und befreien sich von jeglicher bandinterner Rangordnung. Bejars Lyrics sind so kryptisch und elegant wie eh und je und bedienen sich im heißblütigen Durcheinander an hundert Jahren Literaturgeschichte. Er verfällt dabei immer wieder wilden Monologisierungsschüben, ebbt plötzlich zum süßlich gesäuselten Refrain und stolpert nicht selten über einsame gepredigte "Lalala"-Chöre, die alle hier versammelten Arien zieren und vervollkommnen.

Auf dem Thron des Dramas, der Theatralik steht Bejar, verewigt seine Botschaften in impulsiven Rausch und Überschwang - so, als seien sie seine Passion sein einziger Auftrag auf Erden ("Your blood", "European oils"). Dabei geht er weitaus unaufgeregter zu Werke, als zu früheren Zeiten, als seine Stimme ein Fass ohne Boden darstellte. Die sechsköpfige Band präsentiert sich als gezügelte Bar-Blues-Combo, die ihn vor allem im zweiten Teil zur schwärmerischen Reserviertheit zwingt ("A dangerous woman to a point", "Priest's knees"). Diese neuartige, pianozentrierte Selbstbeherrschung gliedert sich in hervorragender Weise ein in den Bejarschen Eigenbrötlerkosmos und verfeinert die Darbietungen zu wohldurchdachten Hymnen, die Destroyers bisherigem Opus Magnum "Streethawk: A seduction" mächtig Konkurrenz machen. Egal, ob die Band auf großer oder kleiner Spur fährt, man mag sich kaum entscheiden, für welches der zehn Stücke das Herz am höchsten schlägt. Nach einjährigem Reifeprozess hat man Sicherheit: Meisterwerk. Und sein Schöpfer spielt in einer eigenen Liga.

(Markus Wollmann)

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Highlights

  • Rubies
  • Your blood
  • Looter's follies
  • Priest's knees

Tracklist

  1. Rubies
  2. Your blood
  3. European oils
  4. Painter in the pocket
  5. Looter's Folies
  6. 3000 flowers
  7. A dangerous woman up to a point
  8. Priest's knees
  9. Watercolours into the ocean
  10. Sick priest learns to last forever

Gesamtspielzeit: 53:49 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
Andersseher
2012-05-25 12:33:42 Uhr
Das sehe ich anders.
Greylight
2012-05-25 11:50:37 Uhr
Von Pitchie gefeierte Langeweile. Live auch noch absolut grottig. Die komplette Band ist sowas von talentfrei. Die Platten spießiger Müll.

2012-05-25 11:43:04 Uhr
Hast du nen Sprung in der Platte?
Bauder
2012-05-25 11:40:21 Uhr
Ja, ist auf jeden Fall zu empfehlen. Auch die "Früheren" Sachen sind mehr als Klasse.
City of Daughters (wächst bei mir immer mehr, so simpel, beeindruckend), Streethawk (Wahnsinn) und Thief
Auch auf "This Night" sind ein paar tolle Sachen drauf z.B.
Übersong: Goddess of Drought
saihttam
2012-05-17 03:11:28 Uhr
nach dem dritten hören ziemlich toll! ich sollte mich echt mal ein bisschen mehr mit Destroyer beschäftigen. kenne bisher nur diese hier und Kaputt, die ja auch wirklich gut ist.
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