Bloc Party - A weekend in the city

Bloc Party- A weekend in the city

Wichita / V2 / Rough Trade
VÖ: 02.02.2007

Unsere Bewertung: 9/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Alarmstufe: Rot

Hat eigentlich schon jemand versucht, sozialwissenschaftliche Maßstäbe an die sogenannten Konsensplatten anzulegen? Ein absurder Gedanke. Kann man wirklich unterstellen, am musikalischen Konsens ließen sich gesellschaftliche Entwicklungen ablesen? Stehen nicht gerade Kompromisse dem genauen Blick auf die Verwinklungen und Sollbruchstellen einer Gesellschaft im Weg? Sind es nicht die oft unvermuteten Schnittmengen, die den Konsens erst ermöglichen?

Nehmen wir einmal Großbritannien, was deswegen nahe liegt, weil die letzten drei Sieger des hiesigen Jahrespolls Machwerke von der Insel waren. 2004 stand man auf ein paar oberschlaue Anzugträger mit den raffinierten Stromlinienzapplern von "Franz Ferdinand". 2005 webten Bloc Party auf "Silent alarm" ein polyrhythmisches Netz aus Hubschraubergitarren und Melancholie. Und 2006 schrubbten sich die Arctic Monkeys mit "Whatever people say I am, that's what I'm not" ein unverschämt frühreifes Hitalbum aus den Pickeln. Drei Jahre, drei Stimmungen. Obwohl man die Bands gerne gemeinsam in die längst auseinander fallende New-Wave-Schublade wirft.

Wenn man nun die unterschiedliche Auslegung des Daseins als Engländer betrachtet, fallen Franz Ferdinand als Schotten sowieso heraus. Beschränken wir uns daher lieber auf den Vergleich der Sheffielder Rotzlöffel mit den Londoner Pathosgroovern. Die legen passenderweise mit "A weekend in the city" gerade den heiß erwarteten Nachfolger von "Silent alarm" vor und kommen dabei genau wie beim Vorgänger zu erschütternden Ergebnissen, für die man die Arctic Monkeys bei aller Sympathie für deren Unverfrorenheiten erst noch mit ein wenig Leben konfrontieren müsste. Es geht um abgestumpfte Gefühle und nach Aufmerksamkeit heischende Persönlichkeitswracks. Um schmerzende Leidenschaften und gesteuerte Ängste. Um Mord, um Totschlag und um den alltäglichen Rassismus. "A weekend in the city" ist ein Wochenende in jeder Stadt, die Dir Unbehagen bereitet.

Schon die beklemmende Kälte von "Song for Clay (Disappear here)" zerspringt in einem Gewirr aus Riffs, Schlagzeugstakkati und Wohlstandsseufzern. Champagner und Pillen rutschen leidenschaftslose Kehlen herunter und verdecken den metallischen Geschmack von Blut, während die Träume resignierender Einwanderer zerplatzen. "East London is a vampire / It sucks the joy right out of me." Kele Okereke zeichnet die Realität vor seinem Fenster nicht in Schwarzweiß, sondern in Grautönen. Und während er verstärkt Parallelen zum ganz privaten Erleben zieht, wird die Rolle seiner Band als die mit Abstand politischste unter den neuen britischen Rockern sogar noch deutlicher als auf dem Debüt. Okereke spürt all die Brüche in der ihn umgebenden Gesellschaft an der eigenen Haut und setzt sich dagegen zur Wehr. "Self-pity won't save you."

In "Hunting for witches" sitzt ein Durchschnittsbürger mit einem Sixpack Bier auf dem Dach und sucht nach den Terroristen da draußen, die seine heile Welt in die Luft sprengen. "The newscaster says the enemy's among us / As bombs explode on the 30 bus", weiß der erschütterte Mittelklässler. Und hält sich an seinem Gewehr fest. Dass ausgerechnet dieses Eingängigkeitsmonster eine solch verstörende Fußnote besitzt, läßt das Grinsen gefrieren und bremst trotzdem den Schwung nicht ansatzweise ab. Auf der anderen Seite flüchtet "Waiting for the 7.18" in eine übersichtliche Welt aus Kreuzworträtseln und Sudoku. Was man dort draußen nicht versteht, entschlüsselt sich vielleicht auf dem Papier. Ein kurzes Glück: "Just give me moments / Not hours or days."

