Oren Lavie - The opposite side of the sea

Oren Lavie- The opposite side of the sea

Tuition / Al!ve
VÖ: 02.02.2007

Unsere Bewertung: 3/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Wunschlos unglücklich

Ein geschäftstüchtiger Mann befährt sein Grundstück. Er parkt seine edle Karosse quer über seine vier Parkplätze, die den hauseigenen Tennisplatz etwas beschneiden. Über diesen herben architektonischen Fehler ärgert er sich heute noch. Mit stolz geschwellter Brust durchschreitet er sein prächtiges Anwesen; das makellose Weiß seiner Zähne glitzert in der Abendsonne. Sohn und Tochter überschütten den ankommenden Vater mit grenzenlosen Liebkosungen. Die Ehefrau eist sich los von den eingeschüchterten Hausangestellten, die sich für kurze Zeit von ihren endlosen Wutanfällen erholen können. Mit ihren wohlgeformten Kurven tanzt sie auf ihren Gatten zu und fällt ihm in erotischer Unterwürfigkeit in die Arme. Doch heute hat der Herr des Hauses beschlossen, sich nicht von seinem eigenen Glanz blenden zu lassen. Heute soll es etwas melancholischer und nachdenklicher zugehen im Zentrum der Glückseligkeit. Aber bitte auf Knopfdruck.

Für diesen speziellen Fall findet man in diesen Tagen im gutsortierten Tonträgermarkt ein ganz hervorragendes Exemplar an wiederverwendbarer Tristesse, die auch in hohen Dosierungen zu keinerlei Schäden, geschweige denn zu tiefgreifenden Erkenntnissen führen wird: Oren Lavie, der Neu-Berliner und frühere Theatermusiker, ist kein Mensch für die wirklich aufrührende Seelenschau, sondern auf das Wohl seines Publikums bedacht. Mit dem warm produzierten Kammerpop seines Debüts "The opposite of the sea", infiltriert mit jazzigen Touch, feinen Arrangements und balladesken Zügen, dürfte dem gebürtigen Israeli breite Zustimmung sicher sein. Ein zartes Streichen über die Saiten der Akustischen, ausformulierte Klangbilder des Pianos, packende Orchesteruntermalung. Eigentlich schön. Das hat auch TV-Sender ProSieben erkannt, die sich den ersten Song "Her morning elegance" für ihre Serie "Verrückt nach Clara" sicherten. Aber der Löffel der Erkenntnis kratzt auch an diesem Album und legt unmissverständliche Tatsachen frei.

Trotz der gelungenen Bemühungen im produktionstechnischen Rahmen findet sich auf "The opposite of the sea” die dreckige, kleine Schmeißfliege, die ununterbrochen stört und die instrumentalen Feinheiten weit in die Schatten stellt. Entlarven müssen wir in diesem Fall den Hauptakteur selbst. Lavie sieht sich als den lässigen Crooner, doch die Realität verschafft uns einen brummenden Leierkasten mit Überengagement. Schlimmer noch sind seine selbstverliebten lyrischen Ergüsse, die gewollt intellektuellen Poesiealben entstammen: "Now that you’re locked in a room / There is a room to assume / You are there for the cause / You’re not sure what it was / When you’re locked in a room." Oder auch: "’Cause trouble don’t rhyme / Trouble don’t rhyme / Well they do sometimes."

Ein Feuerwerk an solchen Nichtigkeiten des textlichen Horrorspiels gibt jeder Song auf "The opposite of the sea" preis. Lavie entpuppt sich als Songwriter, der Phrasen an die Wände wirft, die nichts als leere Worthülsen hinterlassen. Ein gewitzter Scharlatan, der jede vermatschte Pfütze zu einem lieblichen Tal der Tränen aufspült. Die katastrophalen Lyrics eröffnen ein Album voll schwer verhangener Symbolismen, die letztlich in einen Haufen leerer Metaphern münden und trotzdem nach geheimnisvollem Anspruch geifern. "The opposite of the sea" ist der stupide Ohrenschmaus mit Oberflächenpoesie, der auch Herrn Wunschlos-Glücklich das erhabene Gefühl verleihen wird, an etwas Großem teilzuhaben. Die Wahrheit aber sitzt tiefer.

(Markus Wollmann)

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Highlights

  • Ruby rises

Tracklist

  1. Her morning elegance
  2. The man who isn't there
  3. The opposite side of the sea
  4. Locked in a room
  5. Ruby rises
  6. A dream within a dream
  7. Trouble don't rhyme
  8. A short goodbye
  9. Don't let your hair grow too long
  10. Blue smile
  11. Quarter past wonderful

Gesamtspielzeit: 37:14 min.