Tokio Hotel - Zimmer 483

Tokio Hotel- Zimmer 483

Universal
VÖ: 23.02.2007

Unsere Bewertung: 3/10

Eure Ø-Bewertung: 5/10

Die junge Union

Vieles wurde prophezeit. Der Untergang des Abendlandes. Oder auch das rasche Ende einer Band, die schneller wieder in der Versenkung verschwinden würde, als sie aufgetaucht ist. Nichts von beidem ist passiert. Langweilig wurde es um Tokio Hotel trotzdem nie. Die vergangenen anderthalb Jahre im Schnelldurchlauf (Bitte nicht mehr anrufen, Wiederholung!): "Durch den Monsun" wird veröffentlicht und steigt von 0 auf 1 in die Singlecharts ein. Knapp 40.000 Postings rattern in einen einzigen Forums-Thread und sprengen alle bislang auf Plattentests.de dagewesenen Dimensionen. Erboste E-Mails erreichen die Redaktion, weil ebendort angebliche Handynummern von Frontmann Bill gepostet werden, welche in Wirklichkeit Privatpersonen gehören - die wiederum vor lauter Fananrufen kaum mehr ein Auge zu tun können. Die Original-Demo-CDs der Vorgängerband Devilish erzielen bei eBay vierstellige Summen. Das Feuilleton bekommt mit hinreißender Verspätung Wind von dem Phänomen Tokio Hotel und bemüht haarsträubende Beatles-Vergleiche. Der Hass auf die Band und ihre Fans erreicht ungekannte Ausmaße und gipfelt in drolligen Webcam-Gegenplädoyers von Fans. Das Debütalbum "Schrei" verkauft sich anderthalb Millionen Mal.

Irgendwann dann der Wendepunkt: Mehr und mehr erwachsene Menschen räumen ein, dass "Durch den Monsun" doch gar kein so schlechter Song sei und man doch den jungen Leuten ihre Freude lassen solle. Die wiederum haben entweder bereits das Interesse verloren - die ersten Seiten mit Titeln wie "Tokio Hotel 4ever" sind schon wieder wundersamerweise "4ever offline". Oder sie haben einfach nur Tokio Hotel zur neuen Lieblingsband ernannt, mit aller Hingabe, aber ohne Hysterie. Heute nun ist es so: Die Veröffentlichung des zweiten Albums "Zimmer 483" sorgt bei Fans für Jubel, bei allen anderen für Kenntnisnahme und Gleichgültigkeit. Die großen Gefühlsregungen? Waren gestern. Die Grabenkämpfe? Passé. Die Band? Denkt gar nicht daran, wieder zu verschwinden, sondern ist dabei, sich längerfristig zu etablieren. Das muss man wohl so hinnehmen. War doch alles gar nicht so schlimm und hat kaum weh getan, oder?

Will wirklich jemand wissen, wie dieses "Zimmer 483" klingt? Also denn: Es ist tatsächlich einen Tick härter als "Schrei", zwar mit einfachen Strukturen versehen, aber auch durchaus mit kernigen Gitarren. Die Songs sind weitgehend langweilig, selten schlimm. Die Texte kann man Tokio Hotel auch nicht verübeln, die sind eben von 17-jährigen für 14-jährige, aber im Rahmen ihrer Möglichkeiten durchaus einfühlsam, sozialkritisch und verantwortungsbewusst. Wenn etwas latent nervt, dann ist es Bill Kaulitz' Stimme. Das Kerlchen hat sein Kindertimbre zwar abgelegt, der raue, oft kieksende Singsang wurde jedoch derart penetrant in den Vordergrund gemischt, dass die sicher überragenden Spielkünste der Kollegen an den Instrumenten viel zu kurz kommen.

Es gibt einige Ärgernisse wie "Heilig", nach dessen langgezogenem Refrain man drei Kreuze macht, weil er endlich vorbei ist. Es gibt bemühte Plätscherer wie "Ich brech aus", "Spring nicht" oder "Wo sind Eure Hände", die genau klingen wie ihre Titel. Aber auch Oha-Erlebnisse wie die erste Single "Übers Ende der Welt", die anfängt wie ein Placebo-Song. Und der man nicht mal dann ans Bein pissen könnte, wenn man ein Hund mit Blasenschwäche wäre. Auch "Vergessene Kinder" macht seine Sache als Verbrüderungshymne aller Heranwachsenden gut: "Name unbekannt / Endlos weggerannt / Aus der Welt verbannt / Vergessene Kinder / Sie sehen, sie fühlen, verstehen / Genau wie wir." Der Text ist so rührselig, dass er glatt bei Johannes B. Kerner auftreten könnte. Und spätestens, wenn gegen Ende der Kinderchor einsetzt, lächelt man doch anerkennend.

Einen Song durften die Kaulitz-Brüder sogar ganz alleine verfassen, ohne die schützenden Hände ihrer Mentoren: "Wir sterben niemals aus" fügt sich nahtlos ein, und auch wenn der Titel einen "Unkraut vergeht nicht"-Kalauer provozieren würde und in diese Rezension bestimmt zwei Dutzend mehr plumpe Witze gepasst hätten: Lassen wir es gut sein. Das Styling der Band und die ganze Image-Maschinerie mögen nicht aufrichtig sein, die Menschen dahinter bleiben aber noch klar erkennbar. Die Songs sind konstruiert, die Akkorde echt. Man wird im Musikbusiness von so vielen Kunstprodukten verarscht, mit Klingeltönen abgezockt, mit Retorten-Bands überhäuft, dass diese aufgebrezelten Jünglinge aus dem Magdeburger Probekeller fast schon so etwas wie Authentizität in den Bravo-Kosmos zaubern. Wenn sie nicht den Job als Teenie-Band Nummer eins inne hätten, wäre es eine andere. Vielleicht gar eine schlimmere. Tokio Hotel gehen schon in Ordnung. Als Soundtrack einer Generation, den nicht jeder verstehen muss. Die Welt ist groß genug, um einen Bogen darum zu machen.

(Armin Linder)

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Highlights

  • Übers Ende der Welt
  • Vergessene Kinder

Tracklist

  1. Übers Ende der Welt
  2. Totgeliebt
  3. Spring nicht
  4. Heilig
  5. Wo sind Eure Hände
  6. Stich ins Glück
  7. Ich brech aus
  8. Reden
  9. Nach Dir kommt nichts
  10. Wir sterben niemals aus
  11. Vergessene Kinder
  12. An Deiner Seite (Ich bin da)

Gesamtspielzeit: 45:48 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
Liam
2016-07-28 08:53:28 Uhr
Also ich find 's großartig!!!
bombay
2013-04-18 18:35:35 Uhr
eine der erfolgreichsten bands deutschlands
Bobo
2008-09-04 18:43:17 Uhr
Bill bekommt jetzt eine wachsfigur bei madame tusssauds Oo
Beowulf
2008-09-04 05:42:48 Uhr
o.O warum antwortest du auf ne Frage die vor über einem Jahr gestellt wurde. Sollte 80 ihr/sein Alter sein, könnte sie/er im ungünstigsten Fall überhaupt nicht mehr antworten ...
Raventhird
2008-09-04 00:00:53 Uhr
Sunny80 (13.08.2007 - 13:17 Uhr):

...


Ich hoffe ernsthaft, dass die 80 nicht für Dein Geburtsjahr steht. Deine Frage von weiter oben, warum in den vielen Presseberichten die Musik nicht erwähnt wird, kann ich beantworten (ist aber eigentlich schon fast selbsterklärend): Sie ist der Rede nicht wert.

Viele Grüße :).
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