Rings herum schrubben Synthesizer wie Gitarren, poltern Drum'n'Bass-Muster aus dem Schlagzeug gegen einen überzüchteten Drumcomputer an und klettert ein Rocksänger auf klassischen Melodiebögen in die Höhe. Keine Frage, es geht um Alternativen. Immer wieder bohren sich stolpernde Rhythmen und zittrige Riffs in diese elf Songs. Klettern erhebende Gitarrenflächen aus pumpenden Beats. Knurrt der Bass einen leuchtenden Refrain an. Perlen bittersüße Melodien von Riffkonstruktionen ab wie Wassertropfen von Lotusblättern. Angeblich flog sogar ein Verstärker aus dem ersten Stock, um den passenden Sound zu liefern. Und doch passt alles zusammen, um immer wieder einen anderen Sinn abzubekommen.

Da wird aus dem vermeintlich simplen Zuneigungsbekenntnis "I still remember" eine handfeste Geschlechtsverwirrung und aus der vermeintlichen Mauerhymne "Kreuzberg" eine Betrachtung über Sex und die missverstandene Liebe dahinter. Das einnehmende "Uniform" wettert gegen die Gleichschaltung der Jugendkultur. Das schwelgende "On" versucht, sich der gefährlichen Reize von Kokain zu erwehren. "SRXT" heißt wie ein Antidepressivum und portraitiert einen nicht begangenen Selbstmord. "Where is home?" sucht am Grab von Okerekes Cousin nach dem verlorengegangenen Konzept Heimat. "In every headline we are reminded that this is not home for us." Fremd im eigenen Land. Und in "Sunday" versteckt sich sogar so etwas wie Versöhnung: "You see, giant proclamations are all very well / But our love is louder than words."

"A weekend in the city" ist genau das überambitionierte Album geworden, mit dem Bloc Party schon gedroht hatten. Ein Wirrwarr aus Rhythmen, aus überfrachteten Gefühlseindrücken und stilistischen Sperenzchen. Komplex, sperrig, unbequem. Und trotz all den selbst ausgelegten Fallen der entwaffnende Beweis für die unverwechselbare Persönlichkeit dieser Band. "A battle that lasts a lifetime / A fight that never ends." Die vermeintliche Flucht in die Nachdenklichkeit stellt die Stärken sogar noch heraus. Das ständige Wechselspiel von Zugeknöpftheit und Offenherzigkeit, das Gegeneinander von komplexer Struktur und einnehmenden Melodien, das Hinundher von Geradeaus und Umdieecke. Die inneren Konflikte definieren das Sein. Und vielleicht liegt genau hier die Zukunft der globalisierten Gesellschaft: Zerrissenheit als Chance.

(Oliver Ding)

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Highlights

  • Song for Clay (Disappear here)
  • Hunting for witches
  • Uniform
  • Kreuzberg
  • I still remember

Tracklist

  1. Song for Clay (Disappear here)
  2. Hunting for witches
  3. Waiting for the 7.18
  4. The prayer
  5. Uniform
  6. On
  7. Where is home?
  8. Kreuzberg
  9. I still remember
  10. Sunday
  11. SRXT

Gesamtspielzeit: 51:47 min.

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MopedTobias

Postings: 7496

Registriert seit 10.09.2013

2016-02-11 16:38:45 Uhr
Kele lässt sich lyrisch ganz gut mit Tom Smith vergleichen, beide schreiben recht plakativ und simpel, aber irgendwie berührt's dann doch meistens (wenn der Song natürlich auch stimmt). Bei Kreuzberg zum Beispiel find ich die Lyrics bei aller Einfachheit auch genauso wunderschön wie die Musik.

jo

Postings: 254

Registriert seit 13.06.2013

2016-02-11 13:51:10 Uhr
Da stimme auch ich zu :).

The MACHINA of God

Postings: 7889

Registriert seit 07.06.2013

2016-02-11 13:22:14 Uhr
Bin da aber bei DC, wirklich toll find ich seine Texte eigentlich nie.

jo

Postings: 254

Registriert seit 13.06.2013

2016-02-11 13:18:30 Uhr
Was an den Synthies aber "Wohlklang" sein soll, verstehe ich noch weniger. Aber egal. Passt eben. Für mich zumindest. War für mich damals auch mit ein Grund, auf die Neuveröffentlichung des Albums zu warten und es dann erst zu kaufen.

Tim.

Postings: 1426

Registriert seit 14.08.2015

2016-02-11 11:57:29 Uhr
ich will das fass hier nicht aufmachen, aber der text ist so gesehen seit 15 jahren aktuell.

und ich finde durchaus dass es bessere texte von kele gibt, vor allem dann wenn sie abstrakter sind. das hier ist mir zu plakativ.
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