Orgy - Vapor transmission

Orgy- Vapor transmission

WEA
VÖ: 26.03.2001

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Computerliebe

Einen quälenden Hunger, der sich der gesamten Magengegend ermächtigt hat, kann man mit einem fettig-triefenden Hamburger bekanntlich nicht stillen. Um ihn für kurze Zeit zu besiegen, genügt er allerdings vollends, und auf eine ganz bizarre Art glücklich ist man nach dem Verzehr des Pappkameraden auch. Ähnlich ergeht es einem, nachdem das neue Orgy-Album auf dem heimischen (Platten-) Teller gelandet ist: Für den Moment ist das Ganze großartig, beeindruckend und erfüllend - im globalen Kontext der Musikgeschichte jedoch stellt "Vapor transmission" nur eine unwesentliche Fußnote, eine beiläufige Momentaufnahme oder einen einzigen Wimpernschlag dar.

Wohlplazierte Technik-Tüfteleien geben sich die Hand mit wunderschönen Melodiebögen und zart in das Gesamtkunstwerk eingewobenen, etwas im Hintergrund angesiedelten Gitarrenwellen. Bilder drängen sich auf, die von Geschichten erzählen, in denen Kälte und Distanz regieren. Eine durch und durch technisierte Welt tut sich auf und umgibt den Menschen, der nur noch funktionieren muß und seine rudimentäre Gefühlswelt am besten unter Verschluß hält. Wer dagegen aufbegehrt, wird kurz gehört und letztlich doch vom Sand der Realität verschüttet.

"Do you wonder what it's like / Living in a permanent imagination?" heißt es in "Fiction (Dreams in digital)", einem der Glanzstücke des Albums. Eine Flucht aus dem Alltag in die virtuelle Schattenwelt, die uns fernhält von den Banalitäten des so-called real life, wird thematisiert. Die Kontrolle übernehmen andere, die uns formen und nach ihren Wünschen regieren. "Before I shut you down" singt Jay Gordon und schließt mit einem finalen "You've made some changes / Since the virus caught you sleeping". Nicht nur Computer können in einer vernetzten Welt unmerklich von Eindringlingen infiziert werden. Die letzten verbliebenen Wünsche an das "echte" Leben sind vergebens. "I could've made a wish / But it wouldn't come true" lautet der finale Abgesang auf das längst verloren gegangene Land der Träume. Von Lügen umgeben unterwirft sich der Mensch den Autoritäten, die ihm rund um die Uhr aus den vor allem visuellen Medien entgegentreten. Für Widerstand ist es zu spät.

Ist nicht für den geneigten Leser jedes Buch von Stephen King für kurze Zeit das beste, was man je in der Hand und vor den Augen hatte? Kurzweilig und angemessen unterhalten zu werden, ist seit jeher ein Grundbedürfnis des Menschen. "Vapor transmission" sorgt für einen kurzen Moment für einen überwältigenden Bildersturm im Gehirn des Berieselten und erfüllt diesen Zweck damit ganz ausgezeichnet. Genau so lange, bis das nächste erfrischend schöne Werk erscheint und einen neuen Lieblingsfilm auf die geistige Leinwand projiziert.

(Torben Rosenbohm)

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Highlights

  • Fiction (dreams in digital)
  • Eva

Tracklist

  1. Vapor transmission (Intro)
  2. Suckerface
  3. The odyssey
  4. Opticon
  5. Fiction (Dreams in digital)
  6. Eva
  7. 107
  8. Dramatica
  9. Eyes-radio-lies
  10. Saving faces
  11. Re-creation
  12. Chasing sirens
  13. Where's Gerrold

Gesamtspielzeit: 47:40 min.

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  • Orgy (97 Beiträge / Letzter am 23.10.2005 - 02:10 Uhr)