Flowerpornoes - Wie oft musst Du vor die Wand laufen, bis der Himmel sich auftut?

Flowerpornoes- Wie oft musst Du vor die Wand laufen, bis der Himmel sich auftut?

V2 / Rough Trade
VÖ: 02.03.2007

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Titelstory gegen ganzseitige Anzeige

Plötzlich ist sie da. Diagnose: Nostalgie, akutes Stadium. Schon die unscharfen Gitarren und der etwas träge Groove erfüllen die hoffnungsfrohe Vorfreude vortrefflich. Und erst diese altersweise Kleinjungenstimme: "Hier kommen die Jungs mit den Ego-Problemen / Und ihrem Hang zu arroganten Frauen / Hier kommt das Leben und was davon übrig blieb." Die Flowerpornoes sind zurück. Das ist wie Sex mit der Ex. Nach all den Jahren.

Die frühen Neunziger: Zwischen all den wehenden Flanellhemden war es mehr als nur nerdig, melancholisch-sperrigen Folkrock zu machen. Und dann auch noch mit deutschen Texten. Intellektueller Scheiß. Und Duisburg war schon mal gar nicht Seattle. Sänger Tom Liwa aber ahnte schon 1993, was da noch kommen würde: "Fünf Jahre nach mir und drei Jahre nach Blumfeld / Kaufen sie alles ein, was deutsch singt / Und laut genug lügen kann." Die Flowerpornoes hielten sich vornehm außen vor. Die verquere Zärtlichkeit ihrer Musik operierte mit offenem Akkord am offenen Herzen. Zerfließende Metaphernromantik, auf Moll gestimmt, einen Lufthauch neben dem Wohlklang. Viel mehr als hemmungslose Liebe war da nicht drin.

Leider war nach fünf Alben - darunter die brillanten "Mamas Pfirsiche (für schlechte Zeiten)", "Red nicht von Straßen, nicht von Zügen" und "Ich & ich" - erst einmal Schluss. Liwa verlor sich nach dem ebenfalls begeisternden "St. Amour" über die Jahre immer mehr in Esoterik und Schluffigkeit. Und spielte irgendwann doch wieder die alten Lieder, die plötzlich wieder mit ihm zu tun hatten. Da war dann auch schnell der Name Flowerpornoes wiedergefunden. Nach und nach stießen sogar die alten Gefährten mit dazu. "Wie oft musst Du vor die Wand laufen, bis der Himmel sich auftut?" So lange, bis die Flowerpornoes wieder Flowerpornoes-Musik machen.

Verwaschen. Unprätentiös. Verträumt. Verplant. Liwa kräht zum untergerührten Gitarrenrabatz, der richtig laut sein könnte, wäre er nicht so leise. "Hier kommt Rock'n'Roll" muss dann wohl Ironie sein. Aber die mindestens verklärte Erinnerung an den alten Aufruhr streichelt ums Herz. "Wenn Du die Liebe siehst / Sag ihr, ich bin hier unten." Es sind solche Zweizeiler, die einen gleich wieder so aufwühlen wie damals. Winzig kleine Geigen wie in "Apfelkern", das liebevolle Zupfen "Auf der Baustelle" oder auf "Tahiti", die trägen Vokale in "Zahnarzttochter". Man rätselt wieder über diese Textzeilen: "Du bist nicht gerne nackt / Vor allem nicht allein / Doch ich bin dieses Kleid." Herrlich.

Und während man sich eigentlich noch sträuben will, hat sich das vermeintlich ungelenke "Mikado" schon angekuschelt. Ist der sentimentale Groove von "Nicolas H." längst als der verlorene Freund von damals erkannt. Werden die wunderbar obsoleten Schluderriffs von "Österreich", das früher einmal "Indien" war, liebgewonnen und das tolle "Sigmund Grimm" zum neuen besten Kumpel. Nicht nur von alten Hymnen wie "Bleib bei Dir", "Eng in meinem Leben" oder "Lieber als hier". Liwa haucht, sprechsingt, verheddert Symbole. "Erst wenn wir ein Teil davon sind / Erkennst Du den wirklichen Sinn." Im Zusammenhang mit dieser Band wird alles logisch. Selbst wenn "Wie oft musst Du vor die Wand laufen, bis der Himmel sich auftut?" nur das freudige Streicheln eigener Erinnerungen sein sollte. Ohne Zweifel, ohne Gewissensbisse. Wie beim Sex mit der Ex. Nach all den Jahren. Das könnte glatt wieder Stoff für einen neuen Liwa-Text abgeben.

(Oliver Ding)

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Highlights

  • Rock'n'Roll
  • Auf der Baustelle
  • Sigmund Grimm
  • Österreich

Tracklist

  1. Rock'n'Roll
  2. Apfelkern
  3. Tahiti
  4. Kerstin Loose
  5. Zahnarzttochter
  6. Mikado
  7. Auf der Baustelle
  8. Sigmund Grimm
  9. Nicolas H.
  10. Österreich
  11. Tänzer

Gesamtspielzeit: 50:29 min.

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